SPORT: «Rhönrad, was ist das?»

Es muss nicht immer Fussball oder Tanzen sein. Wie wäre es mal mit Rhönrad? Diese seltene Sportart erfordert Mut und Kraft und kostet gar nicht viel.

Susanne Holz
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Fit im Rad: Julia Rogenmoser (11 Jahre). (Bild: Roger Grütter (Baar, 21. Februar 2017))

Fit im Rad: Julia Rogenmoser (11 Jahre). (Bild: Roger Grütter (Baar, 21. Februar 2017))

Susanne Holz

 

Julia Rogenmoser ist 11 Jahre alt und geht in die sechste Primarklasse. Angela Mancuso ist 13 Jahre alt und besucht die erste Oberstufenklasse. Was beiden Mädchen aus Baar im Kanton Zug gemeinsam ist: Sie gehen einem aussergewöhnlichen Hobby nach. Die blonde Julia und die dunkelhaarige Angela brauchen keinen Ball für ihre Sportart, keinen Schläger und auch kein Pferd. Was sie benötigen, ist ein Rad, und zwar ein grosses.

Das Rad muss so gross sein, dass Julia oder Angela gestreckt in ihm stehen können. Sich mit den Händen am einen Ende und den Füssen am anderen Ende festhalten und sich so in ihm drehen können. Doch das ist nur der Anfang. Denn mit dem Rhönrad zu turnen, bedeutet auch, sich mit dem Rad und im Rad zu bewegen, einen Spagat zu vollführen oder eine sogenannte Sitzschaukel. Es bedeutet, sich auch mal oben auf das Rad zu stellen – Vorsicht, Höhenangst!, – oder sogar einen Sprung vom Rhönrad zu wagen.

«Ein akrobatisches Turngerät»

«Das Rhönrad ist ein akrobatisches Turngerät», sagt Gaby Orler, die Trainerin von Julia und Angela. 36 Mädchen und jungen Frauen zwischen 11 und 21 Jahren trainieren derzeit im Turnverein Satus Baar (siehe Box) mit dem Rhönrad. Es waren schon mal weniger. Und es waren auch schon mal Buben dabei. Fünf Trainerinnen gibt es – und das ist gut so, denn während des anderthalbstündigen Trainings, das ein- bis zweimal pro Woche stattfindet, kümmern sich die Trainerinnen je 15 bis 20 Minuten um jedes Mädchen einzeln.

Gaby Orler glaubt, dass die Eleganz des Sports eben besonders Mädchen anspricht. Obwohl Knaben im Rhönrad von ihrer Kraft profitieren. «Das Turnen mit dem Rhönrad erfordert hohe Konzentration, Körperspannung und Willenskraft», weiss die Trainerin. Und weil man auch als Paar turnen kann und sich generell viel helfen muss, sind Eigenschaften wie Hilfsbereitschaft und Teamgeist unverzichtbar.

«Doch steht man einmal ganz oben auf dem Rad, ist das ein Riesenerfolgserlebnis», erzählt Gaby Orler. Nun möchte man wissen, wie lange es dauert, bis man das kann. «Gar nicht so lange», beruhigt Gaby Orler, «weil man das üben kann – indem man einander das Rad festhält.» Dass man sich gegenseitig gut unterstützt im Training, finden auch Julia und Angela wichtig: «Manchmal ist man zu zweit im Rad», betont Angela, die seit vier Jahren diesen Sport betreibt und Paarturnen «auch cool» findet.

Was Angela allen mitgeben kann, die sich mal ins Rhönrad wagen wollen: «Nicht gleich aufgeben, hartnäckig sein, denn mit der Zeit wächst das Selbstvertrauen.» Auch dürfe man gerade zu Beginn nie vergessen, die Arme und Beine zu strecken. Dann beherrsche man das grosse Rad mehr und mehr. Julia erzählt: «Die Leute fragen mich oft – ‹Rhönrad, was ist das?› Dann erkläre ich es ihnen. Ich würde auch noch gerne Basketball spielen, aber zwei Sportarten auf einmal zu betreiben, wäre ein bisschen zu streng, wenn ich in die Oberstufe komme.» Julia trainiert seit zwei Jahren mit dem grossen Rad, das viele gar nicht kennen. «Man muss viel üben», sagt sie. «Mehr als bei einem Ballsport.»

Weite Kleidung und offene Haare sind tabu

Und an vieles denken. Um sich nicht zu verletzen, sollte man keine weiten Sachen tragen, die ins Gesicht fallen können, steht man denn auf dem Kopf. Schmuck sollte man ablegen und die Haare unbedingt zusammenbinden, damit man sie nicht einklemmt. Doch hat man enge Sportkleidung, leichte Sportschuhe mit dünnen Sohlen und etwas zu trinken dabei, ist man eigentlich schon parat fürs Training in einem RhönradVerein. Das Magnesium für die Hände nicht zu vergessen, aber das hat die Turnhalle vorrätig. Es hilft beim Greifen. Drei Einzel-Disziplinen gibt es beim Rhönrad-Sport: das Geradeturnen, das Spiraleturnen, den Sprung. Julia und Angela sind vor allem mit dem Geradeturnen beschäftigt. Ziel ist es, eine Kür zusammenzustellen und immer selbstständiger zu werden. Bewunderung ist ihnen sicher. «Meine Eltern finden es gut und cool und mutig, dass ich diesen Sport mache», erzählt Angela. Julia ergänzt: «Meine Mama hat das Rhönrad auch mal ausprobiert. Danach meinte sie zu mir: ‹Respekt, dass du das kannst.›»

Hinweis www.satus-baar.ch