TENNIS: Captain schwärmt von Bencic

Am Wochenende trifft die Schweiz im Fed Cup in Leipzig auf Deutschland. Die Schweizer Hoffnungen ruhen auf Belinda Bencic.

Jörg Allmeroth
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Gestern beim Training in Leipzig: Belinda Bencic nimmt sich die Tipps von Fed-Cup-Captain Heinz Günthardt zu Herzen. (Bild: Freshfocus/Andy Müller)

Gestern beim Training in Leipzig: Belinda Bencic nimmt sich die Tipps von Fed-Cup-Captain Heinz Günthardt zu Herzen. (Bild: Freshfocus/Andy Müller)

Wenn Heinz Günthardt über seine junge Landsfrau Belinda Bencic spricht, dann gerät der frühere Coach von Steffi Graf schon mal ins Schwärmen. «Sie hat sich wunderbar ins grosse Tennis reingespielt, lernt viel und schnell», sagt der 56-jährige Ex-Profi und Chef der Schweizer Fed-Cup-Auswahl, «sie hat ein gutes Auge, ein natürliches Gefühl für das Spiel.» Günthardts Lob darf man umso ernster nehmen, da der diskrete Zeitgenosse nicht als Mann der starken und reisserischen Worte gilt. Sondern als jemand, der sich über viele Profi- und Trainerjahre einen geschulten Kennerblick erworben hat und als einer der besten Insider im Frauentennis gilt.

Wenn am Wochenende in der Leipziger Messehalle der deutsch-schweizerische Erstrunden-Knüller im Fed Cup über die Bühne geht, dann ruhen die meisten Hoffnungen auf Bencic. Die 18-jährige Ostschweizerin geht als Spitzenspielerin von Swiss Tennis ins Rennen, als potenzielle Spassverderberin für die neue Australian-Open-Königin Angelique Kerber und ganz Tennis-Deutschland. Das grösste Länderspiel für die Schweizer Frauenauswahl seit über einem Jahrzehnt – es ist auch die grösste Herausforderung für Bencic abseits des Alltags auf der Tour. «Ich glaube nicht, dass der grösste Druck bei mir liegt», sagt Bencic, «von Kerber, vom deutschen Team wird sicher mehr erwartet.» Sie freue sich einfach «auf dieses Erlebnis zusammen mit unserer Truppe», so Bencic, «es ist immer etwas Besonderes in einer Sportart, in der du sonst nur für dich kämpfst».

Das grosse Selbstvertrauen

Wer Bencic in den letzten Monaten und Jahren im Wanderzirkus beobachtete, konnte nur staunen, mit welcher Selbstverständlichkeit sich die jüngste Topspielerin in ihrer Berufswelt bewegte – auf und neben dem Platz. Versagensängste im Erwachsenentennis kennt die 18-Jährige nicht, die 2013 als weltbeste Juniorin den frühen Sprung auf die grosse Tennistour wagte. «Ich hatte so viel Selbstbewusstsein aufgebaut in der Jugend, dass ich nie zweifelte, mich auch bei den Erwachsenen durchsetzen zu können», sagt Bencic.

Stark ist der Wille der Schweizerin, stark auch ihr Ehrgeiz und die Ambition auf eine aussergewöhnliche Karriere. «Belinda macht alles mit 100 Prozent. Keine Kompromisse, keine halben Sachen. Das war schon immer so», sagt Vater und Trainer Ivan Bencic. Ihre Juniorinnenkarriere hatte sie 2013 gekrönt, als sie die ersten 38 Spiele der Saison ausnahmslos gewann und dann auch die Grand-Slam-Nachwuchswettbewerbe in Paris und Wimbledon als Pokalsiegerin beendete.

Die spezielle Spielanlage

Auf den Courts wirkt Bencic ihrem Lebensalter weit voraus. Sie spielt nicht das harte Bum-Bum-Tennis, das viele Altersgenossinnen aus den Talentschmieden in Osteuropa oder auch in Nordamerika mitbringen. Bencic spielt mit feinem Händchen und gutem Auge, mit Witz und Raffinesse, mit Weitsicht und Umsicht, mit strategischer Klasse und einer routinierten Eleganz – ganz so, als wäre sie schon eine Ewigkeit im Reisebetrieb der Tennisnomaden unterwegs. «Sie hat das Potenzial für den ganz grossen Sprung nach oben», sagt Amerikas Tennislegende Billie Jean King, «ich sehe sie als künftige Nummer 1.» Platz 11 hat sie ja schon erklommen, jüngst bei den Australian Open war sie erst im Achtelfinal von Maria Scharapowa zu stoppen gewesen.

Ein Team, das funktioniert

Das richtige Team für die Gipfelbesteigung hat Bencic allemal beisammen. Denn sowohl Martina Hingis wie Hingis-Mutter Melanie Molitor unterstützen die Karriere der aufstrebenden Schweizerin. Bei Molitor geht die 18-Jährige während ihrer Aufenthalte in der Heimat ständig ins Training, mit Hingis spricht und diskutiert sie bei gemeinsamen Turnier-Gastspielen über Matches, Taktik und Gegnerinnen. Das frühere Erfolgsduo assistiert so höchst effektiv Vater Bencic, dem dauernden Wegbegleiter. Eine Hingis-Kopie will Bencic aber keineswegs sein, sondern sich mit eigener Stilsicherheit und eigenem Spielcharakter einen Namen machen. Seit sie ins Erwachsenen-Tennis einstieg, ging es nur bergauf für sie – von Platz 331 im Jahr 2013 bis an die Top Ten Anfang 2016. Kerber, die neue Australian-Open-Königin, hat allen Grund zum Respekt vor der tüchtigen Nachwuchskraft. Zwei Spiele gab es bisher zwischen den Spitzenfrauen, beide verlor die Deutsche. Auch 2014, bei den US Open, auf ganz grosser Bühne.