TENNIS: Das zeichnet Federers Trainer aus

Roger Federer schenkt dem ehemaligen Weltklasse-Spieler Ivan Ljubicic das Vertrauen. Die Premiere des neuen Trainers vor dem Australian Open verlief alles andere als nach Wunsch.

Jörg Allmeroth
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Beobachtet Roger Federer bei einer Trainingseinheit in Melbourne: Ivan Ljubicic (hinten). (Bild: Freshfocus/Pierre Lahalle)

Beobachtet Roger Federer bei einer Trainingseinheit in Melbourne: Ivan Ljubicic (hinten). (Bild: Freshfocus/Pierre Lahalle)

Jörg Allmeroth

Am letzten Sonntag in Brisbane hat Ivan Ljubicic (36) in der Trainerbox von Roger Federer (34) doch etwas konsterniert dreingeschaut. Ljubicic ist ein heller Kopf, er wusste, wie die sich abzeichnende Niederlage seines neuen Dienstherrn Roger Federer gegen einen gewissen Milos Raonic in den Medien interpretiert werden würde. Denn dummerweise war Ljubicic auf den ersten Metern seiner Trainerkarriere der Coach von Rivale Raonic gewesen, es wäre also eigentlich die ideale Story und Schlagzeile gewesen, wenn Roger Federer mit Hilfe des ausgewiesenen Insiders Ljubicic zu diesem Pokalgewinn gekommen wäre.

Doch Ljubicic sah, wie der Rest der Federer-Entourage, einen schwächelnden, angeschlagenen Maestro, keinen strahlenden Siegertypen wie sonst meistens. 4:6 und 4:6 verlor der alte Meister schliesslich bei der einzigen Generalprobe für das in der Nacht auf Montag beginnende Grand-Slam-Spektakel in Melbourne. Dumm gelaufen, das Ganze. Aber auch alles andere als eine sportliche Katastrophe. «Abgerechnet wird in Melbourne. Dort zählt es», sagte Ljubicic später. Der Helfer, der noch nicht helfen konnte.

Eine erstaunliche Karriere

Aber der 36 Jahre alte Kroate ist ein Mann, der gewohnt ist, mit Rückschlägen und Schwierigkeiten umzugehen. Ljubicic, der frische Partner an Federers Seite, steht fast prototypisch für viele Spieler aus der Balkanregion, die während den Kriegswirren unter kritischen Umständen eine erstaunliche Tenniskarriere auf die weltweiten Centre Courts zauberten. Wie kaum ein Zweiter in der jüngeren Vergangenheit machte der kluge Glatzkopf das Maximale aus seinen Möglichkeiten, rauschte als spätberufener Topspieler sogar noch bis auf Platz 3 der Weltrangliste, hinter den Herren Federer und Nadal damals.

«Die beiden waren so weit weg, dass ich mich wie die Nummer 1 des Rests der Welt fühlte», sagt Ljubicic, ein Profi mit schnörkellosem, kompromisslosem Spiel. Ein Stratege, der bekannt dafür war, erbarmungslos die Schwächen seiner Gegner auszuloten und diese Erkenntnisse auch Gewinn bringend zu verwerten.

Ein grossartiger Taktiker

Womit man schon bei Federers Entscheidung pro Ljubicic wäre. Sie rührt auch, aber nicht nur, aus der langen Bekanntschaft zweier Spieler her, deren Wege sich immer und immer wieder kreuzten – ob als junge Profis, die gemeinsam bei der ATP-Akademie in Monte Carlo die Lehrbank drückten. Ob als Repräsentanten der Tennistour: Erst war Ljubicic Präsident des Spielerrats, später dann auch Federer. Oder einfach als Spieler, die sich in gegenseitiger Sympathie immer wieder austauschten, miteinander trainierten und zuweilen auch gegeneinander antraten. 16 direkte Duelle gab es, 13 Mal siegte Federer, drei Mal der Kroate.

In den besten Zeiten von Ivan Ljubicic kämpften sie 2005 und 2006 sogar bei der ATP-WM um wichtige Siege, Federer gewann beide Duelle. «Ivan war immer ein Gegner, bei dem höchste Konzentration nötig war. Er war ein grossartiger Taktiker», sagt Federer, «er passt ausgezeichnet in mein Team. Er hat selbst Familie, weiss, dass ich ein Familienmensch bin. Da ist man auf einer Wellenlänge.»

In Melbourne beginnt Federers Mission am Montag (9.00 Uhr, SRF 2) gegen den 23-jährigen Georgier Nikolos Bassilaschwili (ATP 117), in Runde zwei könnte der Ukrainer Alexander Dolgopolow (ATP 36) warten. Und danach bereits der Bulgare Grigor Dimitrov (ATP 11). «Anspruchsvoll», nennt Federer diese Auslosung, der später im Halbfinal auf Novak Djokovic treffen könnte.

Der Vorteil von Ljubicic

In der Causa seines Neu-Coachs Ljubicic hängt alles mit allem zusammen. Denn Stefan Edberg war einst der Spieler, der den jungen Ivan ­Ljubicic daheim in Banja Luka im heutigen Bosnien-Herzegowina vor dem Fernseher faszinierte und ihn zu einer Tenniskarriere animierte. Und nun ist Ljubicic bei Federer tatsächlich der Nachfolger jenes Edberg – als Rat- und Ideengeber, als Bessermacher in den kleinen, unscheinbaren Details, die letztlich im modernen Spitzentennis den Unterschied ausmachen. Ljubicic hat den Vorteil, dass er eigentlich noch alle relevanten Gegner aus eigenem Erleben kennt, ob sie nun Novak Djokovic, Andy Murray oder Rafael Nadal heissen.

Interessant dürfte für den 17-fachen Grand-Slam-Sieger Federer sein, wie Ljubicic auf die Herausforderungen gegen jene Asse geblickt hat, wie seine taktisch-strategischen Lösungen aussahen. Und was er, Federer, daraus lernen kann. «Es ist einfach eine grosse Ehre für mich, dass Roger mir dieses Vertrauen schenkt», sagt Ljubicic, «ich hoffe, dass es eine grosse Saison für ihn wird.» Und damit auch für Ljubicic selbst.

Wawrinka mit Rückenwind

Wenn in den letzten Tagen die üblichen Prognosen für das Australian Open abgegeben wurden, dann hatten diese Ausblicke zwei Punkte gemein: Novak Djokovic, die Nummer 1 der Welt, der gegenwärtige Inhaber dreier der vier Grand-Slam-Titel, der Titelverteidiger von Melbourne, ist der grosse Favorit. Und die gefährlichsten Herausforderer sind zwei Schweizer: Roger Federer. Und Stan Wawrinka. Er, der Champion von 2014, vielleicht sogar noch gefährlicher in seiner Statur als Herausforderer. «Melbourne ist ein Turnier, das ich mag. Bei dem ich immer mit einem guten Gefühl an den Start gehe», sagt Wawrinka, der sich auf seine späten Tennistage in die engere Weltspitze vorgespielt hat. Der es in den letzten beiden Jahren schaffte, jeweils einen Major-Pokal zu erobern. Erster Gegner für Wawrinka ist am Dienstag der Russe Dimitri Tursunow. Djokovic könnte er gemäss Auslosung erst im Final begegnen. Doch bis dahin ist es noch ein langer Marsch durch ein herausforderndes Turnierfeld.

Wawrinkas Duelle mit Djokovic waren prägende Momente der australischen Grand-Slam-Festivitäten in den Jahren 2014 und 2015. Der Sieg des inzwischen 30-jährigen Romand vor 24 Monaten in einem epischen Fünfsatz-Halbfinal-Thriller war zugleich auch eine Initialzündung für das neue Tennisleben, in einer anderen Leistungsliga, mit einem verwandelten Glauben an die eigenen Qualitäten. «Es war der Schub, der Erfolg, den ich brauchte», sagt Wawrinka, «ich bin gespannt, ob sich unsere Wege wieder kreuzen.» Zunächst mal aber gilt für Wawrinka, den aktuellen Rückenwind seines vierten Chennai-Sieges für einen möglichst geräuschlosen Marsch durch die ersten Turnierrunden zu nutzen. Da gilt es für ihn, so wenig Energie wie nur möglich aufzuwenden, Kräfte aufzusparen für die entscheidende Turnierphase. «Von mir aus kann es losgehen», sagt Wawrinka.