SPENGLER CUP: Die nie endende Mission von Arno Del Curto

Komponist, Dirigent, Rockstar: eine Annäherung an Arno Del Curto (60), seit 1996 Trainer des HC Davos und die charismatischste Persönlichkeit unseres Hockeys.

Klaus Zaugg
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Bestreitet seine 21. Saison an der HCD-Bande: Arno Del Curto. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone (Davos, 22. Dezember 2016))

Bestreitet seine 21. Saison an der HCD-Bande: Arno Del Curto. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone (Davos, 22. Dezember 2016))

Klaus Zaugg

sport@luzernerzeitung.ch

Der Spengler-Cup ist «sein» Turnier. Arno Del Curto wird in den nächsten Tagen eine der meistabgebildeten und meistinterviewten Personen der Zeitgeschichte sein. Aber wer ist Arno Del Curto? Ein Eishockeytrainer mit abgeschlossener kaufmännischer Lehre natürlich. Doch im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit ist er unter anderem auch schon als Rocker, Therapeut, Seher, Freund, Berater, Motivator, Bandengeneral, Stratege, Antreiber, Sozialromantiker, Motivator, Feuerkopf, Ausbildner oder Rebell bezeichnet worden. Deshalb beschreiben und befragen ihn nicht nur Sportchronisten. Auch die Feuilletonisten aus Kunst, Kultur und Politik befassen sich immer wieder staunend mit dieser schillernden, facettenreichen Persönlichkeit, die nicht nur auf Glatteis, sondern auch in TV-Kindersendungen, als DJ, Fussballkommentator, Radio-Moderator oder Pokerspieler beste Figur macht. So kann sich jeder «seinen» Arno Del Curto basteln. Aber wer ist Arno Del Curto nun tatsächlich? Am ehesten werden ihm die Bezeichnungen Komponist, Dirigent und Rockstar gerecht.

Der Rockstar: Den Alterungsprozess (den wir diplomatisch manchmal als Reifeprozess beschreiben) hat Arno Del Curto längst gestoppt. Er weigert sich, älter oder gar altersmilde zu werden. Er steht vor dem Stadion in Davos und ist soeben gefragt worden, ob er mit 60 eigentlich noch genug Energie für diesen Beruf habe, der doch bedingt, Rocker, Therapeut, Seher, Freund, Berater, Motivator, Bandengeneral, Stratege, Antreiber, Sozialromantiker, Motivator, Feuerkopf, Ausbildner oder Rebell zu sein. Wie so oft, wenn er provoziert wird und sich in Hitze redet, spricht Arno Del Curto von sich in der dritten Person. Wie ein Rockstar halt. «Niemand stellt Arno diese Frage! Niemand! Niemand! Niemand! Ich kann nichts dafür, aber ich habe immer noch Energie, als ob ich zwanzig wäre. Wenn mir befohlen wird, da hinaufzurennen,» – er blickt nach oben Richtung Schatzalp – «dann renne ich sofort hinauf, und ich werde nicht zusammenbrechen.» Es ist zurzeit sogar tatsächlich möglich, auf die Schatzalp zu rennen. Es liegt kein Schnee auf dem Weg. ZSC-Manager Peter Zahner hatte wohl recht, als er einmal launig bemerkte, Arno Del Curto werde in Davos in Rente gehen. Die Frage sei nur, ob mit 65, 75, 85 oder 95. Der «ewige» HCD-Trainer fasziniert auch in seiner 21. Saison durch seine Energie und seine Präsenz. Er lebt bedingungslos im Augenblick. Er ruht und rastet nicht. Auch typisch für einen Rockstar.

Der Komponist: Arno Del Curto sagt, manchmal könne er nicht einschlafen. Dann stehe er wieder auf, setze sich vor den Computer und sehe sich ein Konzert von Leonard Bernstein an. Ein Eishockeytrainer und der weltberühmte Pianist, Komponist und Dirigent? Geht das? Ja. Wir können Leonard Bernstein sogar als den Arno Del Curto der klassischen Musik bezeichnen. Der HCD-Trainer spürt eine Seelenverwandtschaft mit dem grossen amerikanischen Impresario. Er sagt, ein Spieler sei erst perfekt, wenn er Hockey ganzheitlich denke. Nur dann sei es möglich, das «totale» Hockey, die Präzision und die Schnelligkeit zu erreichen, die er sich vorstelle. «Ah, diese Leidenschaft, die bei Bernstein zu spüren ist. Zu sehen, wie er und seine Musiker zu einer Einheit verschmelzen und seine Musik leben und nicht bloss spielen, ist so faszinierend.» Arno Del Curto kopiert ja nicht einfach Spielsysteme, die andere vor ihm schon gespielt haben. Taktisches Playback ist nicht seine Sache. Unermüdlich ist er auf der Suche nach dem vollkommenen Eishockey. Es geht ihm schon längst nicht mehr um Geld, Ruhm, Sieg oder Niederlage. Es geht ihm um das perfekte Spiel, und weil diese Perfektion unerreichbar bleibt, im Leben, in der Kunst, in der Musik, im Sport, im Eishockey, ist er ein ewig Suchender. Ein Mann auf einer Mission, die nie endet. Er ist dazu verurteilt, das Spiel immer wieder neu zu komponieren.

Der Dirigent. Es macht schon Sinn, dass Arno Del Curto von einem der grossen Komponisten und Dirigenten inspiriert wird. Auch er ist Dirigent und Komponist zugleich. Auch er versucht, seine Kompositionen (sein Spielsystem) mit seinem Orchester (seinem Team) einzuüben und dieses Orchester vom Dirigentenpult aus (von der Bande aus) durch ein Konzert (ein Spiel) zu führen.

Arno Del Curto sagt, der HCD werde nur ein weiteres Mal Meister, wenn es gelinge, eine neue Stufe der Schnelligkeit und der Präzision zu erreichen. Sein altes Erfolgsrezept ist ja schon spektakulär genug. Seit seinem Amtsantritt im Sommer 1996 lässt er Kondition bolzen und hat eine Hockey-Dauerrenner-Kavallerie geformt, die ihre Gegner in den besten Zeiten förmlich unters Eis geritten hat. Vielleicht am spektakulärsten im Frühjahr 2009. Der Ritt in die meisterliche Morgenröte dauerte damals so lange wie vorher und nachher nie mehr. 21 Spiele (drei Serien über 7 Partien) für ein meisterliches Halleluja. Ein junger Trainer weilte einmal für seine Weiterbildung in Davos und fragte den grossen Meister, ob er denn merke, wenn das Training zu hart sei. «Ja, natürlich», habe ihm Arno erklärt. «Ich frage Reto von Arx, ob er müde sei, und wenn er sagt, ja, er sei fix und fertig, dann weiss ich, dass wir noch härter trainieren müssen …» Weil Arno Del Curto wie kein anderer Trainer das «Gotthelf-Prinzip» beherzigt, kann er so viel von seinen Spielern fordern. Der Dichterfürst mahnte einst, vor dem Schlafengehen die Unstimmigkeiten des Tages mit der Gattin zu bereinigen. Aufs Eishockey übertragen: immer darauf achten, dass nach noch so heftigen Auseinandersetzungen die Spannungen mit einem freundlichen Wort gelöst werden und weder der Spieler noch der Coach mit Groll im Herzen aus der Kabine gehen.

Die Spieler hören ihm nicht mehr so gut zu

Inzwischen hat die Konkurrenz im Unterland aufgeholt, konditionell nachgerüstet, und lässt sich von Arnos Tempo-Kavallerie nicht mehr einfach über den Haufen rennen. Und zudem fehlt ihm ein grosser «Reitergeneral». Eine Spielerpersönlichkeit, die das wilde Spektakel zu lenken vermag. Ein Dirigent. Ein neuer Reto von Arx oder Sandro Rizzi. Die alten Strassen noch, die alten Häuser noch, die alten Freunde aber sind nicht mehr.

Also muss Arno Del Curto selber dirigieren. Er geht durch die Kabine. «Ein neuer Reto von Arx? Nein, ich sehe keinen.» Er schreitet die Garderobekästen ab, liest die Namen, spricht halblaut zu sich selbst. «Enzo Corvi? Nein. Marc Wieser? Nein. Samuel Walser? Nein.» So geht das rundherum, und der HCD-Trainer redet sich langsam wieder ins Feuer. «Nein, nein, nein, kein neuer Reto von Arx.» Er macht niemandem einen Vorwurf. Er mag seine Jungs. Er sucht keine Ausreden. Er liefert Erklärungen. «Wir leben in einer anderen Zeit. Ich muss meine Anweisungen ständig wiederholen. Immer wieder. Sie hören einfach nicht mehr zu wie früher.» Kaum habe er seinen Vortrag beendet, wende sich jeder wieder anderen Dingen zu. «Dann schaltet jeder sein, sein, sein, sein iPod, iPud, iPäd, iPöd ein – oder wie diese Dinger heissen.» Ja, es ist nicht einfach, in der neuen Zeit ein Dirigent zu sein und das wilde, junge HCD-Orchester so zu dirigieren, dass es nicht aus dem Takt fällt. Und da ist eine weitere Gemeinsamkeit mit Leonard Bernstein. Wie Arno Del Curto junge Spieler fordert und fördert, so verstand es auch der charismatische Amerikaner, junge Menschen für die klassische Musik zu begeistern.

Er formt eine neue Meistermannschaft

Kann Arno Del Curto, Rockstar, Komponist und Dirigent, unter diesen neuen Voraussetzungen noch einmal ein Meisterteam formen? So, wie er das nach seiner Amtsübernahme 1996 getan hat? Erst sagt er «Nein!», und fast scheint es, als wolle er sich einreden, es sei nicht mehr möglich. Und dann fegt seine Leidenschaft alle Zweifel hinweg.

Arno Del Curto spürt, ahnt, ja er weiss, dass in seiner jungen Mannschaft ein enormes Potenzial steckt. Er geht noch einmal die Namen seiner Jungs durch. Und jetzt spricht er nicht mehr darüber, was diesem und jenem fehle, um ein neuer Reto von Arx oder Sandro Rizzi, Josef Marha zu werden. Er kommt in Fahrt, und vor den Augen des gebannt lauschenden Chronisten entfaltet er das Panorama einer grandiosen neuen Zeit. Er weiss genau, was dieser oder jener noch verbessern muss und kann. Dies und das sei möglich. Dann werde der HCD wieder «geiles Hockey, richtig geiles Hockey» spielen. Er spürt, ahnt, er weiss, aber er sagt es nicht, dass er daran ist, eine neue Meistermannschaft zu formen. Arno rockt, komponiert und dirigiert. Es ist nicht die Frage ob, sondern nur wann der HCD wieder Meister wird. Aber für den Sieg am Spengler-Cup reicht es heuer wohl noch nicht.

Geburtsdatum: 23. 7. 1956.

Wichtigste Stationen: Herisau (NLB, 1989–1991), ZSC (1991–20. Oktober 1993), Luzern (1. Liga; 1994 bis 1996). Seit 1996 HC Davos.

Wichtigste Erfolge: 1992 Viertelfinalsieg in den Playoffs mit dem ZSC gegen Lugano – er beendete die Ära des «Grande Lugano» und knickte die Karriere von John Slettvoll. – 1996 Aufstieg in die NLB mit Luzern. – Zwischen 1993 und 1996 U-20-Nationaltrainer (Aufstieg und Klassenerhalt). – Meister mit Davos 2002, 2005, 2007, 2009, 2011 und 2015. – Spengler-Cup-Sieger 2000, 2001, 2004, 2006 und 2011.