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Sturm im Schwimmbecken

Nirgendwo sonst begehren die Athleten so heftig gegen den eigenen Weltverband auf wie im Schwimmen. Im Zentrum der Debatte stehen Preisgelder und ein neuer Wettkampf.
Rainer Sommerhalder
Viele Menschen würden vom Schwimmsport reich werden - nur nicht die Athleten: Ein Bild der Kurzbahn-WM, die kürzlich in China stattfand. (Bild: Roman Pilipey/EPA (Hangzhou, 15. Dezember 2018)

Viele Menschen würden vom Schwimmsport reich werden - nur nicht die Athleten: Ein Bild der Kurzbahn-WM, die kürzlich in China stattfand. (Bild: Roman Pilipey/EPA (Hangzhou, 15. Dezember 2018)

Man sieht sich vor Gericht. Das Verhältnis zwischen Schwimmern und eigenem Weltverband (Fina) ist nachhaltig gestört. Im Vordergrund steht die Diskussion, ob ein privater Investor ­einen für Athleten einzigartig ­lukrativen Wettkampf auf dem Markt anbieten und durchführen darf oder ob der internationale Verband dies verhindern kann.

Tatsächlich geht es aber um weit mehr. Es ist ein Aufstand von Sportlern gegen eine Funktionärskaste, die rettungslos verkrustet und überaltert ist und der man nicht mehr glaubt. «Das Vertrauen ist zerbrochen», sagt auch Yannick Käser, der beste Schweizer Brustschwimmer. Weltweit fordern Athleten derzeit mehr Mitsprache und Mitbestimmung ein, sei es beim Kampf gegen Doping oder beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC). Die Schwimmer tun es so heftig und konsequent wie niemand sonst. Im Dezember haben sie vor einem Bezirksgericht in Kalifornien eine Kartellrechtsklage gegen die Fina eingereicht. Man wirft der eigenen Führung wettbewerbswidriges Verhalten vor.

Ein russischer Milliardär

Die Sportler haben bei ihrem Verlangen, die Einnahmemöglichkeiten zu optimieren, potente Unterstützung. Der in der Ukraine lebende russische Milliardär Konstantin Grigorischin stellt für mögliche Anwaltskosten sieben Millionen Dollar zur Verfügung. Er sagt, die Schwimmer seien «Opfer moderner Sklaverei» und die Zeit der Sportverbände neige sich dem Ende zu. Grigorischin schlägt vor, dass künftig staatliche Behörden als Regulierer im Sport auftreten sollen.

Der Russe ist es auch, der mit seiner revolutionären Idee der International Swimming League (ISL), einem Mixed-Wettkampf von europäischen und amerikanischen Städte-Teams, die Szene aufmischt. Zehn Millionen Dollar an Preisgeld will er ausschütten. Dank des neuen Formats und viel TV-Präsenz soll der Schwimmsport auf eine neue Ebene katapultiert werden. Yannick Käser kennt diese Art von Wettkämpfen aus seiner vierjährigen Studienzeit in Virginia. «In den USA repräsentierst du als Schwimmer immer auch deine Universität. Die Teamwertungen hatten bei uns einen hohen Stellenwert.»

Der erste Event hätte Anfang Dezember in Turin durchgeführt werden sollen. Er musste kurzfristig abgesagt werden, weil die in Lausanne beheimatete Fina resolut reagierte und Veranstaltern wie Teilnehmern mit harten Konsequenzen drohte. Die Schwimmer hätten riskiert, für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio gesperrt zu werden. Der Startschuss der ISL soll nun im August in Las Vegas fallen.

Zuletzt ruderte die Fina zurück, relativierte ihre Drohungen. Sie kündigte stattdessen mehr Mitspracherecht der Athletenkommission und eine eigene Veranstaltungsserie an – die «Champions Swimm Series», ein Team­event nach dem Muster der Konkurrenz mit einem Preisgeld von 4 Millionen Dollar. Den Nebenbuhler im eigenen Bett lehnt man aber weiterhin vehement ab. Die Fina argumentiert, dass Wettbewerbe ausserhalb ihres Einflussgebiets zu Integritätsproblemen führen, etwa bei Dopingtests oder zertifizierter Zeitmessung. Unterstützung erhält der Schwimmverband vom IOC, schliesslich ist Schwimmen neben Leichtathletik und Kunstturnen bei Olympischen Sommerspielen in die exklusive A-Klasse eingeteilt. IOC-Präsident Thomas Bach wies darauf hin, dass das bestehende Sportmodell eine wichtige soziale Rolle einnehme und auch die Entwicklung des Sports fördere.

Misstrauen in die Führung

Die Kritik der Athleten greift aber tiefer. Denn auch die Selbstgefälligkeit der Fina-Führung wird attackiert. «Probleme wie Korruption oder Geldverschwendung, die man von der Fifa her kennt, gibt es auch im Schwimmen», sagt Käser. Auch die australische Olympiasiegerin Cate Campbell spricht Klartext: «Es gibt viele Menschen, die vom Schwimmsport reich werden, leider nicht die Athleten.» Ihr britischer Kollege Adam Peaty meint: «Ich habe eine Familie und Rechnungen zu bezahlen.»

Fina-Präsident ist das langjährige IOC-Mitglied Julio César Maglione aus Uruguay. Der 83-Jährige ist seit 32 Jahren auch Präsident das Nationalen Olympischen Komitees und war Ende der Achtzigerjahre zeitgleich Präsident des uruguayischen Fussballverbandes. Käsers Vergleich mit der Fifa ist also gar nicht so abwegig. Gemäss Rechnung fliessen derzeit 12,5 Prozent des Jahresumsatzes der Fina in Preisgelder bei Veranstaltungen. Der Verband weist auf die grossen finanziellen Anstrengungen bei der weltweiten Entwicklung des Schwimmsports hin und sagt, dass letztlich 50 Prozent ihrer Einnahmen den Athleten zugutekommen. Und die Preisgelder seien zuletzt in zehn Jahren um mehr als 500 Prozent gestiegen.

Bei den eigenen Athleten punktet der Verband damit nur bedingt. Käser nahm während der Kurzbahn-WM in China an zwei Sitzungen teil. Die Schwimmer wollen weiterhin als Einheit auftreten. Ein Fragezeichen bleibt aber auch für den zweimaligen Olympiateilnehmer: «Nur die Top 5 der einzelnen Disziplinen profitieren wirklich von der neuen Wettkampfserie davon. Was ist mit der zweiten Garde?»

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