STADTLAUF: Tadesse Abraham jagt die Schweizer Rekorde

Der prominenteste Teilnehmer im Elitefeld ist Tadesse Abraham. Ein Athlet, der dabei ist, die Schweizer Leichtathletik mitzuprägen.

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Tadesse Abraham am Aegeriseelauf 2014. (Bild: Keystone)

Tadesse Abraham am Aegeriseelauf 2014. (Bild: Keystone)

Die aktuelle Laufsaison ist gar nicht alt, da hat sie Tadesse Abraham schon so manche turbulenten Tage beschert. Genau genommen ist der 32-Jährige im Jahr 2015 erst bei drei Rennen angetreten und hat dabei schon die ganze Gefühlspalette durchlebt. Da gab es den Schweizer Rekord im Halbmarathon von Barcelona, als der in Eritrea geborene und im vergangenen Jahr eingebürgerte Abraham in 1:00.42 Stunden eine Bestmarke aufstellte. Oder die Enttäuschung am Marathon von Seoul.

Ein Lauf, bei dem er seine Bestleistung (2:07.45 Stunden) und den Schweizer Rekord von Viktor Röthlin (2:07.23) unterbieten wollte. Weil er sich aber kurz vor dem Marathon eine Erkältung eingefangen hatte, wurde daraus nichts. «Bis zu Kilometer 17 bin ich nach meinem Zeitenplan gelaufen. Dann habe ich aber gemerkt, dass es nicht mehr geht», sagt er, «danach bin ich nicht mehr mit 100 Prozent zu Ende gelaufen, damit der Körper hinterher nicht ganz so kaputt ist wie normalerweise nach einem Marathon. Ich habe nur noch versucht, die WM-Limite zu erfüllen.»

Abraham hat WM-Ticket sicher

Und das ist ihm gelungen. Die Zeit von 2:11.37 Stunden bedeutet zwar aktuell Rang 103 in der Weltjahresbestenliste, die Qualifikation für die Titelkämpfe Ende August in Peking kann ihm aber keiner mehr nehmen.

Nur zwei Wochen nach diesem Rückschlag stand Abraham schon wieder ganz oben. In Uster gewann er die nationale Meisterschaft über 10 Kilometer Strasse sein erster Schweizer-Meister-Titel. Und der soll nur der erste von vielen gewesen sein, die Abraham noch holen möchte. Denn Abraham ist heiss darauf, die nationale Leichtathletikszene des Landes, in dem er sich nach seiner Flucht am Rande der Cross-WM vor elf Jahren längst zu Hause fühlt, mitzuprägen.

Nächstes Ziel: Ryffels 10-km-Rekord

Als Nächstes peilt Abraham, dessen Bestleistung über 10 Kilometer Strasse bei 28:27.9 Minuten steht, den im Februar 1986 aufgestellten Schweizer Rekord von Markus Ryffel (28:25.0) an. Am 23. Mai soll es beim top besetzten Lauf in Ottawa (Kanada) so weit sein. «Ich bin noch nie im Leben die 10 Kilometer Strasse auf einer flachen Strecke und in einem Feld mit vielen starken Konkurrenten gelaufen», sagt er, «wenn ich dort antrete, werde ich wissen, wie mein Potenzial aussieht, was auf dieser Distanz möglich ist.»

Der Stadtlauf in Luzern morgen sowie der GP Bern am 9. Mai dienen ihm auf dem Weg dorthin als perfekter Test. «Diese Wettkämpfe helfen», sagt Abraham, «danach weiss ich, was ich bis zum Lauf in Ottawa noch verbessern muss.» Doch auch wenn der Lauf von Ottawa im Vordergrund steht, so geht er beim Rennen in Luzern mit Ambitionen an den Start. 2013 war er Zweiter, 2014 und 2012 Dritter. Nun will er seinen ersten Sieg in Luzern und damit den ersten Schweizer Erfolg seit Pierre Déleze im Jahre 1988 holen.

Und die Chancen, dass ihm das gelingt, stehen gar nicht mal so schlecht. Der Kenianer Patrick Mugur Ereng, der zuletzt dreimal in Folge gewann, und dessen Landsmann Abraham Kipyatich treten zwar grundsätzlich nur auf den kürzeren Distanzen an und sind daher beim Rennen über 8,710 Kilometer im Vorteil aber: «Ich habe beide in den letzten Monaten schon geschlagen», stellt Abraham klar. Auch sein vierter Lauf im Jahr 2015 könnte für Tadesse Abraham ein emotionaler werden.

Stefan Klinger