FUSSBALL: Financial Fairplay: Die Regeln für das Fussball-Monopoly

Immer, wenn ein europäischer Klub in finanzielle Schräglage gerät, fällt ein Schlagwort. Financial Fairplay (FFP). Klingt einfach, ist aber kompliziert. Wir klären die wichtigsten Fragen.

Denis Raiser
Drucken
Teilen
Vielleicht hat der Geldsegen David Luiz zum Schreien gebracht – die Transfersumme für ihn zeigt, dass sich der Klubbesitzer von Paris St. Germain nicht vor Financial Fairplay fürchtet. (Bild: AFP/Lionel Bonaventure)

Vielleicht hat der Geldsegen David Luiz zum Schreien gebracht – die Transfersumme für ihn zeigt, dass sich der Klubbesitzer von Paris St. Germain nicht vor Financial Fairplay fürchtet. (Bild: AFP/Lionel Bonaventure)

Was ist Financial Fairplay überhaupt?

Das FFP ist ein Reglement, das alle Vereine, die Mitglied im Europäischen Fussballverband UEFA sind, unterschreiben müssen – zumindest, wenn sie für die europäischen Wettbewerbe zugelassen werden wollen. Verkürzt gesagt erklären die Klubs damit, dass sie nicht viel mehr Geld ausgeben, als sie einnehmen. In einem Bewertungszeitraum von drei Jahren dürfen höchstens rund fünf Millionen Franken Verlust gemacht werden. Das ist für sämtliche Ölscheichs und Oligarchen allerdings noch kein Grund, um in Schnappatmung zu verfallen. Denn aktuell ist noch ein Defizit von zirka 47 Millionen Franken pro Saison erlaubt, so lange Klubbesitzer oder Investoren die Summe ausgleichen. In den nächsten Jahren soll diese Obergrenze jedoch schrittweise herabgesetzt werden. Ausgenommen von der Begrenzung sind sogenannte «gute Ausgaben» wie Investitionen in die Infrastruktur oder die Jugendförderung.

Warum wurde das Financial Fairplay eingeführt?

2009 schrillten bei Frank Rutten die Alarmglocken. Der Geschäftsführer der niederländischen Ehrendivision prophezeite: «Wenn jetzt nicht gehandelt wird, befürchte ich für den europäischen Klubfussball bald das Aus.» Zu diesem Zeitpunkt standen die europäischen Vereine derart in der Kreide wie nie zuvor. Die rund 700 Vereine der ersten Ligen machten 2009 zusammen Verluste in Höhe von knapp 1,3 Milliarden Franken, die Schuldenlast wuchs auf insgesamt fast 20 Milliarden Franken an. Der Grund: horrende Transfersummen und massiv ansteigende Spielergehälter. Deshalb sah auch Uefa-Präsident Michel Platini den Zeitpunkt zum Handeln gekommen – und initiierte 2011 mit dem FFP eine Schuldenbremse. Mit der sollen die Vereine zu wirtschaftlicher Vernunft gezwungen und das Engagement von Investoren und Klubbesitzern eingedämmt werden. Oder um es mit den Worten von Gianni Infantino, Generalsekretär des Europäischen Fussballverbands, zu sagen: «Europas Fussball braucht das Financial Fair Play, um den Sport vor einem Desaster zu bewahren.»

Wer überwacht die Einhaltung, und welche Konsequenzen drohen Vereinen bei Missachtung?

Für die Überwachung hat die Uefa eine eigene Finanzkontrollkammer installiert. Bei ihr müssen die Vereine ihre Bilanzen samt Belegen zur Überprüfung einreichen. Bei einem Verstoss gegen die Auflagen sehen die Richtlinien eine breite Palette von Strafen vor – von einer Verwarnung über Geldstrafen bis hin zu Punktabzügen oder dem Ausschluss aus den europäischen Wettbewerben. Prinzipiell ist sogar eine Aberkennung von Titeln möglich.

Welche bekannten Fälle gibt es?

Den ersten richtig lauten Knall gab es, als der FC Malaga zur Saison 2013/2014 von allen europäischen Wettbewerben ausgeschlossen wurde. Bis dato waren nur kleinere Vereine wie beispielsweise Ruch Chorzow (Polen), Astra Giurgiu (Rumänien) und FK Ekranas (Litauen) bestraft worden. Ein Jahr später griff die Uefa zum ersten Mal bei zwei Grossen durch: Manchester City und Paris St. Germain wurden zu jeweils 63 Millionen Franken Strafe verdonnert. Der Schock hielt sich bei den milliardenschweren arabischen Investoren in Grenzen. Sie griffen kurz in die Portokasse. Und da diese schon mal geöffnet war, ging Paris auch gleich noch auf Shopping-Tour – und präsentierte nur ein paar Tage später Neuzugang David Luiz. Kostenpunkt: rund 52 Millionen Franken. Ein Vorgang, der nicht gerade für eine sonderlich abschreckende Wirkung des Financial Fairplay spricht.

Gibt es bekannte Klubs, denen aktuell Strafen drohen?

Ende 2014 gerieten vor allem vier renommierte Klubs ins Visier der Uefa: der FC Liverpool, AS Monaco, AS Rom – und Inter Mailand. Der neue Klub von Bayern-Leihgabe Xherdan Shaqiri verstrickte sich in undurchsichtige Transfergeschäfte, die selbst routinierte Marktbeobachter vor grössere Rätsel stellt. Allein für die laufende Saison listete das Portal Transfermarkt.de 56 Zugänge und 55 Abgänge auf. Als Sanktion stehen eine Geldstrafe von ungefähr 7 Millionen Franken und Transferrestriktionen im Raum. Im Februar wurden auch gegen den VfL Wolfsburg Ermittlungen aufgenommen. Beim Tabellenzweiten der deutschen Bundesliga um die Schweizer Diego Benaglio, Timm Klose und Ricardo Rodriguez wollen die Prüfer wissen, ob das Geld des Mutterkonzerns Volkswagen in einem akzeptablen Verhältnis zum Werbewert des Klubs steht.

Gibt es in der Schweiz Vereine, die unter Beobachtung stehen?

Bisher ist nicht bekannt, dass sich ein Verein der Super League im Fokus der Uefa-Ermittler befindet.

Wie fällt das bisherige Fazit zum FFP aus?

Gemischt. Von Funktionären der Klubs, die eigentlich vom FFP profitieren sollten, setzte es teilweise harsche Kritik. Die Vorwürfe: Das FFP könne durch Transferleihgeschäfte und undurchsichtige Sponsorenzuwendungen zu leicht ausgehebelt werden. Ausserdem seien die Strafen nicht hart genug – und dies wohl deshalb, weil der Verband Angst habe, sein eigenes Produkt zu schädigen. Denn eine Champions League ohne Top-Klubs wolle man dann lieber doch nicht riskieren. Mittlerweile droht sogar juristischer Ärger: Der belgische Anwalt Jean-Louis Dupont, der 1995 das folgenreiche Bosman-Urteil erwirkte, sieht in den Punkten Arbeitnehmerfreizügigkeit (für Spieler), Dienstleistungsfreiheit (für Spielervermittler) und Kapitalmarktfreiheit (für Investoren) geltendes EU-Recht verletzt. Ein erstes Urteil wird noch in diesem Frühjahr erwartet.

Und was sagt die UEFA?

Sie erklärt das FFP natürlich zum Erfolg. «Die Resultate sind beeindruckend. Die Verluste des europäischen Fussballs sind massiv gesunken», sagte Uefa-Generalsekretär Infantino und berief sich auf die Zahlen. Alleine in den zwei Jahren nach Einführung des FFP hätten die Klubs der europäischen Top-Ligen ihren Gesamtverlust halbiert. Der Weg, sagen die Befürworter, sei der richtige. Fragt sich nur, ob ihn all die milliardenschweren Investoren auch mitgehen wollen.

Denis Raiser