TENNIS: Das Schattenleben der Tempomacher

Der Wettskandal wird am Australian Open weiter heiss diskutiert. im Stadion wird akribisch nach verbotenen Daten- lieferanten gesucht.

Jörg Allmeroth
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Gestern am Australian Open in Melbourne: Sind auch hier «Ergebnistelegrafen» für Wettanbieter tätig? (Bild: Keystone/Filip Singer)

Gestern am Australian Open in Melbourne: Sind auch hier «Ergebnistelegrafen» für Wettanbieter tätig? (Bild: Keystone/Filip Singer)

Dan Dobson (22) hatte seine paar Tage Berühmtheit. Im letzten April war der Moment, in dem der junge Mann in einigen britischen Zeitungen sein Schatten- und Traumleben aufblätterte – er ist einer der Handlanger in einem Geschäft, in dem es um Sekundenbruchteile, kleinste Zeitvorteile und im Endeffekt um hohe Geldsummen geht. Auch Dobson und seine Geschichte gehören zum grossen Wettkomplex im Tenniszirkus.

Dobson war das, was man einen Courtsider nennt – ein Datenlieferant, ein Ergebnistelegraf, der rund um die Welt auf den Tennisplätzen sass. Und der für seine Auftraggeberfirma in Echtzeit – via eines eigens konstruierten Computers – Spielstände übermittelte. Und zwar im Idealfall schneller als alle anderen – schneller vor allem als der Schiedsrichter des Matches, dessen eingegebene Daten auch bei Wettanbietern massgebend einlaufen. «Es war ein Märchen. Flüge rund um die Welt, tolle Hotels. Die grössten Tennisturniere», sagte Tempomacher Dobson damals, «ein Superjob.»

Millisekunden schneller sein

Courtsiding, also die Präsenz auf einem Tenniscourt, kann für Burschen wie Dobson und organisierte Zockertruppen im Hintergrund ein höchst lukratives Geschäft sein. Denn wer von einem der grossen Centre Courts oder auch nur von einer kleinen Challenger-Bühne fixer an die aktuellen Spielstände herankommt, Millisekunden früher, hat entscheidende Vorteile im Wettgeschehen – er kann sich besser als andere Wettanbieter positionieren. Denn dort zählt mehr als anderswo der Faktor Zeit, das Business um Sekunden und Millisekunden. So wie an Aktienbörsen heutzutage Nanosekunden zählen, schnelle und ultraschnelle Datenleitungen, um Aufträge vor potenziellen Rivalen abzuwickeln.

Um Flashmitteilungen, Blitznews geht es auch im Tennis. Um minimalste Zeitvorteile, die Beute bringen können. Wer sich aufmerksam umschaut bei Tennisturnieren, stösst früher oder später auf einen dieser Courtsider, einen jener gut bezahlten Nachrichtenboten, der meistens mit einem Mobiltelefon und Mikrofon ausgestattet ist und einen ganzen Match hindurch, wie ein Reporter, Spielstände an seine Zentrale liefert. Spricht man einen von ihnen an, wie der Autor im letzten Jahr in Dubai oder bei den French Open, kann es passieren, dass der Mann vom Platz flüchtet.

Denn zugelassen ist das Courtsiding nicht, Turniere und Tennisorganisationen gehen dagegen vor. Was grosse Wettsyndikate wie in Asien nicht daran hinderte, sogar mit Stellenanzeigen nach Leuten wie Dobson zu suchen. Die Veranstalter haben den Kampf gegen die Courtsider und ihre Gewährsmänner aufgenommen, auch mit immer schnellerer eigener Datenlieferung, doch ob das auch bei jedem Challenger- oder Futureturnier effizient geschieht, ist ungewiss. Und dort, auf den unscheinbaren Bühnen, kann im Zweifelsfall genau so viel verdient werden wie bei einem Grand Slam. Dort lohnt sich der Einsatz dieser Flash Boys erst recht.

Dobson wurde 2014 festgenommen

Inzwischen beschäftigen fast alle Turnierveranstalter, so auch die Australian Open oder Wimbledon, eigene Detektive, um die Courtsider aus dem Publikum herauszufiltern – ein Duell, bei dem sie offenbar deutlich erfolgreicher waren als bei ihrem Kampf gegen die eigentlichen Wettmanipulationen. Dobson, zum Beispiel, wurde bei den Australian Open 2014 sogar als erster dieser Nachrichtenlieferanten festgenommen. Ihn aufzuspüren, war nicht leicht, denn in der Regel versteckte Dobson seinen Kleincomputer unter einem Mantel. Und drückte dann dort die entsprechenden Tasten, um die Spielstände zu transferieren. Nach Dobsons Schätzung sassen bei einem Wimbledon-Final bis zu 75 Personen in der Menge, die als Newsboten operierten. Eine Zahl, die zeigt, wie viele in diesem Geschäft Geld verdienen wollen. Dobson übrigens ist raus aus dem Deal, aus dem Traumjob: Seine Firma löste die Abteilung der Courtsider auf.