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Spezieller Spitzenkampf für die Captains: Freunde fürs Leben, Gegner im Spiel

Der eine ist Captain des amtierenden Schweizer Meister Young Boys, der andere Captain des aktuellen Leaders FC Basel: Fabian Lustenberger und Valentin Stocker. Im Spitzenkampf am Sonntag spielen die beiden Luzerner erstmals gegeneinander.
Céline Feller und Raphael Gutzwiller
Seltener Auftritt in der Schweizer Nati: Fabian Lustenberger und Valentin Stocker (Bild: Keystone)

Seltener Auftritt in der Schweizer Nati: Fabian Lustenberger und Valentin Stocker (Bild: Keystone)

Es ist eine kleine Bitte. Eine, welcher der Captain von Hertha Berlin gerne nachgeht. Ein Telefonat soll er führen. Einem Landsmann von Berlin vorschwärmen und ihm einen Wechsel schmackhaft machen.

Es ist Frühjahr 2014, als Fabian Lustenberger zum Hörer greift. «Ich habe versucht, ihn zu überzeugen, zu uns zu kommen. Er hat gezeigt, dass er ein guter Fussballer ist. In der Champions League, der Europa League und der Meisterschaft.» Der Angerufene ist Valentin Stocker, Spieler des FC Basel. Wenig später unterschreibt er bei Hertha.

So einfach, wie der Transfer zustande kommt, so schwer ist die Wohnungssuche für Stocker und seine Freundin. Lustenberger und seine Frau werden zur grossen Hilfe. Die Abklärungen mit den Behörden, die Suche nach der Wohnung: Es wird zu einem Gemeinschaftsprojekt.

«Sie haben uns unglaublich viel geholfen», erzählt Stocker. Das Resultat: Nur 100 Meter Luftlinie von den Lustenbergers und den zwei Kindern wird Stocker fündig. Auch im Alltag sind sich die Stockers und Lustenbergers schnell nahe. Stockers Freundin wird zur Babysitterin, Lustenbergers Frau zur Hundesitterin. Die Männer fahren gemeinsam zum Training, vor Spielen teilen sie sich das Hotelzimmer.

Stocker der Kulinarikexperte, Lustenberger der Lehrling

Oft gehen sie auch gemeinsam essen. «Vali entwickelte sich schnell zum Kulinarikexperten in Berlin. Er hat mich in neue Restaurants und neue Ecken Berlins geführt», sagt Lustenberger, der die Stadt dank Stocker neu entdeckt. «Heute ist die kulinarische Vielfalt Berlins das, was mir am meisten fehlt.»

Diese Zeit in Berlin ist der Beginn einer speziellen Freundschaft. Einer Freundschaft, die bis heute lebt. «Damals habe ich Fabian sehr gern bekommen», sagt Stocker. «Er ist für mich sehr wertvoll, weil es wenige Leute gibt, auf die du dich verlassen kannst. Er ist da, wenn man Probleme hat, gleichzeitig stellt er keine Erwartungen daran, dass man sich menschlich verbiegt.»

Aber nicht nur, wenn es sportlich nicht läuft, hören sie sich zu. «Die Freundschaft geht weit über den Fussball hinaus. Wir haben ähnliche Wertvorstellungen, diskutieren auch über ganz andere Dinge», so Stocker.

Freundschaft in Berlin – Kennenlernen in Kriens

Die Freundschaft entsteht in Berlin, hätte aber viel früher beginnen können. Die beiden Luzerner lernen sich in der Sportschule in Kriens kennen. Lustenberger ist eine Klasse über Stocker. Kontakt entsteht kaum. Stocker spielt bei Kriens. Lustenberger bei Luzern. Mit 18 ist Letzterer bereits in der ersten Mannschaft, spielt eine erste, seine einzige, Super-League-Saison.

Als er im Sommer 2007 mit dem Cupfinal gegen Basel sein letztes Spiel in der Schweiz bestreitet, spielt Stocker im Nachwuchs. Das Angebot der U21 des FCB nimmt er lieber an, als in der ersten Mannschaft des SC Kriens zu spielen, wo «alles gestandene Männer» sind. Stocker fühlt sich nicht so weit.

Ganz anders Lustenberger. Er wagt den grossen Schritt, wechselt nach Berlin, schafft unter Lucien Favre den schnellen Durchbruch in Deutschland. Die Wege trennen sich komplett. Der eine spielt Bundesliga, der andere weiss gar nicht, ob er Profi werden will.

Das Duell der unterschiedlichen Captain

«Ich habe es damals wirklich nicht erwartet, spielte einfach gerne Fussball», sagt Stocker. «Erst, als ich den ersten Vertrag bei Basel unterschrieb, merkte ich, dass es in Richtung Profifussball gehen könnte.» Später startet er beim FCB durch, wird sechsmal Schweizer Meister. Zweimal entscheidet er eine Finalissima gegen die Young Boys.

Lustenberger bekommt das in Berlin mit. «Ich habe den Schweizer Fussball immer verfolgt.» Als Valentin Stocker 2010 zum zweiten Mal eine Finalissima entscheidet, ist Lustenberger bereits drei Jahre Herthaner. Etwas, was er noch weitere neun Jahre bleiben soll. «Ich glaube nicht, dass man so etwas planen kann», sagt er über seine zwölf Jahre Vereinstreue. «Ich hatte das auch nie so vor. Aber es hat einfach immer gepasst. Privat, aber auch sportlich. Trotz zweier Abstiege.»

In Berlin reift Lustenberger zum Captain. Zu einem, der Leistung zeigen will. «Ich will meine Erfahrung sowie Ruhe und Gelassenheit weitergeben», sagt er. Stocker erlebt ihn in Berlin als idealen Captain. «Fabian ist ein sehr ruhiger und ausgeglichener Mensch, das ist auch auf dem Platz so. Auf ihn ist Verlass. Das macht ihn aus.»

Stocker ist seit dieser Saison ebenfalls erstmals Captain, übt seine Rolle aber anders aus. Er ist nicht der ruhige Organisator, bleibt der belebende Offensivspieler. «Ich möchte mich nicht verändern», sagt er. Lustenberger findet das richtig. «Er ist ein Spieler mit einer grossen Persönlichkeit, der seine Leistung bringt. Ausserdem hat er in Basel einen Status, den wenige haben. Er ist ein sehr guter Typ.»

Kapitel Nationalmannschaft

Die gegenseitige Wertschätzung ist spürbar. Die Freunde verbindet aber auch ein Kapitel, in dem es um fehlende Wertschätzung ging. Jenes in der Nationalmannschaft. Lustenberger darf sich nur drei Mal das Schweizer Trikot überstreifen. Trotz seines Leistungsausweises, welcher defensive Polyvalenz und jahrelange Erfahrung auf höchster Ebene aufweist.

«Das Thema ist abgeschlossen. Ich bin damit im Reinen», sagt er. Er hätte gerne mehr Spiele gemacht, «aber immerhin waren es drei. Ich war Natispieler.» Bleibende Spuren hinterlässt er für die Schweiz nicht.

Das trifft auch auf Stocker zu, obwohl er immerhin 36 Länderspiele absolviert. Viel zu oft aber ist er in den entscheidenden Momenten nicht dabei. An der WM 2014 in Brasilien startet er zwar in der Startelf im ersten Gruppenspiel gegen Ecuador, zur Pause muss er aber raus und sitzt die nächsten Partien auf der Bank.

«Es gab viele Gründe, warum nicht alles so verlief in der Nati, wie ich mir das vorgestellt hätte», sagt Stocker. Auch er hat abgeschlossen, sagt: «Ich bin stolz, dass ich Nationalspieler war.» Auch wenn Stocker und Lustenberger nur einmal, bei einem 2:1-Testspielsieg in Österreich, 19 Minuten gemeinsam auf dem Platz stehen, verbindet sie auch das Kapitel Nati.

Sie wohnen zwanzig Minuten voneinander entfernt

In Berlin pendelt Stocker zwischen Tribüne und Stammplatz. «Bei mir gab es nur Top oder Flop», sagt er. Einmal verhilft er Hertha zum Ligaerhalt, dann schaut er wieder nur zu. Als er irgendwann gar nicht mehr zum Zug kommt, entscheidet er sich im Winter 2018 für die Rückkehr nach Basel.

Auch Lustenberger spielt da bereits dem Gedanken, zurückzukehren. Schon 2017 zieht seine Frau mit den Kindern in die Schweiz, wo der älteste Sohn eingeschult werden soll. Sie beziehen ein Haus im Kanton Luzern, wo ein halbes Jahr später auch Stocker hinzieht. Zwanzig Minuten trennen die beiden Haushalte.

Auch nach Stockers Abgang bleibt der Kontakt. Während Lustenberger in Berlin im Auto sitzt und Stocker zwischen Basel und Luzern pendelt, telefonieren sie. «Das viele Autofahren macht es einfach, Kontakt zu halten», sagt Lustenberger.

Die Freundschaft ausblenden

Im Sommer, eineinhalb Jahre nach seinem Freund Stocker, kehrt auch er in die Schweiz zurück. Lustenberger spielt jetzt in Bern, Stocker in Basel. Seit sie wieder beide im Kanton Luzern wohnen, haben sie sich ein paar Mal gesehen. Öfter telefonieren sie. Auch in dieser speziellen Woche.

Am Sonntag treten sie erstmals gegeneinander an. Als Captains der beiden besten Schweizer Teams. YB gegen Basel. Meister gegen Vize-Meister. Zweiter gegen Erster. Lustenberger gegen Stocker. Innenverteidiger gegen Offensivspieler. 31-Jähriger gegen 30-Jährigen. Freund gegen Freund.

«Es ist in diesen 90 Minuten schwierig, das Private aussen vor zu lassen», sagt Stocker. «Wir müssen versuchen, die Freundschaft auszublenden», sagt Lustenberger. Für 90 Minuten werden aus Freunden Gegner.

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