Unihockey-WM

Ein Genie, das wahnsinnig einsam ist

Wenn die Schweiz heute um eine WM-Medaille spielt, sitzt Weltklasse-Center Roger Gerber nur auf der Tribüne. Der Langenthaler bereut seinen Rücktritt nun ein wenig.

michael lüthi
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Vorläufig Vergangenheit

Vorläufig Vergangenheit

Solothurner Zeitung

Ende April dieses Jahr musste sich Roger Gerber (28) entscheiden, ob er bei den Weltmeisterschaften in Helsinki mittun will. Der Langenthaler, jahrelang Teamstütze von Wiler-Ersigen und nun in Schweden bei Mullsjö tätig, wollte nicht. «Ich habe damals gedacht, dass ich sowieso nicht mehr so lange spiele», blickt Gerber zurück. Vielleicht sei dieser Entscheid falsch gewesen. Irgendwie fehlte ihm damals die Lust auf seine vierten Welttitelkämpfe. Das ist heute etwas anders. «Es wurmt mich schon ein bisschen, dass ich nicht dabei bin.» Im gleichen Atemzug betont er aber: «Es stimmt aber trotzdem, so wie es nun halt ist. Ich habe schon seit Längerem eine Zerrung im linken Bein und hätte deshalb wohl sowieso nicht spielen können.»

Und als WM-Fahrer hätte Gerber unter Umständen viel mit Dopingkontrolleuren zu tun gehabt – «das wollte ich nicht». Irgendwie typisch für den sensiblen Menschen Gerber. Es ist ein herber Verlust für die Nationalmannschaft. Denn Gerber ist auf dem Feld ein Genie, ein Kreativ-Kopf, technisch der wohl beste Schweizer Unihockeyaner. Er gilt neben Matthias Hofbauer als bester Center des Landes.

Mitfiebern im Internet

Die ersten drei Schweizer WM-Auftritte hat sich Roger Gerber in seinem neuen zu Hause (Mullsjö in Schweden) im Internet angeschaut. Gestern verfolgte er vor Ort in Helsinki die Halbfinals und heute feuert er seine Teamkollegen von der Tribüne aus an, wenn diese um Edelmetall spielen. Aber das letzte Wort in Sachen Gerber und Weltmeisterschaften ist noch nicht gesprochen. In zwei Jahren findet der Megaevent in der Schweiz statt. «Es geht schnell bis dahin. Ich überlege mir, ob ich dann nochmals einen Anlauf nehmen will. Die Heim-WM ist bei mir im Hinterkopf», sagt er.

Im Moment spielt der Langenthaler in Schweden, in der besten Liga der Welt. Er hat in diesem Sommer bei Aufsteiger Mullsjö AIS angeheuert und wohnt seit Ende Juli in der gleichnamigen Gemeinde. Nur gerade 5500 Leute sind dort zu Hause. «Von meiner Wohnung aus sehe ich auf den See, den kleinen Bahnhof und das Dorfzentrum», erzählt er. Er wohne dort alleine und er sei auch viel alleine. «Es ist ein bisschen schwierig.» Arbeit habe er bisher auch nicht viel erhalten. Während sechs Wochen durfte er in einem Sägewerk arbeiten «und dreimal habe ich bei unserem Materialwart im Geschäft geholfen». Ansonsten ist Gerber eben viel allein. Ab und zu unternehme er etwas mit den Teamkollegen. Am meisten Kontakt pflegt er zur Familie von Andreas Hedlund, der einst mit Gerber gemeinsam bei Wiler-Ersigen stürmte. Bei Mutter Hedlund geht der Berner in den Schwedisch-Unterricht und mit dem Bruder war er schon zum Fischen.

Schwierige Saison in Schweden

Zur ganzen Einöde kommt hinzu, dass es Gerbers Mannschaft auch sportlich nicht läuft. Nach zehn Runden liegt Mullsjö mit lediglich zwei Punkten auf dem zweitletzten Rang, der Rückstand auf die Playoff-Plätze beträgt bereits 13 Punkte. So hat Kreativ-Kopf Gerber, mit 13 Zählern bester Skorer des Teams, in der schwedischen Liga noch nie gewonnen. «Oft haben wir knapp verloren. Zudem gab es während der Saison schon einige Wechsel. Die Teamverantwortlichen waren des Öfteren etwas überfordert», erzählt Gerber. So sei es wirklich ziemlich schwierig. Er selber hat schon seit längerer Zeit mit der Zerrung im Bein unter Schmerzen gespielt. Und beim letzten Spiel vor der WM-Pause standen Mullsjö nur noch 13 Feldspieler zur Verfügung.

Dennoch sagt Gerber: «Es gefällt mir eigentlich schon. Bereuen tue ich den Wechsel nach Schweden nicht. Es macht Spass in dieser Liga zu spielen.» Aber manchmal frage er sich dann schon, «ob das wirklich das Richtige für mich ist». Nun geht es für den Berner darum, den Ligaerhalt zu schaffen und endlich den ersten Sieg zu holen. In der nächsten Zeit gibt es für Roger Gerber wieder viel Licht am etwas dunklen Horizont. Am 16. Dezember kommt seine Freundin zu Besuch und eine Woche später kehrt er mit ihr für sechs Tage in die Schweiz zurück. Aufgeben will der Weltklasse-Stürmer nicht. «Viele Schweden, die mal bei uns in der Schweiz spielten, haben mir gesagt, dass es bis Weihnachten schwierig sei und es dann stetig besser gehe.» Aber eines weiss Gerber mit Sicherheit: «In der nächsten Saison werde ich nicht mehr bei Mullsjö spielen.»