Kunstturnen

Das war der eine Knack zuviel - Nils Haller tritt zurück

Seit er an der EM 2012 in Montpellier mit drei siebten Rängen geglänzt hat, haben Verletzungen die Karriere von Kunstturner Nils Haller geprägt. Damit ist jetzt Schluss.

Michael Schenk
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Nils Haller an der EM 2012 in Montpellier.

Nils Haller an der EM 2012 in Montpellier.

Keystone

Es gibt Sportlerkarrieren, die enden auf dem Höhepunkt, ohne dass dies den betroffenen Athleten bewusst wären. So wie im Fall Nils Haller: An den Europameisterschaften 2012 in Montpellier stand der Mann von der Kunstturn-Vereinigung des Kantons Solothurn mit drei siebten Rängen am Reck, dem Barren und mit dem Team auf dem Zenit seiner Karriere.

«Danach lief wirklich nicht mehr viel», sagt Haller. Eine Verletzung jagte fortan die andere. Wenn er einen Bruch, Riss oder eine Überdehnung auskuriert hatte und wieder «ready» war, voll ins Training einzusteigen, «chlepfte» es erneut. «Das ist das, was mental extrem ‹anhängt› und nur mühsam zu verarbeiten ist», räumt der 26-Jährige ein.

Kürzlich, es war im Training in Magglingen am Reck, als Haller bei einem Element ausschulterte und es wieder «gchroset het». «Ich habe sofort gewusst, dass etwas nicht gut ist.» Die Bizeps-Sehne und die Kapsel in der notabene bis dahin gesunden Schulter bekamen einen Riss. «Wollte ich meine Karriere fortsetzen, wäre eine Operation unumgänglich.» Da sich Haller aber entschieden hat, nach diesem neuerlichen Dampfhammer aufzuhören, lässt man das Ganze nun vorerst, wie es ist.

«Man will etwas erleben»

Schwermütig ist es dem Bieler trotz des abrupten Karriereendes nicht ums Herz. Er sei keiner, der zurückschaue. «Selbstverständlich wäre ich extrem gern mit dem Team an die Olympischen Spiele in Rio 2016 gefahren», sagt er. Allein, jetzt aufs Neue operieren und danach therapieren und sich gedulden, bis die Schulter wieder voll belastbar ist – um dann das Risiko in Kauf zu nehmen, dass im dümmsten Moment wieder etwas kaputt geht – das will der Seeländer nicht. «Als Turner will man an Wettkämpfen starten und etwas erleben und nicht ständig mit dem Physiotherapeuten arbeiten», sagt der Schweizermeister an den Ringen 2012.

Tief im Innern hat sich Nils Haller wohl schon länger vom Spitzensport verabschiedet. Letzten Sommer, als er wieder Mal lädiert «out of order» war, drehten sich die Gedanken schon mal ums Aufhören. «Ich wollte mir aber nicht vorwerfen, nicht alles versucht zu haben.» Nun ist aber endgültig Finito.

Sein Sportstudium, dass er 2013 begann, wird Haller fortan intensivieren. Ziel ist es, dem Turnen in irgendeiner Art erhalten zu bleiben. «Turnen ist meine Welt», sagt er. Ansonsten «freue ich mich sehr darauf, jetzt mehr Zeit fürs Reisen und meine Kollegen zu haben.» Reisetechnisch ist eine Destination schon so gut wie gebucht. «2016 möchte ich eine längere Südamerika-Reise machen.» Es wäre daher kein Zufall, wenn Nils Haller just dann in Rio aufkreuzt, wenn am Fuss des Zuckerhuts die Kunstturn-Olympiasieger gekürt werden. «Das kann durchaus sein», sagt er.