SPORT: «Ich kriege keine Wutanfälle»

Als 9-Jähriger schlug er zum ersten Mal seinen Vater im Schachspiel. Heute ist Nico Georgiadis (18) aus Schindellegi einer der besten Spieler des Landes. Beruflich will er aber einen ganz anderen Weg einschlagen.

Interview Annette Wirthlin
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In seinem Leben dreht sich vieles ums Schachspielen. Doch seine Träume seien deswegen nicht «gehäuselt», sagt Nico Georgiadis. (Bilder Eveline Beerkircher)

In seinem Leben dreht sich vieles ums Schachspielen. Doch seine Träume seien deswegen nicht «gehäuselt», sagt Nico Georgiadis. (Bilder Eveline Beerkircher)

 

Über die Sportart Schach wissen die meisten Schweizer nur ganz wenig, und vor allem vergessen viele, dass es überhaupt eine Sportart ist. Nervt Sie das?

Nico Georgiadis: Das sagen alle. Man kann es ihnen nicht verübeln. Ich widerspreche dann einfach. Wenn ich es erklärt habe, gehen die meisten mit mir einig, dass es ein Sport ist.

Und wie erklären Sie es?

Georgiadis: Ich sage, dass Schachspielen genau so anstrengend ist wie jeder andere Sport. Man sitzt teilweise bis zu sechs Stunden vor dem Brett und versucht, das Beste aus sich herauszuholen. Man verbraucht auch sehr viele Kalorien, wenn das Gehirn arbeitet. Wenn ich eine lange Partie gespielt habe, bin ich extrem erschöpft, brauche dringend was zu essen und möchte am liebsten nur noch ins Bett. Das heisst, man muss auch fit sein.

Sind Sie es?

Georgiadis: Ja. Ich spiele gerne Squash, Tennis, Fussball und Golf.

Sie sind also kein verkopfter Fachidiot, der von morgens bis abends auf sein Schachbrett starrt?

Georgiadis: Nein, den typischen Nerd mit Brille, der immer vor dem Brett sitzt und sonst nichts hat im Leben, den gibt es kaum, auch wenn sich das viele immer so vorstellen. Genau das Gegenteil ist der Fall. Die meisten guten Schachspieler haben ein ganz normales Sozialleben, sind vielseitig interessiert und pflegen nebenbei Hobbys wie jeder andere auch.

Aber Sie brauchen auch viel Sitzleder.

Georgiadis: Gut, man darf während der Partie durchaus auch aufstehen, rumlaufen, was Kleines essen und aufs WC gehen. Ich trinke zudem viel während des Spiels, damit mein Kopf frisch bleibt.

Was braucht es sonst noch für Eigenschaften, um ein guter Schachspieler zu werden?

Georgiadis: Es braucht sicher eine gute Grundintelligenz. Man muss sich gut konzentrieren können. Und man muss ehrgeizig sein.

Sie betonen immer wieder, Sie seien kein Genie ...

Georgiadis: (lacht) Ja, denn ich bin wirklich völlig normal. Ich war in der Kanti höchstens ein durchschnittlicher Schüler.

Aber am Anfang der Primarschule konnten Sie eine Klasse überspringen.

Georgiadis: Ja, das stimmt. Ich konnte schon recht früh rechnen und lesen, sodass es in der Schule ganz am Anfang etwas langweilig für mich war.

Als Sie fünf Jahre alt waren, begann Ihr Vater, Ihnen die Schachregeln beizubringen.

Georgiadis: Genau. Und immer wenn zu Hause Besuch kam, wollte der kleine Nico gegen alle Schach spielen.

Ich nehme an, die haben Sie dann schon bald geschlagen.

Georgiadis: Am Anfang habe ich vor allem viel verloren. (lacht) Erst mit sechs, als ich in den Schachclub eintrat, begann ich, meine Gegner zu besiegen. Bei meinem Vater schaffte ich es sogar erst mit neun.

War das hart für ihn?

Georgiadis: Einerseits freute er sich, weil er ja wollte, dass ich gut werde. Aber von so einem Kleinen geschlagen zu werden, das hat ihn schon auch gestresst. Er hat dann hart trainiert und sich verbessert, aber weil ich mich in der gleichen Zeit mehr verbessert habe, hat er heute keine Chance mehr gegen mich.

Sind Sie ein guter Verlierer?

Georgiadis: Ich konnte eigentlich schon immer gut verlieren. Natürlich bin ich sehr enttäuscht und unzufrieden mit mir selber, wenn ich verloren habe, aber ich kriege sicherlich keine Wutanfälle. Ein professioneller Sportler muss verlieren können. Jeder verliert mal. Auch Roger Federer.

Seit der Matura vor einem Jahr spielen Sie professionell Schach. Ist das auch der Beruf, den Sie auf offiziellen Dokumenten angeben?

Georgiadis: Nein, nein. Ich schreibe immer «Student» hin, denn ich gehe ja im kommenden Sommer an die Uni. Ich möchte bis dahin einfach so weit wie möglich kommen im Schach und sehen, wie das so ist. Aber ich habe nicht vor, ein Schachprofi zu werden.

Kennen Sie den Unterschied zwischen einer grossen Käsepizza und einem Schachprofi?

Georgiadis: Nein.

Die Pizza kann eine vierköpfige Familie ernähren.

Georgiadis: (lacht) Ich kenne mehrere Schachprofis, die sehr wohl eine vierköpfige Familie ernährt haben! Aber es stimmt schon, in der Schweiz ist es nicht ganz einfach, allein von den Preisgeldern oder den Trainings zu leben, die man jüngeren Spielern gibt. Ich zum Beispiel müsste noch stärker werden, wenn ich allein davon würde leben wollen. In Russland oder Indien hingegen lebt man als Schachprofi verhältnismässig sehr gut, weil alle anderen Jobs sehr schlecht bezahlt sind.

Was macht ein professioneller Schachspieler den ganzen Tag lang?

Georgiadis: Ich trainiere nur vier Stunden täglich Schach; zwei Stunden mit meinem Trainer und zwei Stunden selber – mit Büchern oder am Computer.

Und den Rest des Tages erledigen Sie für die Eltern und Ihre Schwestern den Haushalt?

Georgiadis: Nein, ich schmeisse nicht den ganzen Haushalt, ein wenig helfen muss ich aber schon. Wenn meine Schwestern von der Schule nach Hause kommen, mache ich mit ihnen Gesellschaftsspiele. Oder ich unternehme etwas mit Freunden. Und ich habe vor, demnächst Autofahren zu lernen.

Ihr Schachtrainer ist Grossmeister Artur Jussupow aus München. Haben Sie ihn auch schon mal geschlagen?

Georgiadis: Wir haben noch nie gegeneinander gespielt. Entweder stellt er mir – über Skype – Aufgaben, oder wir analysieren gemeinsam meine Partien. Er ist übrigens einer von denen, die seinerzeit eine vierköpfige Familie ernährt haben.

Können Sie mal beschreiben, was in Ihrem Kopf abläuft, wenn Sie eine Partie Schach spielen?

Georgiadis: Eine Stellung, die wir im Training gelöst haben, kommt in einem Turnier eigentlich nie eins zu eins aufs Brett, denn es gibt ja so viele verschiedenen Möglichkeiten. Man muss einfach den Prozess des Variantenrechnens immer besser beherrschen, um dann in der neuen Situation voll «parat» zu sein. Wenn noch viele Figuren auf dem Brett stehen, rechne ich vielleicht fünf Züge voraus; wenn es nur noch wenige Figuren hat, bis zu zehn.

Träumen Sie auch von Schachbrettern, so wie Sprachgenies in fremden Sprachen träumen?

Georgiadis: (lacht) Ich spiele sonst schon genug, da muss ich nicht auch noch davon träumen! Vielleicht träume ich mal davon, dass ich an einem Turnier teilnehme. Aber nein, wenn Sie das meinen, meine Träume sind nicht «gehäuselt».

Was denken Ihre Freunde über Ihre nicht ganz alltägliche Leidenschaft?

Georgiadis: Am Anfang fanden sie es vielleicht schon etwas komisch, aber jetzt bewundern es eigentlich die meisten.

Vor wenigen Wochen sind Sie aus Tromsö, Norwegen, zurückgekehrt, wo Sie mit der Herren-Nationalmannschaft der Schweiz an der Schacholympiade teilgenommen haben – dem drittgrössten Sportanlass der Welt. Was bringen Sie für Erlebnisse mit?

Georgiadis: Es war gigantisch, wirklich sehr, sehr cool. Ein riesiger Saal, in dem 1500 Leute gleichzeitig spielen. Von der absoluten Weltelite bis quasi zum blutigen Anfänger war alles dabei, weil alle möglichen Länder, auch solche, die nicht gut sind im Schach – wie Burundi oder irgendwelche Südseeinseln –, vertreten waren. Wir selber konnten gegen die Nummer zwei der Weltrangliste, die Ukraine, antreten. Das war ein einmaliges Erlebnis, und ich habe sogar noch ein Remis geschafft, auch wenn wir insgesamt verloren haben.

Ihr Ziel ist es, den Titel des Grossmeisters zu erlangen. Davon gibt es in der Schweiz nur sechs aktive.

Georgiadis: Es fehlen mir noch etwa 50 Elo-Punkte. Ich habe jetzt 2450. Man könnte denken, da fehlt ja nicht mehr so viel, aber je höher man kommt, desto schwieriger ist es, dazuzugewinnen, denn die Gegner werden immer besser.

Was genau bedeuten diese Elo-­Punkte?

Georgiadis: Das ist die Wertung beim Schach. Es beginnt bei 1350 Punkten, und man arbeitet sich hoch. Je mehr Punkte, desto stärker der Spieler. Die weltweite Nummer eins, der 23-jährige Norweger Magnus Carlsen, hat 2880. Das ist die höchste Elo-Zahl, die es je gegeben hat.

Ende September steht der nächste grosse Event vor der Türe: die Schweizer Meisterschaft der zehn besten Schweizer Schachspieler – zu denen auch Sie gehören.

Georgiadis: Genau. Zum 125-Jahr-Jubiläum des Schweizerischen Schachbundes gibt es ein grosses Turnier in Bern. Ich freue mich extrem, denn es wird auch, abgesehen vom Turnier selber, ein spezieller Event.

Was haben Sie an diesem Event für ein Ziel?

Georgiadis: Mein Turnierziel ist es, in die Top 3 zu kommen, und ich erhoffe mir, dass Schach als Sportart durch diesen Anlass an Beliebtheit dazugewinnen kann.

Sie haben auch schon gegen den grossen Kasparow gespielt. Was war das für ein Gefühl?

Georgiadis: Da war ich noch ganz klein. Das war in einem Simultanspiel, das heisst, er spielte gleichzeitig gegen zwanzig klar schwächere Leute. Ich fands natürlich total cool, gegen die damalige Welt Nummer eins zu spielen.

Dank den Schachturnieren kommen Sie auch ganz schön in der Welt herum. Sie waren etwa schon in Kuba, Brasilien oder Vietnam. Was hat Sie am meisten beeindruckt?

Georgiadis: Natürlich sieht man nicht immer so viel vom jeweiligen Ort, da man die meiste Zeit im Hotel ist und mit Schach beschäftigt ist. Der einzige Ort, an dem ich wirklich etwas vom Land sah, war Kuba, und das hat mich schon sehr beeindruckt. Die Armut, die Auswirkungen des Kommunismus, aber auch einfach die lockere Art der Leute selbst.

Was haben Sie für einen Bezug zu Griechenland – Sie haben ja Wurzeln dort?

Georgiadis: Mein Vater ist Halbgrieche. Aber da schon er von seinem Vater kein Griechisch gelernt hat, kann ich es auch nicht. In der Schule habe ich nur Altgriechisch gehabt, was ja komplett etwas anderes ist. Ich würde es aber sehr gerne ein bisschen lernen, denn ich habe einen sehr guten griechischen Freund, der ebenfalls aus der Schachszene stammt.

Im kommenden Sommer gehen Sie an die Uni, um Sprachen zu studieren. Ist Lehrer Ihr Traumberuf?

Georgiadis: Ich wusste lange nicht, was ich machen will. Eine Zeit lang wollte ich Jus studieren, aber vielleicht ist das doch nicht meins. Da ich ohne grosse Nervosität vor Leute hinstehen und reden kann, und da ich gerne anderen etwas beibringe, dachte ich, ist es naheliegend, Lehrer zu werden.

Und welche Sprache wollen Sie studieren?

Georgiadis: Ich habe mich noch nicht entschieden. Entweder Spanisch oder Englisch. Und dazu vielleicht noch Geschichte – zum Ausgleich.

Wenn Sie dann erst einmal an der Uni sind, kommt das Schachbrett dann auf den Estrich?

Georgiadis: Nicht ganz. Ich werde Schach als kleines Hobby behalten und vielleicht zwei, drei Turniere pro Jahr spielen.

In seinem Leben dreht sich vieles ums Schachspielen. Doch seine Träume seien deswegen nicht «gehäuselt», sagt Nico Georgiadis. (Bild: Eveline Beerkicher / Neue LZ)

In seinem Leben dreht sich vieles ums Schachspielen. Doch seine Träume seien deswegen nicht «gehäuselt», sagt Nico Georgiadis. (Bild: Eveline Beerkicher / Neue LZ)