TENNIS: Aufbauhilfe für Djokovic

Andre Agassis wunderliche Jahre fingen mit einem Sieg bei den French Open an, Djokovics gefühlter Abstieg begann mit einem Sieg unter dem Eiffelturm. Das ist die paradoxe Ausgangslage für diese neue Allianz.

Jörg Allmeroth
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Haben vor den French Open einiges zu besprechen: Andre Agassi (links) und Novak Djokovic, die ehemalige Nummer eins. (Bild: Yoan Valat/Keystone (Paris, 25. Mai 2017))

Haben vor den French Open einiges zu besprechen: Andre Agassi (links) und Novak Djokovic, die ehemalige Nummer eins. (Bild: Yoan Valat/Keystone (Paris, 25. Mai 2017))

Jörg Allmeroth

sport@luzernerzeitung.ch

Mit Krisen im Leben eines Tennisspielers kennt sich Andre Agassi gut aus. Bevor er 1999 seinen grössten und emotionalsten Erfolg feierte, bevor er in einem märchenhaften Comeback zum Sandplatz-König von Roland Garros wurde, war der Sohn der Zockermetropole Las Vegas schon einmal auf den «absoluten Nullpunkt» seiner Karriere abgerutscht. Er stand 1997, wie er selbst später in seiner Autobiografie erklärte, «im totalen Niemandsland», ohne Plan, ohne Perspektive. «Burger King of Tennis» spottete die Branche damals über Agassi, den Mann, der auf Platz 141 der Weltrangliste abgerutscht war, übergewichtig und untermotiviert.

Zwei harte Jahre brauchte der schillernde Superstar, um sein Leben und seine Karriere zu ordnen, bis er dann als French-Open-Gewinner wieder vom Tennisgipfel grüsste. Es folgten Agassis beste Jahre, späte Glanzjahre mit Grand-­Slam-Siegen, fitter und drahtiger als er war bis dahin niemand jenseits der Dreissig gewesen.

Agassi hat sich in den letzten Jahren rargemacht

Und nun soll er, der legendäre Entertainer und Altmeister, einem helfen, dessen Karriere zuletzt auch immer wieder mit den Schlagworten Krise, French Open und Motivation verbunden war. Novak Djokovic ist dieser Mann, am Montag nach seiner Masters-Niederlage in Rom gegen Alexander Zverev ist er 30 Jahre alt geworden, und nichts wünscht sich Djokovic sehnlicher als so einen Wunderdreh in seiner Laufbahn, wie ihn Agassi vor zwei Jahrzehnten hingelegt hat. Bis zu den French Open des letzten Jahres war Djokovic der alleinbeherrschende Spieler im Männertennis gewesen, dann holte er sich den letzten noch fehlenden Toptitel, und dann war, schlagartig und jäh, der ganze Djokovic-Zauber weg. Nichts war mehr wie vorher, die Dominanz war weggeblasen, überhaupt die Freude an den Gladiatoren-Zweikämpfen draussen auf dem Centre Court. Erholt hat er sich so weit nicht von allen möglichen Problemen, von fehlender Spiellust, von der jäh über ihn hereingebrochenen Lethargie. Er hat alle, die mithalfen, ihn zum Champion zu formen, verstossen und in die Wüste geschickt. Jetzt soll Agassi der Retter in der Not werden, wobei sich mancher fragt, was Djokovic am dringendsten braucht: jemanden, der ihm bei Tennisfragen hilft. Oder jemanden, der sein Leben selbst coacht.

Agassis wunderliche Jahre im Tennis fingen mit einem Sieg bei den French Open an, Djokovics gefühlter Abstieg begann mit einem Sieg unter dem Eiffelturm – das ist die paradoxe Ausgangslage für diese neue Allianz. Doch wie intensiv kann und will Agassi überhaupt als Unterstützer des verunsicherten Serben auftreten? In den vergangenen Jahren hatte Agassi sich auf den kleineren und grösseren Tennisbühnen genau so rargemacht wie seine scheue Gemahlin Steffi Graf, das Powerpaar genoss eher das ruhige Familienleben mit den beiden Kindern in Las Vegas. Dass Agassi dies grundlegend ändern will, ist eher zweifelhaft. Er könnte als sehr gelegentlicher Vor-Ort-Berater auftauchen, zu ausgewählten Höhepunkten der Tour. Und ansonsten am Telefon seine Einschätzungen und Analysen abgeben, so wie schon in den vergangenen Wochen. «Ich habe zuletzt vor jedem Spiel mit Andre telefoniert. Er kann mir auf und neben dem Platz wertvolle Hilfe geben», sagte Djokovic.

In Paris für Schweizer Uhrenmarke unterwegs

Neben dem Platz? Das allerdings könnte dann kompliziert werden für Agassi. Eben weil Djokovics Leben abseits der Tennisbühnen nichts als das ist – kompliziert. Unberechenbar, verwinkelt. Boris Becker, einst der grosse Gegenspieler Agassis, scheiterte ja im Herbst 2016 schliesslich am sogenannten Umfeld der damaligen Nummer 1. Dem Deutschen war die einflussreichere Rolle des spanischen Gurus Felipe Imaz, eines esoterisch angehauchten Ex-Profis, mehr als suspekt – nach Beckers Eindruck kümmerte sich Djokovic mehr um die Ideen des Frieden-und-Liebe-Missionars als um die Trainingsarbeit. Doch wie kommt Agassi mit Imaz klar? Und wie würde Djokovic reagieren, wenn ihm Agassi vorschlüge, den Guru aus seiner Entourage zu verbannen?

Vorerst ist Agassis Tätigkeit auf die French Open konzentriert, bei denen der Amerikaner sowieso Sponsorentermine für ­einen Schweizer Uhrenhersteller hat. «Wir werden uns dabei sicher besser kennen lernen. Und dann entscheiden, wie es weitergehen kann», sagt Djokovic.