TENNIS: Australian Open: Der Zauberlehrling fordert den Magier

Am Donnerstag ab 9.30 Uhr Schweizer Zeit kommt es im australischen Melbourne zum Superduell Roger Federer - Stan Wawrinka. Wir haben die beiden Schweizer vor dem Halbfinal unter die Lupe genommen.

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Roger Federer und Stan Wawrinka. (Bild: Keystone / Bill Kostroun)

Roger Federer und Stan Wawrinka. (Bild: Keystone / Bill Kostroun)

Jörg Allmeroth

Stan Wawrinka

Stärken

Jahrelang galt er als Weltmeister der verpassten Möglichkeiten. Als einer, der in entscheidenden Momenten nicht die zupackende Attitüde der absoluten Elitespieler hatte – etwa auch wie Roger Federer. Doch die Ära des Chancentods Wawrinka ist vorbei, drei Grand-Slam-Titel in den drei zurückliegenden Spielzeiten sind ein unwiderlegbarer Beweis. Wawrinka kann sich steigern auf der Zielgeraden eines Grand Slam, besonders mit der Wucht seiner Schläge, einer unvergleichlichen Power und Dynamik. Wawrinka ist in Australien als Nummer 4 gesetzt und im Moment Turnierfavorit Nummer 1. Und er hat die unwiderstehlichste Rückhand der Branche, eine richtige Wunderwaffe.

Schwächen

Wawrinka ist – bei aller hinzugewonnenen Reife – kein Konstanz-Champion. Er ist eher der Mann für gewisse Stunden bei gewissen Turnieren. Welches Turnier das dann jeweils ist, weiss auch Wawrinka nicht so genau. Oft folgten auf Grand-Slam-Höhenflüge ernüchternde Alltagsreisen im Wanderzirkus, das ist alles in allem auch der Grund, warum «Stan the Man» bisher noch keinen Angriff auf den Gipfelplatz der Weltrangliste lancieren konnte. Wawrinka fühlt sich an der Grundlinie wohler als am Netz. Und ist mit der Rückhand zielgenauer und punktestärker als mit der Vorhand.

Psyche

Federer war für Wawrinka in den Anfangszeiten der eigenen Karriere so etwas wie ein Tennisflüsterer der prominenten Sorte. Gegen den Älteren, den Spieler mit der grössten Aura sowieso, hatte der Romand lange Zeit Hemmungen – er wirkte blockiert gegenüber dem Idol, dem väterlichen Weggefährten. Im persönlichen Vergleich liegt Zauberlehrling Wawrinka immer noch mit 3:18 im Hintertreffen. Mittlerweile hat sich Wawrinka jedoch von «King Roger» emanzipiert, ist ein unabhängiger, frei schwebender Weltklassespieler geworden.

Form

Für Wawrinka lief das Turnier so, wie es bisher bei vielen seiner ganz grossen Erfolge verlief. In der Auftaktrunde strauchelte der 31-Jährige gegen den Slowenen Martin Klizan, er wankte beträchtlich, aber er fiel nicht. Danach liess der Weltranglistenvierte kaum noch etwas anbrennen, er bewährte sich beispielsweise auch kühl in drei Tiebreak-Sätzen gegen den Südtiroler Andreas Seppi. Ähnlich wie Federer gegen Zverev lieferte Wawrinka sein bestes Match im Viertelfinal ab, gegen Frankreichs Star Jo-Wilfried Tsonga. Wawrinka ist gerüstet für den Schweizer Showdown, daran kann nicht der geringste Zweifel bestehen.

Publikum

Wawrinka weiss, dass er nicht nur gegen Federer anspielen muss. Sondern auch gegen die Hoffnungen des Centre-Court-Publikums, eine sentimentale Titel-Mission des alten Meisters miterleben zu können. Es wäre schön, scherzte Wawrinka, wenn wenigstens ein paar Fans ihm ausreichend Applaus spenden würden. Andererseits: Aus dieser gefühlten Einer-gegen-alle-Situation könnte Wawrinka auch trotzig Kraft schöpfen. Man denke nur an seine Auftritte beim Davis-Cup-Final 2014 in Lille.

Roger Federer

Stärken

Der als Nummer 17 gesetzte Magier Roger Federer ist der Mann, der eigentlich alles kann. Gegen den Deutschen Mischa Zverev, den Überraschungsspieler dieser Australian Open, zeigte er idealtypisch das ganze Repertoire seines Könnens – sowohl als stürmischer Attackierer wie auch als Kontrolleur aus der Defensive. Ein ums andere Mal punktete der 35-Jährige am Netz und mit seinen präzisen Turbo-Passierbällen. Federer hat den Vorteil, dass er sich immer auch von Instinkt und Intuition leiten lassen kann, er spielt halt nicht nur mit strategischer Klasse, sondern auch unterbewusst meistens richtig.

Schwächen

Federer jagt seit dem Siegeszug bei den Championships in Wimbledon im Jahr 2012 vergeblich einem Grand-Slam-Titel nach – das führte in den letzten Jahren zuweilen zu einer mentalen Verkrampftheit in den Topmatches. Dazu kommt, dass er nicht wie gewohnt der Meister der Big Points war, der Herrscher in der Hitze des Gefechts. In der Vorsaison liess ihn sein Körper wie nie zuvor in seiner Karriere im Stich. Bisher brillierte er als fitter Fighter bei seinem Comeback, aber gegen Stan Wawrinka dürfte er physisch enorm herausgefordert werden. Ist er schon reif für diese Belastungsprobe im inzwischen sechsten Melbourne-Match?

Psyche

Federer hatte über viele Jahre ein automatisches Plus gegen Wawrinka, dem er in jungen Jahren als Tennisflüsterer beigestanden hatte. Der Maestro hat per se eine grössere Ausstrahlung als der freundschaftliche Rivale auf der anderen Seite des Netzes. Aber neuerdings kann er sich keineswegs mehr darauf verlassen, dass «Stan the Man» vor ihm in Ehrfurcht erstarrt. Aufgetankt fürs Ego hat Federer gleichwohl, eigene Zweifel, wie es nach der langen Zwangspause weitergehen würde, hat er in Melbourne kräftig beiseitegeräumt.

Form

Federer wehrt sich zwar gegen die Behauptung, ihm sei eine Traumauslosung für diese Grand-Slam-Festivitäten beschert worden. Aber für das Australian-Open-Tableau zog er keineswegs eine Niete. Gegen Melzer und Rubin spielte er sich warm und frei gegen Rivalen, die auf Platz 300 und 200 der Rangliste stehen. Mit Rückenwind und neuem Selbstbewusstsein nahm er anschliessend die Hürden in Gestalt zweier Top-Ten-Rivalen, Berdych und Nishikori. Eine Machtdemonstration und eine Kampfansage waren schliesslich der Auftritt gegen Zverev. Federer geht in Topverfassung in das Schweizer Duell.

Publikum

Schon vor dem ersten Ballwechsel in Melbourne hatte Federer gesagt, er vermisse nichts so sehr wie die grossen Matches bei den grossen Turnieren – diese besonders prickelnde Atmosphäre. Und wie wiederbelebt wirkte er dann auch gleich bei seiner Comeback-Mission, er, der umjubelte, verehrte Altmeister. Schon nach dem Auftaktmatch feierten ihn die Australier wie einen Turniersieger, Federer wirkte da mehr als gerührt. Er dürfte auch im Match gegen Wawrinka die klaren Sympathievorteile haben, eigentlich so wie überall und immer.

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