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Roger Federer: Tausend kleine Tode

Roger Federer steht bei den am Montag beginnenden Swiss Indoors in Basel im Mittelpunkt – doch die Gedanken an das Karriereende rücken näher.
Simon Häring
Bereits acht Mal hat Roger Federer beim Heimturnier in Basel über den Titel gejubelt. (Bild: Daniela Frutiger/Freshfocus (Basel, 29. Oktober 2017))

Bereits acht Mal hat Roger Federer beim Heimturnier in Basel über den Titel gejubelt. (Bild: Daniela Frutiger/Freshfocus (Basel, 29. Oktober 2017))

Wenn Roger Federer dieser Tage mit dem Auto nach Basel fährt, schiessen sie wieder in seinen Kopf, die Bilder von damals. Aus der Kindheit im Reihenhaus in Münchenstein: die Vorgärten ­gepflegt, der Rasen akkurat gemäht, wo das Herbstlaub regelmässig entfernt wird. An die ­grossen Pausen im Schulhaus Lärchen und die Spiele am Pingpongtisch. Von wo er mit dem Fahrrad die Fussballplätze von St. Jakob erreichte, in Sichtweite zum Joggeli, dem Stadion des FC Basel, für den er eine Weile spielte. Wie er mit Marco Chiudinelli durch die Gassen zog. Wie sie mit dem 10er-Drämmli zur Heuwaage fuhren, in einen Spielsalon, mit 30 Franken der Eltern im Hosensack. Wie sie durch die Steinenvorstadt zo- gen – mit dem Ziel McDonald’s.

Damals stand er als Balljunge bei den Swiss Indoors im Einsatz. Dort, wo er vor 20 Jahren gegen Andre Agassi erstmals bei seinem Heimturnier spielte. Heute ist er achtfacher Sieger. Vielleicht erinnert er sich auch an die Trainings im TC Old Boys im Bachletten-Quartier, am St. Galler-Ring 225, der Hauptplatz ist inzwischen nach ihm benannt. Oder daran, wie er und Chiudinelli auf dem Heimweg heimlich am Kiosk haltmachten, um sich Süssigkeiten zu kaufen.

Roger Federer lebt längst nicht mehr in der Region Basel. Er verliess den Schoss seiner Familie bereits als Zwölfjähriger in Richtung Romandie. Er lebte bei einer Gastfamilie, sprach kaum Französisch. Und als er nach den Wochenenden bei den Eltern wieder den Zug bestieg, flossen jeweils die Tränen. Und heute? Heute residiert er mit seiner Familie in den Bündner Bergen in Valbella oder am Persischen Golf in Dubai, mit Blick auf den Jumeirah Beach, 2006 kaufte er dort eine Wohnung. In Basel ist Roger Federer nur noch wenige Tage im Jahr. Doch in der Woche der Swiss Indoors dreht sich alles um ihn.

Nochmals 24 Jahre alt sein

Roger Federer ist 37 Jahre alt, seit zwei Jahrzehnten führt er ein Leben aus dem Koffer, im Schaufenster der Öffentlichkeit. Zwischen Hotel, Tennisplatz, Verhandlungstisch und Kinderwagen. Er ist nicht nur Sportler. Er ist vierfacher Vater. Er ist Unternehmer. Er ist Philanthrop. Die Liebe zum Spiel treibt ihn an, ­unbestritten, aber Erfolge sind ebenso entscheidend bei der drängendsten Frage: Wie lange noch? Federer steht vor wegweisenden Monaten: Der Saisonstart war fulminant, Frühling und Sommer ansprechend. In der Jahreswertung liegt er hinter Nadal, Djokovic und Del Potro auf Rang vier. Doch bis im Februar muss er Titel in Basel, Melbourne und Rotterdam verteidigen, zudem die Halbfinals in London. 3600 seiner 6260 Punkte fallen aus der Wertung. Federer droht der Fall aus den Top Ten. Bisher erst hypothetisch.

Doch wer weiss, wie sehr er das Spiel und den Wettkampf liebt, kann erahnen, wie sehr ihn die Konzession an die eigene Vergänglichkeit mit dem immer schlankeren Turnierkalender schmerzen muss. Es muss sich für ihn wie tausend kleine Tode anfühlen. «Ich muss cleverer sein als früher. Ich wünschte, ich wäre nochmals 24. Aber ich muss solche Entscheidungen treffen. Für mich und für meine Familie.» Vor einem Jahr sagte er, sein Feuer werde dadurch niemals erlöschen. Lange schob er Gedanken an das Ende von sich. Doch zuletzt gab es Momente, in denen er sich nicht mehr die Mühe machte, zu verbergen, dass dieses ­Leben seinen Preis hat. Dass es Schattenseiten hat. Dass es ­ermüdend sein kann. Dass die überbordende Aufmerksamkeit zermürbt.

«Das Ende ist näher denn je», sagte er im Sommer. Wie er sich dieses vorstellt, darüber hüllt er den Mantel des Schweigens. Nur einmal, da sagte er: «Ich muss nicht auch noch kitschig aufhören.» Sicher ist: Gespräche darüber hat Federer in den vergangenen Monaten immer wieder geführt. Anfang 2016 nach seinem Meniskusriss zum Beispiel, als seine Frau Mirka zu ihm sagte: «So hörst du nicht auf. Nicht nach dem Einlassen eines Bades für die Mädchen.»

Vielleicht wird es ein Abschied auf Raten, doch sicher ist: Nur wenige Eingeweihte werden davon wissen. Stefan Edberg, einst Idol, später sein Trainer, hatte seinen Rücktritt weit im Voraus angekündigt. Er bereute es schnell. Denn überall, wo der Schwede danach hinkam, wurde ihm gehuldigt. Es ist ein Szenario, das Federer für sich selber ausschliesst. Vor einem Jahr sagte er in Basel: «Die Fans wünschen sich, dass ich bis 40 spiele. Aber irgendwann werde ich aufhören. Und vielleicht viel früher, als die meisten denken.»

Entscheid fällt in den Ferien

Auf die Pläne für 2019 angesprochen, sagte Federer in Schanghai: «Ich werde mir während der Ferien Gedanken machen. Dann weiss ich, wie ich im Dezember an meiner Fitness arbeiten werde. Das hat Einfluss auf die gesamte Saisonplanung. Aber bitte fragt mich nicht weiter. Ich weiss es selber noch nicht. Doch ich werde nächste Saison sicher Tennis spielen.» Spät in der Nacht verabschiedete er sich von einer Schar Fans und sagte: «Bis im nächsten Jahr, hoffentlich.» Vielleicht denkt Roger Federer auch an diese Momente, wenn er sein Auto im Schatten der ­St.-Jakobs-Halle parkiert. Und daran, dass der grösste Teil des Lebensabschnitts, der vor 20 Jahren hier begonnen hatte, hinter ihm liegt.

Basel (Montag, 22., bis Sonntag, 28. Oktober). ATP-500-Turnier (2'442'000 Euro/Halle). Das Teilnehmerfeld: Federer (SUI/ATP 3), Alexander Zverev (GER/5), Cilic (CRO/6), Tsitsipas (GRE/16), Sock (USA/18), Cecchinato (ITA/19), Medwedew (RUS/21), Bautista Agut (ESP/25), Shapovalov (CAN/30), Simon (FRA/32), Millman (AUS/33), Krajinovic (SRB/34), Ebden (AUS/40), Chardy (FRA/42), Jarry (CHI/43), Sousa (POR/44), Seppi (ITA/46), Haase (NED/48), Mannarino (FRA/49), Struff (GER/58), Harrison (USA/59), Gojowczyk (GER/60), Wawrinka (SUI/68).

Die Finals der Swiss Indoors seit 2000:

2017: Federer (SUI) s. Del Potro (ARG) 6:7 (5:7), 6:4, 6:3.
2016: Cilic (CRO) s. Nishikori (JPN) 6:1, 7:6 (7:5).
2015:Federer s. Nadal (ESP) 6:3, 5:7, 6:3.
2014:Federer s. Goffin (BEL) 6:2, 6:2.
2013: Del Potro s. Federer 7:6 (7:3), 2:6, 6:4.
2012: Del Potro s. Federer 6:4, 6:7 (5:7), 7:6 (7:3).
2011:Federer s. Nishikori (JPN) 6:1, 6:3.
2010: Federer s. Djokovic (SRB) 6:4, 3:6, 6:1.
2009: Djokovic s. Federer 6:4, 4:6, 6:2.
2008:Federer s. Nalbandian (ARG) 6:3, 6:4.
2007:Federer s. Nieminen (FIN) 6:3, 6:4.
2006:Federer s. Gonzalez (CHI) 6:3, 2:6, 7:6 (7:3).
2005: Gonzalez s. Baghdatis (CYP) 6:7 (8:10), 6:3, 7:5, 6:4.
2004: Novak (CZE) s. Nalbandian 5:7, 6:3, 6:4, 1:6, 6:2.
2003: Guillermo Coria (ARG) s. Nalbandian w. o.
2002: Nalbandian s. Gonzalez 6:4, 6:3, 6:2.
2001: Henman (GBR) s. Federer 6:3, 6:4, 6:2.
2000: Enqvist (SWE) s. Federer 6:2, 4:6, 7:6 (7:4), 1:6, 6:1.

Rekordsieger: Roger Federer, 8 Titel (2006, 2007, 2008, 2010, 2011, 2014, 2015, 2017).

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