TENNIS: Das grösste Comeback seit Muhammad Ali 1974

Sportchef Andreas Ineichen zum unglaublichen Comeback von Roger Federer, das er mit dem Sieg in Melbourne krönte.

Andreas Ineichen, Sportchef
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LZ-Sportchef Andreas Ineichen. (Bild: Corinne Glanzmann)

LZ-Sportchef Andreas Ineichen. (Bild: Corinne Glanzmann)

Vielleicht war es Vorhersehung, vielleicht bloss dem Zufall geschuldet: Dieser Tage und Wochen machte eine noble Schweizer Uhrenmarke während der Australian Open im Schweizer Fernsehen damit Werbung, dass man die Bedeutung eines Sportereignisses für die Zeitgeschichte oft erst im Nachhinein einordnen könne. Doch an diesem für den Schweizer Sport wunderbaren Sonntag bestätigte die Ausnahme die Regel: Was Roger Federer mit dem Gewinn seines 18. Grand-Slam-Turniers in Melbourne geschafft hat, ist das grösste Comeback eines Einzelsportlers seit Muhammad Ali 1974. Der 35-jährige Baselbieter ist zu einer der absolut grössten Ikonen geworden, die der Weltsport je hervorgebracht hat. Und damit ist auch die scheinbar ewig währende Frage ein für alle Mal beantwortet, wer denn nun der grösste Tennisspieler aller Zeiten und Länder ist.

Roger Federer und der im letzten Juni im Alter von 74 Jahren verstorbene US-Boxer Muhammad Ali verbindet mehr als ein überragendes Talent, mit dem ausschliesslich Champions gesegnet sind. Sie prägten über Jahre die Beletage ihrer Sportart mit Leichtigkeit und unnachahmlicher Eleganz. Aber als sich Schwierigkeiten in ihrer Karriere einstellten und die grossen Erfolge ausblieben, überwanden sie mit Kampfkraft und Zuversicht alle Widerstände und kehrten jenseits der 30 zurück. Nach ganz oben. Das macht ihre Karriere umso spezieller und wertvoller. Ali wurde 1967 der WM-Titel aberkannt, weil er sich in Zeiten des Vietnamkrieges weigerte, Wehrdienst für die USA zu leisten. Erst 1970 erhielt er wieder eine Lizenz zum Boxen, musste aber ein Jahr später im «Kampf des Jahrhunderts» gegen den damaligen Weltmeister Joe Frazier eine Niederlage ein­stecken. Doch vier Jahre später, im «Rumble in the Jungle» in Kinshasa/Zaire (heute: Demokratische Republik Kongo), gelang dem damals 32-jährigen Ali in einem legendären Fight die Rückkehr auf den Thron.

Im Herbst seiner Karriere holte sich Federer in Melbourne gegen «Angstgegner» Rafael Nadal seinen ersten Major-Titel seit Wimbledon 2012, in seinem ersten Grand-Slam-Turnier nach der ein halbes Jahr dauernden Verletzungspause. Und das, als der Abgesang auf ihn und seine ohnehin schon einmalige Karriere in den Redaktionsstuben und an den Stamm­tischen längst in der letzten Strophe angekommen war. Mit seiner phänomenalen Rückkehr strafte er alle Besserwisser Lügen.

Die Strahlkraft, die von einem Roger Federer und Muhammad Ali ausgeht, inspiriert und inspirierte Millionen von Zeitgenossen und sportlichen Nachwuchstalenten auf der ganzen Welt. Ali, das Grossmaul, erlangte durch sein politisches Engagement eine ungeheure Popularität bei der schwarzen Bevölkerung in den USA, die seinerzeit den Kampf gegen die Rassendiskriminierung aufgenommen hatte. Aber auch die Zuneigung für Federer, den Gentleman, hat weltumspannend ein Ausmass angenommen, das fast nicht in Worte zu fassen ist. Der Maestro ist schon seit Jahren der sympathischste Botschafter unseres Landes.

Ali bleibt der Grösste aller Zeiten, weil seine Bedeutung weit über den Sport hinausging. Aber gleich dahinter ist Federer einzuordnen, der grösste Schweizer Sportler der letzten und wahrscheinlich auch der nächsten 1000 Jahre.

Andreas Ineichen, Sportchef

andreas.ineichen@luzernerzeitung.ch