French Open
Alcaraz, Tsitsipas, Zverev: Das sind die Herausforderer von Novak Djokovic und Rafael Nadal – und so stehen ihre Chancen

Der Gesundheitszustand von Rekordsieger Rafael Nadal wirft Fragen auf. Titelverteidiger Novak Djokovic fand zuletzt zu seiner Form. Wer den beiden bei den French Open den Titel streitig machen kann.

Simon Häring, Paris Jetzt kommentieren
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Seit 2005 kann man die Sieger der French Open im Männertableau an einer Hand abzählen: 13 Mal gewann Rekordsieger Rafael Nadal, zwei Mal stemmte Titelverteidiger Novak Djokovic die Coupe des Mousquetaires in die Höhe (2016 und 2021). 2009 komplettierte Roger Federer in Paris den Karriere-Grand-Slam, sechs Jahre später triumphierte Stan Wawrinka. Nun präsentiert sich die Ausgangslage so offen wie lange nicht mehr. Nadal kämpft mit gesundheitlichen Beschwerden. Djokovic meldete sich mit einem Turniersieg in Rom zurück. Dort nicht angetreten war der derzeit aufregendste Spieler: der 19-jährige Carlos Alcaraz. Er ist nicht der einzige, der Djokovic und Nadal das Leben schwer machen dürfte. Das sind die Titelanwärter – und so stehen ihre Chancen auf den Triumph.

Novak Djokovic: Mit Titel in Rom Favorit

Noch Anfang Jahr war fraglich, ob Djokovic als gegen das Coronavirus Ungeimpfter in Paris antreten kann. Doch inzwischen hat Frankreich die Massnahmen weitgehend aufgehoben. Keiner hat Sandkönig Nadal auf dessen präferierter Unterlage öfter bezwungen als Djokovic (8:19 Siege) und Djokovic ist auch der einzige Spieler, der Nadal in Paris mehr als einmal bezwingen konnte – zuletzt 2021 in einem packenden Halbfinal. Offen ist, wie sich Djokovic von den Ereignissen Anfang Jahr in Australien erholen wird, wo er mehrere Tage in Ausschaffungshaft sass und zwei Mal vor Gericht stand, ehe ihm das Visum entzogen und die Chance auf die Titelverteidigung genommen wurde. In Monte Carlo konnte Djokovic bei der Niederlage gegen den späteren Finalisten, Alejandro Davidovich Fokina, die fehlende Spielpraxis nicht kaschieren und sagte danach, er sei physisch «komplett zusammengebrochen». Zudem litt Djokovic offenbar unter den Nachwehen einer Viruserkrankung. Zuletzt meldete er sich mit einem Turniersieg in Rom eindrücklich zurück. In Paris erwartet Djokovic ein hartes Los, sollte es nach Papierform gehen: Viertelfinal gegen Nadal, Halbfinal gegen Zverev oder Alcaraz, Final gegen Tsitsipas.

Novak Djokovic feierte jüngst in Rom den ersten Turniersieg 2022.

Novak Djokovic feierte jüngst in Rom den ersten Turniersieg 2022.

Alessandra Tarantino / AP

Rafael Nadal: Der Fuss als Fragezeichen

In Roland Garros ist Rafael Nadal eine lebende Legende. Kein anderer Spieler hat ein einzelnes Grand-Slam-Turnier öfter gewonnen als er in Paris. 13 Mal hat er seit 2005 gewonnen, 105 Siegen stehen 3 Niederlagen gegen 2 Spieler gegenüber: 2009 unterlag Nadal dem Schweden Robin Söderling. Gleich zwei Mal gelang Novak Djokovic das Kunststück, Nadal in Roland-Garros zu bezwingen: 2015 in den Viertelfinals und im Vorjahr im Halbfinal. Die drei Finalduelle gegen den Serben (2012, 2014 und 2020) konnte der Spanier für sich entscheiden – wie alle anderen 13 Paris-Finals. Doch im Halbfinal-Erfolg Djokovics im Vorjahr sehen viele auch in Paris eine Zeitenwende. Patrick Mouratoglou, der schon Serena Williams und Stefanos Tsitsipas betreute und neuerdings als Trainer von Simona Halep amtet, sagt: «Wenn er in Bestform ist, ist Djokovic der beste Spieler der Welt, auch auf Sand.» Noch nicht zu beantworten ist die Frage, wie weit Rafael Nadal davon entfernt ist. Erstmals seit 2003 hat er vor den French Open kein Turnier auf Sand gewonnen. Zudem bereitete ihm in Rom der linke Fuss Probleme. Nadal leidet am Müller-Weiss-Syndrom, einer Knochenkrankheit, die bei ihm zu einer Deformierung des Kahnbeins im Mittelfuss führte. Es sind Beschwerden, die jederzeit und unvermittelt auftreten können. In Rom sagte er: «Es wird ein Moment kommen, in dem mein Kopf sagt, genug ist genug, weil der Schmerz mir das Glück nimmt. Nicht nur fürs Tennis, sondern für mein Leben.» Dennoch begleitet ihn die Hoffnung auf einen 14. French-Open-Titel. Er sagt: «Das ist mein Traum.»

13-facher Sieger mit Verletzungssorgen: Rafael Nadal.

13-facher Sieger mit Verletzungssorgen: Rafael Nadal.

Alessandra Tarantino / AP

Stefanos Tsitsipas: Vorjahresfinalist im Losglück

In Monte Carlo schaffte Stefanos Tsitsipas, was seit 2003 nur noch Novak Djokovic, Rafael Nadal, Roger Federer und Andy Murray gelungen war: die Titelverteidigung bei einem Masters-Turnier. Der Grieche untermauerte damit auch seine Ambitionen auf den ersten Grand-Slam-Titel. In den beiden letzten Jahren war er jeweils in fünf Sätzen an Novak Djokovic gescheitert – 2020 im Halbfinal, 2021 nach 2:0-Satzführung im Final. Der Serbe ist auch der einzige Hochkaräter, den Tsitsipas auf Sand noch nicht hat bezwingen können, zuletzt verlor im Rom-Final. Sandkönig Rafael Nadal hatte Tsitsipas bereits 2019 im Alter von 20 Jahren in Madrid in die Knie zwingen können. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich den 23-jährigen Griechen als Paris-Sieger vorstellen zu können. Sollte er am Ende die Coupe des Mousquetaires in die Höhe stemmen, könnte Tsitsipas zudem schon bald an die Spitze der Weltrangliste vorstossen. In der Jahreswertung liegt nur Rafael Nadal vor ihm. Und Novak Djokovic wurde durch die Entscheidung der ATP, in Wimbledon keine Rankingpunkte zu vergeben, die Chance geraubt, an der Spitze zu verbleiben. Tsitsipas ist auch der grosse Sieger der Auslosung: Mit Nadal, Djokovic und Alcaraz wurden die drei grössten Anwärter auf den Turniersieg der anderen Tableauhälfte zugelost, während Tsitsipas mit dem auf Sand wenig versierten Russen Daniil Medwedew und dem Norweger Casper Ruud landete, der bei Grand-Slam-Turnieren noch vieles schuldig geblieben ist.

Stefanos Tsitsipas erreichte 2021 in Paris den Final.

Stefanos Tsitsipas erreichte 2021 in Paris den Final.

Ettore Ferrari / EPA

Carlos Alcaraz: Mit Kunststück in den Kreis der Favoriten

Gleich drei Seiten widmete die französische Sportzeitung «L'Equipe» im Vorfeld der French Open Carlos Alcaraz und ging in dessen Heimat El Palmar in Murcia im Südosten Spaniens auf Spurensuche, wo er mit seinen Eltern lebt. Die Episode zeigt, wie gross der Hype um den Spanier ist. Nicht Rafael Nadal, nicht Novak Djokovic ist der Mann der Stunde, sondern ein 19-Jähriger, der erst sein sechstes Grand-Slam-Turnier bestreiten wird. Das ist gut begründet: Carlos Alcaraz vereint die Intensität von Nadal, die Angriffslust von Federer und die Athletik von Djokovic auf sich. Auch mental kann er es schon mit den Grossen aufnehmen. Auf dem Weg zum Turniersieg in Madrid gelang ihm ein Kunststück, das zuvor niemandem auf Sand gelungen war: Siege gegen Rafael Nadal (im Viertelfinal) und Novak Djokovic (im Halbfinal) in demselben Turnier. Im Final liess er dem zweifachen Madrid-Sieger Alexander Zverev beim 6:3, 6:1 keine Chance.

Der Mann der Stunde: Carlos Alcaraz.

Der Mann der Stunde: Carlos Alcaraz.

Bernat Armangue / AP

Wie gross Alcaraz' Potenzial ist, hatte sich schon länger angekündigt: Im Juli 2021 gewann er im kroatischen Umag auf der tiefsten Stufe (250) seinen ersten ATP-Titel, im Februar 2022 liess er in Rio de Janeiro auf zweithöchster Ebene (ATP 500) den zweiten Titel folgen und im März siegte er auf höchster Stufe, beim Masters-Turnier in Miami auf einem Hartplatz. Nur der Amerikaner Michael Chang (1990 in Toronto) und Nadal (2005 in Monte Carlo) waren bei ihrem ersten Master-Titel noch jünger als der damals noch 18-jährige Alcaraz. Mit dem Turniersieg in Barcelona stiess Alcaraz in die Top Ten der Weltrangliste vor. 2021 hatte er unter anderem mit einem Sieg gegen Stefanos Tsitsipas die Viertelfinals der US Open erreicht, wo er allerdings wegen einer Verletzung aufgeben musste. Betreut wird Alcaraz von Landsmann Juan Carlos Ferrero, dem Roland-Garros-Sieger von 2003. Etwas, das sich auch Alcaraz zutraut. «Mein Ziel ist ein Grand-Slam-Titel in diesem Jahr», sagte er vor dem Turnier.

Alexander Zverev: Der Verschmähte

Seit Jahren gehört Alexander Zverev den Top 5 an, zwei Mal hat er die ATP-Finals gewonnen, zuletzt Ende 2021. Er stand auch schon im Final der US Open (2020) und hat schon 5 Masters-Turniere gewonnen, darunter zwei Mal in Madrid und einmal in Rom. Vor Jahresfrist stand der inzwischen 25-Jährige in Paris im Halbfinal, wo er in fünf Sätzen Tsitsipas unterlag. Das Spiel auf Sand liegt Zverev. Und doch ist der Deutsche gerade bei Grand-Slam-Turnieren den Nachweis schuldig geblieben, ein Titelanwärter zu sein: In elf Anläufen hat er noch nie gegen einen Spieler aus den Top Ten der Weltrangliste gewonnen, weswegen er nicht in der Riege der grössten Favoriten Aufnahme findet. Verschmäht ist Zverev inzwischen auch bei vielen Anhängern: Grund dafür ist der Vorwurf der häuslichen Gewalt, die eine Ex-Freundin gegen ihn erhoben hat und wegen dem Untersuchungen laufen. Berichterstattung dazu unterdrückt das Lager des Deutschen.

Bei Grand-Slam-Turnieren oft nah dran, nie erfolgreich: Alexander Zverev.

Bei Grand-Slam-Turnieren oft nah dran, nie erfolgreich: Alexander Zverev.

Alessandra Tarantino / AP
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