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Die Leichtathletik-Weltmeisterschaften im Khalifa-Stadion von Doha sind ein weiteres Prestigeprojekt der Katarer. (Bild: Martin Meissner/AP Photo, Doha, 25.9.2019)

Die Leichtathletik-Weltmeisterschaften im Khalifa-Stadion von Doha sind ein weiteres Prestigeprojekt der Katarer. (Bild: Martin Meissner/AP Photo, Doha, 25.9.2019)

Sport auf der arabischen Halbinsel: Unterhaltung, Propaganda und viel Politik

Seit 20 Jahren drängen die Golfstaaten mit fast schon brachialer Kraft in den internationalen Sport. Man kauft sich Klubs, sponsert Verbände, sucht Einfluss in hohen Ämtern oder veranstaltet wie gerade jetzt in der Leichtathletik grosse Wettkämpfe. An vorderster Front der Zwergstaat Katar. Alles andere als Zufall.
Rainer Sommerhalder

Man sagt, Chef des Weltfussballverbandes oder des Internationalen Olympischen Komitees werde man heutzutage ohne Beistand der Araber kaum mehr. Tatsächlich tauchen im inneren Machtzirkel von Fifa-Präsident Gianni Infantino und von IOC-Präsident Thomas Bach immer wieder Funktionäre aus den Golfstaaten auf. Jüngst wurde Infantino sogar unterstellt, er wolle den Arabern die Fifa verkaufen.

Bisweilen müssen diese einflussreichen Einflüsterer diskret ausgetauscht werden, wenn ein Korruptionsskandal an die Oberfläche schwappt. Dass sich auch um die Vergabe der Leichtathletik- und Fussball-WM Bestechungsvorwürfe ranken, liegt wohl in der Natur der Sache. In den reichen Ölstaaten ist die Mentalität weit verbreitet, dass man sich kauft, was einem gefällt.

Dafür fliesst dann auch reichlich Bares. Es ist den Sportorganisationen nicht zu verübeln, dass sie in Zeiten, wo westliche Unternehmen den Sponsoringhahn wegen wirtschaftlicher Unwegsamkeiten drastisch zudrehen, dem Ruf des Geldes folgen. Problematisch wird es dort, wo die hohen Ansprüche des Sports an Fairness und Ethik kurzerhand zugunsten des Profits über die Reling gekippt werden.

Nur Olympische Spiele hat Katar noch nicht bekommen

Und wer die Hand ausstreckt, der muss dafür auch etwas bieten. Gerade in Katar gab sich die Sportwelt in den letzten 15 Jahren die Klinke in die Finger. Angefangen mit den Asienspielen 2006 fanden im Emirat die Welttitelkämpfe im Schwimmen (2014), Boxen (2015), Handball (2015), Rad (2016), Kunstturnen (2018) und nun Leichtathletik und Fussball (2022) statt. Nur mit einer Olympia-Bewerbung sind die Katarer zweimal gescheitert. Sie werden es wieder versuchen.

Dass die Vergabe von Grossveranstaltungen in den Nahen Osten für den Sport auch neben Korruption und Menschenrechten eine Gratwanderung sein kann, hat selbst IOC-Präsident Thomas Bach erkannt. Er meinte im Gespräch mit dieser Zeitung: «Im Mittleren und Nahen Osten wird Sport stark als Unterhaltung begriffen. Wir sehen in diesen Ländern, dass aus dieser Auffassung heraus der Sport an der Basis nicht die Rolle spielt, die wir uns wünschen.»

Bach lobt in diesem Zusammenhang explizit Katar, das sich in verschiedener Weise von den Nachbarn abhebt. So dürfen im Gegensatz zu Saudi-Arabien im Emirat Frauen seit längerem Sport betreiben – streng getrennt von Männern versteht sich. «Wir arbeiten daran, Sport verstärkt in Schulen zu verankern, gerade auch für Mädchen. Gute Beispiele für Fortschritte gibt es in Katar. Dort wird der Sport immer mehr in seiner Gesamtheit begriffen, was leider an anderen Orten noch etwas untergeht», sagt Bach. Nach wie vor kaufen sich Scheichs einen Klub gerne als Spielzeug.

Sport fördert den nationalen Stolz

Wenn wie in Katar der Sport im Rahmen einer «Nationalen Vision 2030» eine Hauptrolle spielt, dann geht es definitiv um mehr als um Unterhaltung. «Sport ist eine ausgezeichnete Plattform, um das Land von einer anderen Seite zu zeigen oder um auf die Bedeutung des Wirtschaftsstandorts hinzuweisen», sagt ein Fifa-Funktionär.

Etwas drastischer formuliert es Jens Sejer Andersen: «Seit Hitlerdeutschland bei den Olympischen Spielen 1936 haben es viele Staaten verstanden, die Kraft eines Sportanlasses für Propagandazwecken einzusetzen.» Sport fördere immer auch den nationalen Stolz.

Andersen ist Direktor von «Play the Game», einer Organisation, welche die ethischen Standards des Sports verbessern und Demokratie, Transparenz und Meinungsfreiheit im Weltsport fördern will. Der Däne verurteilt die Vergabe von Grossveranstaltungen in Golfstaaten nicht per se. Er sagt: «Wenn dem Sport seine eigenen Werte wichtig sind, dann muss er Themen wie Menschenrechte und Arbeitsbedingungen zwingend bei der Ausarbeitung des Veranstaltervertrags integrieren. Danach ist es meistens zu spät, um Druck auszuüben.»

Der Däne anerkennt, dass ein Sportevent hilft, die Aufmerksamkeit auf Unzulänglichkeiten zu lenken. So schuften in Katar nur drei Prozent der Bauarbeiter auf WM-Baustellen. Doch durch sie bekamen die erbärmlichen Arbeitsbedingungen eine internationale Bedeutung. «Sport kann die globale Meinung beeinflussen», sagt Andersen und bedenkt, dass auch der Sportverband bei der Zusammenarbeit mit einem solchen Staat ein Risiko eingehe. Jeder tote Arbeiter in Katar wird nun quasi der Fifa angelastet.

Beachtung schützt vor Gelüsten der Nachbarn

Die Beweggründe des Emirats, das nur doppelt so gross ist wie der Kanton Bern, derart in den Sport zu investieren, gehen für Andersen über Propagandazwecke hinaus. «Letztlich ist es Politik. Katar ist nicht gerade umgeben von Oasen des Friedens,» sagt der Däne. Und seit seine Nachbarstaaten die Katarer vor zwei Jahren als Terrorfinanzierer mit Boykott und Wirtschaftsblockaden belegt haben, ist das Land im Grunde umzingelt von Feinden.

«Katar fährt eine deutlich erkennbare Strategie und gebraucht die internationale Beachtung durch den Sport als Prävention vor äusseren Interventionen», sagt Andersen. Die grossen Öl- und Gasreserven des kleinen Emirats könnten Gelüste der mächtigeren Nachbarstaaten wecken.

Der Wirtschaftskrieg ist in vollem Gange und hat längst den Sport erreicht. Etwa bei den Überlegungen der Fifa, die WM-Endrunde bereits 2022 auf 48 Teams auszubauen. Die Initianten dieser Idee sind in Arabien zu suchen, denn sie wussten genau, dass Katar dies nicht alleine hätte stemmen können. Immerhin hat die Fifa die Brisanz dieses Vorschlags noch rechtzeitig erkannt.

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