Interview
Sportseelsorger Jörg Walcher über Geld, Geltung und die Hand Gottes: «Die Religion Fussball wird uns nicht erlösen»

Fussballer, die sich bekreuzigen, ihre Liebe zu Gott bezeugen und von den Fans wie Heilige verehrt werden – obwohl sie manchmal ein Leben wie Sünder führen. Wie geht das? Das Protokoll einer Begegnung mit einem ehemaligen Sportler, der selber zu Gott gefunden hat.

François Schmid-Bechtel, Simon Häring
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Jörg Walcher reist als Sportseelsorger an Olympische Winterspiele, an Weltmeisterschaften diverser Sportarten und an Weltcuprennen.

Jörg Walcher reist als Sportseelsorger an Olympische Winterspiele, an Weltmeisterschaften diverser Sportarten und an Weltcuprennen.

Tobias Garcia

Der Österreicher Jörg Walcher war Snowboard-Profi, lebte ein Leben nach dem Motto Sex, Drugs and Rock’n’Roll. Dann schwor er den Versuchungen des Irdischen ab, fand zu Gott und heiratete die umworbene Schweizer Turmspringerin Jacqueline Schneider. Den ersten Kuss habe es erst vor dem Traualtar gegeben. Die Liebe zu Gott will er mit Sportlern teilen. Und reist als Seelsorger an Olympische Winterspiele. Es geht um Geld, Geltung, die Hand Gottes, Lügner und Doping. Das Protokoll einer Begegnung mit einem, dessen Geschichte fast zu gut ist, um wahr zu sein.

Jörg Walcher, Sie sind im Skiort Schladming aufgewachsen, wo Ihre Eltern ein Hotel betrieben haben. Sie waren Snowboarder, führten ein wildes Leben. Wann und wie entdeckten Sie den Glauben für sich?

Walcher: Mein Vater war Alkoholiker und hatte Depressionen. Meine Mutter musste die ganze Last tragen, bis sie zusammengebrochen ist. Mein Herz wurde richtig hart. Ich war ein Suchender, habe vieles ausprobiert – Esoterik, Yoga, positives Denken, auch den Dalai Lama habe ich getroffen. Ich kannte meinen wahren Wert lange nicht.

Und dann kam ein Gottesdienst, der alles änderte.

Ich war 22-jährig und ein ehemaliger Surfer, der Südafrikaner Sean Morris, hat seine Geschichte erzählt. Gleich zu Beginn sagte er, er bete jetzt für alle jungen Menschen. Da habe ich mir gesagt: Jetzt vergesse ich alle konischen Leute um mich herum. ‹Wenn es dich wirklich gibt, lieber Gott, dann zeige dich, hier bin ich.› Dann hat eine Liebe mich durchströmt, wie ich sie noch nie zuvor gespürt habe. Ich hatte keine Ahnung, was in der Bibel steht, aber ab diesem Moment wusste ich: Mit dieser Liebe ist alles möglich. Und begann, in der Bibel zu lesen.

Jörg Walcher erzählt seine eigene Geschichte routiniert. Sie ist voller schicksalhafter Fügungen, voller Zeichen, die ihm seinen Weg gedeutet hätten. Wie sein Vater kollabiert sei, als er mit ihm telefoniert habe. Wie ihm die Ärzte im Krankenhaus in Schladming beschieden hätten, der Vater werde eine Art Erstickungstod sterben. Wie er für ihn gebetet habe. Wie er ihm die Hände aufgelegt habe. Wie der Todgeweihte fünf Wochen später das Krankenhaus verlassen habe. Wie die Mutter den Vater, von dem sie schon 13 Jahre geschieden war, bei sich aufgenommen habe, und wie er, der Sohn, bei der zweiten Hochzeit der Eltern Trauzeuge gewesen sei. Dass der Vater danach nie mehr Alkohol getrunken habe. Und die Depressionen besiegt habe. Ein Wunder, sagt Walcher heute. Und er erzählt auch, wie er das Herz der Turmspringerin Jacqueline Schneider eroberte.

Seit 2003 ist Jörg Walcher mit der ehemaligen Schweizer Turmspringerin Jacqueline Schneider verheiratet.

Seit 2003 ist Jörg Walcher mit der ehemaligen Schweizer Turmspringerin Jacqueline Schneider verheiratet.

André Häfliger (neue Lz) / Neue Luzerner Zeitung

Eine nette Geschichte! Ich weiss heute, dass einige Schweizer in den Startlöchern waren (lacht). Mein früherer Snowboardtrainer, Jürg Matti, begleitete 2002 seine Frau an eine christliche Frauenkonferenz nach Innsbruck, also trafen wir uns. Als wir in die Altstadt spazierten, sassen zwei Frauen unter dem Goldenen Dachl. Die eine war Marlies, die ich kannte. Und die andere Jacqueline. Sie fiel mir sofort auf.

Jörg Walcher Snowboarder, Seelsorger, Autor, VaterJörg Walcher ist 47-jährig und wuchs im österreichischen Skiort Schladming auf. Er war kurze Zeit Snowboard-Profi und studierte Rechtswissenschaften in Innsbruck. Später liess er sich in den USA zum Seelsorger ausbilden. 2003 heiratete er die ehemalige Schweizer Turmspringerin Jacqueline Schneider. Gemeinsam gaben sie das Buch «Das Wellbeing-Prinzip: Gesund leben. Glücklich sein.» heraus, 2013 erschien seine Wintersport-Bibel. Das Ehepaar hat drei Kinder und wohnt seit vielen Jahren im Kanton Thurgau.

Jörg Walcher Snowboarder, Seelsorger, Autor, VaterJörg Walcher ist 47-jährig und wuchs im österreichischen Skiort Schladming auf. Er war kurze Zeit Snowboard-Profi und studierte Rechtswissenschaften in Innsbruck. Später liess er sich in den USA zum Seelsorger ausbilden. 2003 heiratete er die ehemalige Schweizer Turmspringerin Jacqueline Schneider. Gemeinsam gaben sie das Buch «Das Wellbeing-Prinzip: Gesund leben. Glücklich sein.» heraus, 2013 erschien seine Wintersport-Bibel. Das Ehepaar hat drei Kinder und wohnt seit vielen Jahren im Kanton Thurgau.

CH Media

Und dann?

Das war verrückt, denn ich kannte damals nicht einmal Jacquelines Namen. Zehn Tage brauchte ich, bis ich ihre Nummer herausgefunden hatte. Dann habe ich sie angerufen, nicht wissend, ob sie sich noch an mich erinnern würde. Ihre ersten Worte waren: ‹Jörg, gerade habe ich an dich gedacht.› Vier Wochen später besuchte sie mich in Innsbruck. Heute weiss ich, dass sie in den 10 Tagen zuvor für mich betete und fastete, dass ich sie finden möge und ihr einen Heiratsantrag mache.

Walcher steht auf, schildert, wie sie sich in einem Park getroffen hätten. Wie sie auf einen Baum geklettert seien. Wie sie sich in die Augen geschaut hätten. Wie eine Kraft ihn in die Knie gezwungen habe. Wie Gott zu ihm gesagt habe: ‹Vertrau auf mich mit deinem Herzen. Und stütze dich nicht auf deinen Verstand.› Wie er sie gefragt habe, ob sie seine Frau werden wolle. Wie sie Ja gesagt habe. Und dass sie nach dem zufälligen Treffen unter dem Goldenen Dachl in ihr Tagebuch geschrieben habe: «Danke, lieber Gott, dass du mir meinen zukünftigen Ehemann gezeigt hast.» Und dass sie noch am gleichen Tag die Gästeliste für die Hochzeit erstellt habe. Ist die Geschichte nicht wahr, so ist sie zumindest sehr gut erzählt.

Was sie dann auch gleich beim ersten Treffen zu zweit taten. Stimmt es, dass Sie sich erst vor dem Traualtar geküsst haben?

Ja, das stimmt.

Sie fahren seit Jahren gemeinsam zu Olympischen Spielen, wo Sie Ihre Dienste als Seelsorger anbieten. Wie muss man sich das vorstellen?

Bei Olympischen Spielen, aber auch bei Weltmeisterschaften und Weltcuprennen der Skifahrer, Biathleten, Bobfahrer, Rodler, Leichtathleten, Schwimmer, oder bei der Vierschanzentournee. Es geht darum, eine «Performance Free Zone» zu schaffen. Also einen Ort, wo die Athleten nicht über ihre Leistung definiert werden, und eine Zeit, in der sie sich selber sein können. Oft lese ich aus meiner Wintersportbibel vor. Dann können die Sportler Dinge, die sie beschäftigen, auf einen Zettel schreiben, diese in ein Feuer werfen und ihre Sorgen damit symbolisch loslassen.

Was beschäftigt die Sportler?

Sie sind auch nur Menschen, und diese stehen zum Teil unter einem enormen Druck, die Erwartungshaltung ist ein grosses Thema. Es gibt auch Dinge, über die kann man mit dem Trainer nicht reden. Und das Leben Zuhause geht auch weiter. Wenn zum Beispiel der Grossvater stirbt. Dann ist es wichtig, dass jemand für diese Sportler da ist. Und auch Angst ist ein grosses Thema, zum Beispiel im Skifliegen bei schlechten Windbedingungen. Wir sehen, wie unsere Andachten es Athleten ermöglichen, Druck und Belastungen abzulegen, innere Ruhe zu finden und am nächsten Tag ihr Bestes zu geben.

Wie empfänglich sind Sportler für Glaubensfragen?

Es gibt diesen Vers: Der Glaube ist eine Zuversicht dessen, was man hofft und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. Deshalb finde ich: Sportler sind dem Glauben grundsätzlich schon sehr nah. Wenn sie überzeugt sind von einer Wirklichkeit, die sie erhoffen und einem Nichtzweifeln an dem, was sie nicht sehen können.

Auch der österreichische Fussballer David Alaba, der beim FC Bayern München unter Vertrag steht, zelebriert seinen Glauben.

Auch der österreichische Fussballer David Alaba, der beim FC Bayern München unter Vertrag steht, zelebriert seinen Glauben.

Ian Langsdon / EPA/EPA

Sind gläubige Sportler dementsprechend selbstbewusster?

Ich glaube, dass der Sportler selbstbewusster als der Durchschnitt ist. Und der gläubige Sportler ist noch selbstbewusster. Im Englischen gibt es ein Wortspiel. Aus Confidence, also Selbstbewusstsein, wird dann Godfidence. Das ist der Glaube an deine eigene Stärke. Dann aber auch der Glaube in Gott, der dir diese Stärke und Talente gegeben hat.

Und dieses Selbstbewusstsein mündet in unerschütterlichen Glauben?

Nein. Aber der Glaube ist etwas, das man wie einen Muskel trainieren kann. Die Bibel oder Lebensberichte dienen als Inspiration. Weil du dir sagst: ‹Wenn der Gott vertrauen kann, kann auch ich das.›

Jörg Walcher ist nicht Pfarrer, er hat auch nicht Theologie studiert, sondern Recht. Die Ausbildung zum «Chaplain», einer Art Seelsorger, machte er in den USA. Er bezeichnet sich selber als überkonfessionellen Seelsorger. Bei den Olympischen Spielen weilt er auf Einladung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Das IOC führte die Seelsorge nach der Geiselnahme der israelischen Olympia-Delegation 1972 in München ein. Predigen kann Walcher überall: in Garderoben, Teamhotels, in Wachs-Räumen, oder in Bars. Vor ihm sitzen meistens Mitglieder der alpinen oder nordischen Nationalteams Österreichs, Liechtensteins oder Italiens.

Als Reaktion auf die Geiselnahme von Mitgliedern des israelischen Olympia-Teams bei den Spielen 1972 durch die Terrororganisation PLO, bei der 11 Menschen starben, lancierte das IOC einen Seelsorgedienst.

Als Reaktion auf die Geiselnahme von Mitgliedern des israelischen Olympia-Teams bei den Spielen 1972 durch die Terrororganisation PLO, bei der 11 Menschen starben, lancierte das IOC einen Seelsorgedienst.

Kurt Strumpf / AP

Herr Walcher, die Kirchen verlieren ihre Schäfchen, die Gläubigen. Vor allem junge Menschen wenden sich ab. Und es sind vor allem Junge, die Sport machen. Ist Ihre Dienstleistung überhaupt gefragt?

Ja, absolut. Wir haben Athleten und Trainer aus bis zu 30 Nationen. Gewisse Teams kommen fast geschlossen, die Österreicher zum Beispiel, weil das dort eine längere Tradition hat. Sportler werden dauernd an ihrer Leistung gemessen – von den Trainern, von den Medien, der Öffentlichkeit. Ich möchte ihnen vermitteln, dass es noch andere Quellen der Kraft und Freude gibt, die Identität stiften. Jeder ist willkommen. Man muss nicht gläubig sein, um zu kommen.

Sie fuhren eine Weile auf der Snowboard-Tour der ISF. Wie sehr hilft Ihnen diese eigene Vergangenheit im Umgang mit den Sportlern?

Sehr. Ich spreche die Sprache ihre Sprache. Ich weiss, wenn es besser ist, nichts zu sagen, wenn tröstende Worte nichts bringen und dass sie ihren Frust manchmal zuerst anders verdauen müssen. Dass sich viele dann in ihre eigene Höhle zurückziehen wollen. Danach suchen sie das vertrauensvolle Gespräch und jeder ist dankbar für Ermutigung.

Spitzensport hat wenig mit Nächstenliebe zu tun. Es geht um Erfolge. Es wird getrickst, optimiert, man geht an Grenzen und manchmal auch darüber hinaus. Wie ist das mit Glaube und Religion zu vereinbaren?

Schauen Sie, es gibt gewisse Grenzen. Wenn du dich ausserhalb dieser Grenzen bewegst, kommt es irgendwann ans Licht. Persönlich denke ich, dass Spitzensport im Kern sogar sehr viel mit dem Leben eines Gläubigen zu tun hat. Paulus zum Beispiel ermutigt die Gläubigen: Denkt daran, dass alle wie in einem Wettrennen laufen, aber nur einer den Siegespreis bekommt. Lauft so, dass ihr ihn gewinnt.»

Was, wenn Sportler dopen und die Konsequenz ist, dass sie gewinnen?

Irgendwann fliegst du auf. Es ist eine Realität, dass Sportler zu solchen Mitteln greifen. Anderseits bin ich überzeugt: Diejenigen, die ein gutes Fundament haben in ihrem Leben – sei es das Elternhaus, oder dann der Glaube – da machst du gewisse Sachen einfach nicht.

Das würde bedeuten, dass jedem, der dopt und betrügt, diese Basis, dieses Fundament im Leben fehlt.

Das muss nicht sein. Aber wenn du auf einem starken Fundament stehst, gibst du weniger der Versuchung nach, als wenn du getrieben bist vom Erfolg. Es geht hier um Identität. Du gibst alles, um das Ziel zu erreichen. Dafür machst du Leistungssport. Aber es gibt nicht nur das. Der Wert eines Menschen bemisst sich nicht nur an Leistung. Und weder andere noch Medien geben mir einen bleibenden Wert.

Als besonders gläubig gelten die polnischen Skispringer.

Als besonders gläubig gelten die polnischen Skispringer.

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Also kommen auch keine Doper zu Ihren Zeremonien?

Dafür würde ich die Hand nicht ins Feuer legen. Jeder ist willkommen. Ich sass in Sotschi auch mit einem Doper am Tisch und habe mich mit ihm unterhalten. Und einige Tage später ist dann rausgekommen, dass er gedopt hatte.

Müssen Sie schweigen, wenn ein Sportler sich bei Ihnen offenbart?

Ja, sie müssen Vertrauen zu mir haben. Ich kann ihnen aber sehr wohl ans Herz legen, zum Trainer zu gehen, oder reinen Tisch zu machen. Es gab auch schon die Situation, dass ein Athlet zu mir gekommen ist, der unter Verdacht gestanden hat, dessen Telefon abgehört worden ist – auch unsere Gespräche. Und er sagte: ‹Ich habe nichts getan.› Der Druck, der in diesen Situationen auf den Menschen lastet, ist enorm. Der Verdacht hat sich dann zum Glück nicht erhärtet.

Sind solche Betrüger Opfer eines Systems, in dem nur Sieger zählen?

Davon halte ich nichts. Die Verantwortung trägt jeder für sich selber. Aber was mich stört, ist, wie mit Dopern umgegangen wird, wie sie an den Pranger gestellt werden. Das ist teilweise menschenverachtend. Es gibt Konsequenzen, die man tragen muss. Aber man darf einen Menschen nie völlig verurteilen. Und muss ihm eine Chance geben.

Fussballer bekreuzigen sich, wenn sie auf den Platz kommen, wenn sie ein Tor schiessen. Sind Fussballer religiöser als andere Sportler?

Es gibt jene, die eine persönliche Beziehung zu Gott haben. Bei David Alaba würde ich sagen, dass er das vermutlich hat. Und dann gibt es jene, die am Sonntag in die Kirche gehen und unter der Woche ein Leben führen, bei dem du dich fragst, wie das zusammenpasst. Was stimmt: Im Fussball sind solche Gesten sehr verbreitet.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Die Brasilianer waren immer bekannt dafür, dass sie sich die Hände gehalten und gebetet haben. Das könnte eine Erklärung sein.

Diego Maradona log, betrog, hatte viele Frauen und konsumierte Drogen. Trotzdem wurde der Argentinier wie ein Heiliger verehrt.

Diego Maradona log, betrog, hatte viele Frauen und konsumierte Drogen. Trotzdem wurde der Argentinier wie ein Heiliger verehrt.

Str / EPA

Ronaldinho heiratete zwei Frauen, wurde wegen Passfälschung und Umweltverschmutzung verurteilt. Der Brasilianer Ronaldo wollte sich mit drei Prostituierten vergnügen. Und auf dem Platz bekreuzigten sich diese Fussballer wieder. Wie lässt sich das vereinbaren?

Gar nicht. Jesus hat gesagt: ‹Wenn ihr meine Worte hört und sie tut, dann gleicht ihr einem Menschen, der ein Haus baut, das auf einem Felsen steht. Wenn ihr aber meine Wort hört, und sie nicht tut, dann gleicht ihr einem Menschen, der sein Haus auf Sand baut.› Und die Stürme werden kommen. Dann trennt sich die Spreu vom Weizen. Ähnlich ist es mit dem Geld und den Versuchungen, die auf Sportler zukommen, wenn sie Erfolg haben. Viel Geld zu besitzen, ist nichts Schlechtes, aber wenn es dich besitzt, wird es zum Problem. Es ist immer so, wenn nicht du die Dinge, sondern die Dinge dich besitzen.

Diego Maradona führte ein Leben wie ein Sünder – er log und betrog, hatte viele Frauen, nahm Drogen. Trotzdem war er für viele Fans ein Heiliger. Was halten Sie davon, wenn Sport zur Religion verkommt?

Das ist schlimm. Aber keiner ist ohne Sünde. So schön der Sport ist, so begeisternd er ist. Er ist ein Geschenk Gottes, wenn er aus der richtigen Motivation heraus gelebt wird. Aber die Religion Fussball wird uns nicht von unseren Sünden erlösen. Der Mensch hat die Sehnsucht geliebt und verstanden zu werden und in der Gesellschaft Anerkennung zu haben. Wir erleben immer wieder ganz praktische Beispiele mit Spitzensportlern, welche die Kraft, Freude und Liebe Gottes erleben. Diese Einladung, die Liebe Gottes ganz persönlich kennenzulernen, steht nicht nur zu Weihnachten.

Der Tod von Fussball-Ikone Diego Maradona löste in Argentinien und Neapel tiefe Trauer unter den Anhängern aus.

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Rodrigo Abd / AP

Verlang man von Sportlern zu viel, wenn man erwartet, dass Sie sich zu gesellschaftlichen und politischen Geschehnissen äussern?

Viele Jugendliche haben ein Vorbild. Das sind meistens junge Leute aus dem Sport oder aus dem Entertainment. Man muss schon sehen, was für eine grosse Verantwortung das für diese jungen Menschen ist. Man muss ihnen zugestehen, dass sie in diese Rolle hineinwachsen. Das ist eine grosse Aufgabe, denn Sportler sind es gewohnt, dass sich alles um sie dreht.

2020 war das Jahr, in dem sich Sportlerinnen und Sportler aufgelehnt haben. Kunstturnerinnen sprachen über Missbrauch, andere äusserten sich zur Black-Lives-Matter-Bewegung. Wie sehen Sie das?

Es ist wichtig, dass Missbrauch aufgedeckt wird, und dass diese Dinge ans Licht kommen. Ich glaube, das ist nur gesund für den Sport und für alle Beteiligten. Man muss den Menschen hinter dem Athleten sehen. Gerade bei Grossanlässen ist der Medaillenspiegel wichtig. Sie waren gut genug, um Medaillen zu gewinnen, manche dieser Sportler und Sportlerinnen wurden dafür aber ausgebeutet.

Wie hat sich die Coronakrise auf ihre Arbeit ausgewirkt?

Corona ist ein unfairer Gegner. Noch nie waren so viele Menschen mit einer innerlichen Krise konfrontiert. Noch nie haben so viele Sportler mit dem Gedanken gespielt, ihre Karrieren zu beenden, oder haben diesen Schritt sogar vollzogen. Deshalb ist es nun besonders wichtig, für diese Menschen da zu sein. Wir brauchen ein Licht im und am Ende des Tunnels. Diese Perspektive versuchen wir, zu bieten.

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