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TENNIS: Das grosse Rätsel um Djokovic

Novak Djokovic ist nach Indian Wells auch in Miami in seinem Startspiel ausgeschieden. Die ehemalige Nummer 1 der Weltrangliste steckt im Mittelmass fest.
Jörg Allmeroth
Muss in Miami eine weitere Enttäuschung hinnehmen: der Serbe Novak Djokovic. (Bild: Erik S. Lesser/EPA (23. März 2018))

Muss in Miami eine weitere Enttäuschung hinnehmen: der Serbe Novak Djokovic. (Bild: Erik S. Lesser/EPA (23. März 2018))

Jörg Allmeroth

Als Novak Djokovic nach seinem verstörenden Out in Miami um seine Matchanalyse gebeten wurde, redete er erst gar nicht lange um den heissen Brei herum. Es war auch kaum möglich, die Trostlosigkeit und Tristesse dieses Centre-Court-Gastspiels zu bemänteln, jene bittere 3:6, 4:6-Niederlage gegen den skurrilen Franzosen Benoît Paire: «Ich versuche alles, aber es hilft gar nichts. Das ist die Lage», sagte der Mann, der vor zwei Jahren noch die alles beherrschende Figur war. Und dann sagte der 30-jährige Serbe noch etwas, das keinem der Augenzeugen im Crandon Park auf dem Eiland Key Biscayne entgangen war: «Ich fühle mich nicht besonders gut, wenn ich so Tennis spiele.»

Djokovics Auftritt: ein einziges Rätsel. Auch deswegen, weil nicht wirklich klar war, warum sich Novak Djokovic zu diesem Spiel auf den Centre Court gestellt hatte. Eine Woche zuvor, beim Masters in Indian Wells, hatte er schon in der Startrunde verloren und überfordert gewirkt, noch nicht restlos wiederhergestellt nach seiner jüngsten Ellenbogen-Operation. Damals, in der kalifornischen Wüste, hatte er ebenfalls recht schonungslos nach dem Knock-out gegen den Japaner Taro Daniels erklärt, er habe sich gefühlt, «als ob es das erste Match gewesen wäre, das ich jemals im Profitennis bestritten habe». Das war klare Kante, offenes Visier, schonungslose Ehrlichkeit. Aber die nötige Konsequenz, sich einfach mehr Zeit zu geben für sein Comeback und zunächst einmal auf weitere Turnierteilnahmen zu verzichten, zog der einstige Meisterstratege nicht.

Nun bleibt vor allem ein übermächtiger Eindruck von grosser Ratlosigkeit haften, nach drei hintereinander verlorenen Matches, dem ersten frustrierenden Triple seit dem Jahr 2007. Nicht nur die ganze Tenniswelt – Fans, Experten, Medien, Kollegen – kann sich schwer erklären, was wirklich alles mit Djokovic passiert ist, was aus ihm geworden ist. Und Djokovic selbst wirkt anderthalb Jahre nach dem Beginn seiner komplexen Krise vor allem konsterniert – einer Krise, die genau in jenem Moment begann, als ihm der schwerste und vielleicht strahlendste Sieg zugleich in seiner Karriere gelungen war: der Sieg bei den French Open 2016.

Die Analyse von Boris Becker

«Der Ausgangspunkt seiner Probleme war vermutlich die Frage: Was kann jetzt noch kommen?», sagt Boris Becker, der damals, im Frühling 2016, noch Djokovics Trainer war. Becker, ein Mann, der einiges über die Motivation eines Hochleistungssportlers weiss, ahnte als Erster die drohenden Beschwernisse für den Serben. Weniger Trainingseinsatz, weniger Ehrgeiz bei den Turnierauftritten, ganz einfach nicht mehr der Hunger auf den nächstbesten Sieg – Becker schmiss wenige Monate nach der Paris-Mission hin, er hatte schliesslich auch genug geleistet, er war der Coach Djokovics in dessen herausragender Zeit im Profitennis gewesen.

Heute, rund um die ersten grossen US-Turniere der Saison 2018, hat sich an Beckers Befund aus der Trennungsphase nicht viel verändert. Denn wenn über Djokovic, den zwölfmaligen Grand-Slam-Gewinner, geredet wird, dann geht es nicht bloss um die Frage des körperlichen Verschleisses, um das Auskurieren seiner Ellenbogen-Beschwerden. Sondern auch um die Frage, ob Djokovic noch einmal den inneren Antrieb mobilisieren kann, der ihn einst zum Seriensieger auf den Centre Courts im Tennis-Wanderzirkus machte.

Zu diesem verzehrenden Drang gehörte auch ein Perfektionismus, der beispiellos in der hochprofessionalisierten Gesellschaft der Berufsspieler war – wie kein zweiter ordnete der Serbe jeden Aspekt seines Lebens dem Erfolg unter. Der österreichische Fitness- und Ernährungspapst Gebhard Gritsch, Teil des Djokovic-Teams, sagte einmal halb ernst, halb amüsiert, es sei «Wahnsinn, was wir da betreiben». Vermutlich war damit auch gemeint, dass Djokovic sogar Diätköche zu bestimmten Turnieren einfliegen liess.

Der Guru an seiner Seite

Becker, Gritsch, auch andere aus dem früheren Djokovic-Lager, beobachteten später zudem mit Skepsis und Besorgnis, wie Djokovic das Vakuum nach dem ultimativen Paris-Coup zu überwinden versuchte. Zu «neuen Horizonten» wollte der kriselnde Tenniskönig an der Seite eines Mannes aufbrechen, der von seinen Anhängern gern als Motivations- oder Meditationsguru bezeichnet wird – gemeint ist der Spanier Pepe Imaz, ein früher mässig erfolgreicher Profispieler, der sich später einer etwas wirren Frieden-und-Liebe-Philosophie verschrieb. Imaz hatte zuerst einen Bruder Djokovics für sich eingenommen, dann geriet auch der Superstar selbst in den Einfluss des autodidaktischen Predigers. Becker war nicht der Einzige, der das Ganze als Scharlatanerie empfand, aber er ging mit der Losung von dannen, wonach «alles seine Zeit hat».

Die Frage ist und bleibt nur: Hatte auch Djokovic schon seine Zeit? Die Zeit als Nummer eins, als ständiger Grand-Slam-Gewinner? Als der Mann, der das Mass der Dinge im Profitennis ist? Denn im Euphorietrubel um den rüstigen Senior Roger Federer wird ja gerade ein wenig vergessen, dass vor zwei, drei Spielzeiten jener Djokovic einmal alle vier Grand-Slam-Titel gleichzeitig in seinem Besitz hielt – ein Kunststück, das keinem zuvor in der Moderne dieses Sports gelungen war. Auch Djokovics Absturz, der mentale Einbruch, die körperlichen Leiden, ermöglichten die rasante Federer-Renaissance und auch das starke Comeback Nadals in der letzten Saison. Und Djokovics fortgesetzte Probleme, die bisher auch einer wie Neutrainer Andre Agassi nicht beseitigen konnte, verschafften den alten Titanen zumindest unterstützend auch den Sprung auf Platz eins, zuerst schaffte es Nadal, dann auch Federer.

Und so stellt sich die Frage, wie lange Novak Djokovic dieses Mittelmass, diese andauernden Enttäuschungen wegstecken kann – bei all der harten Trainingsarbeit, die er investiert. Eines hat Djokovic oft genug betont: «Ich kann und will kein Mitläufer sein.» Also das, was er im Moment noch ist.

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