TENNIS: Der schwere Weg zurück an die Tennis-Weltspitze

Nach einer halbjährigen Verletzungspause hat Roger Federer 2017 ein unglaubliches Comeback gefeiert. Die Beispiele seiner grössten Konkurrenten zeigen: So reibungslos verläuft das nicht immer.

Jörg Allmeroth
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Wirkt oft ratlos: Novak Djokovic, der bei den Australian Open bereits in der vierten Runde ausschied. (Bild: Mast Irham/EPA (Melbourne, 22. Januar 2018))

Wirkt oft ratlos: Novak Djokovic, der bei den Australian Open bereits in der vierten Runde ausschied. (Bild: Mast Irham/EPA (Melbourne, 22. Januar 2018))

Jörg Allmeroth

Wenn Roger Federer an seinen Australian-Open-Sieg 2017 zurückdenkt, kann er sich auch heute noch mühelos begeistern. «Es war der unglaublichste Erfolg meiner Karriere. Kein Titelgewinn war emotionaler für mich», sagt der Schweizer Maestro. Alles anw jenem Triumph war verblüffend: die Tatsache, dass er knapp fünf Jahre nach seinem letzten Grand-Slam-Coup wieder eines der überragenden Major-Turniere gewinnen konnte, im zarten Alter von damals 35 Jahren. Aber mehr noch dieser sagenhafte Sprint von null auf hundert, der Sieg direkt aus einer halbjährigen Verletzungspause heraus, gleich beim ersten bedeutenden Arbeitseinsatz.

«Ganz ehrlich: Es gibt immer noch Tage, an denen ich denke: Ist das wirklich passiert? Oder träume ich das alles nur?», sagt der vierfache Familienvater, der vor einer Woche eine verschmerzbare Auftaktniederlage beim Masters in Miami gegen den australischen Qualifikanten Thanasi Kokkinakis einstecken musste. Er verlor zwar wieder die Nummer-1-Position in der Weltrangliste, aber wer – einschliesslich Federer selbst – hätte gedacht, dass er überhaupt wieder zur Nummer 1 aufsteigen und seit dem Comeback drei Grand-Slam-Titel gewinnen würde.

Agassi trennt sich von Djokovic

Dass Federers grandioser Wiedereinstieg aber keineswegs der Regelfall im professionellen Wanderzirkus ist, zeigt der Blick auf einige seiner härtesten Konkurrenten der letzten Jahre. Topcracks wie Novak Djokovic, Stan Wawrinka oder auch Andy Murray hatten den radikalen Kurs des Schweizers nachgeahmt und sich wegen ihrer mehr oder minder schweren Verletzungen zu einer längeren Spielpause entschlossen, doch von einem ähnlichen Parforceritt wie Federer sind sie weit entfernt. Im Gegenteil: Gerade Djokovic, der marktbeherrschende Spieler der Jahre 2011 bis 2016, verzweifelt in der Frühphase der Saison 2018 an einer schweren Dauerkrise.

Seit der 30-jährige Serbe vor anderthalb Jahren den letzten noch fehlenden Grand-Slam-Titel in Paris gewann, geht es schleichend bergab – teils wegen einer komplizierten Ellenbogenblessur, teils aber auch wegen eines nachhaltigen Motivationsdefizits, einer unausgesprochenen Sinnkrise. Beim Masters in Miami kassierte der «Djoker» wie zuvor auch schon in Indian Wells eine bittere Auftaktniederlage, bei der 3:6- und 4:6-Abfuhr gegen den Franzosen Benoit Paire wirkte der Belgrader blass.

Schliesslich platzte gestern ohne zeitliche Abstimmung mit Djokovics Lager das Statement von Andre Agassi auf den Markt, eine offizielle Note, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig liess: «Ich versuchte Novak mit nur den besten Absichten zu helfen», hiess es da, «wir merkten aber, dass wir viel zu oft nur darin einig waren, dass wir uns uneinig waren. Ich wünsche ihm jetzt alles Gute.»

Agassi ist damit schon der zweite der sogenannten Supercoaches, nach Boris Becker im Herbst 2016, der aus Djokovics Camp flüchtete. Vermutlich auch aus ähnlichen Motiven: Djokovic hörte nicht ausreichend genug auf seine Ratschläge und Strategien, zudem wirkte der frühere weltbeste Profi nicht immer topmotiviert und genug siegfokussiert. Insider berichten, beim Masters in Indian Wells sei es kürzlich zum «grossen Knall» gekommen, Agassi sei bereits nach einer geheimen Trainingseinheit verärgert abgereist. Später habe Djokovic auch die Empfehlung Agassis ignoriert, eine Turnierpause einzulegen und auf einen Start in Miami zu verzichten.

Die Einschätzung der Experten

Djokovic steht mit seiner Malaise allerdings nicht allein da. Es ist kurios, aber wahr: Federer, der mit Abstand älteste unter den Elitespielern, ist auch der einzige, der nicht über körperliche Pro­bleme klagt. «Das randvolle Programm zehrt an den Stars», sagt der ehemalige Weltranglisten-Erste Mats Wilander, «die Beanspruchung der Besten ist enorm.» Auch Federers härtester Karriere-Rivale Rafael Nadal musste das Geschehen gerade mal wieder von der Seitenlinie verfolgen, eine Verletzung am sogenannten Hüftbeuger macht ihm zu schaffen. Nadal hatte 2017 zunächst ein ähnlich erfolgreiches Comeback wie Federer geschafft, doch da sein Spielstil physisch we­sentlich anspruchsvoller und her­ausfordernder ist, litt er bereits im vergangenen Spätherbst aufs Neue an allerlei Wehwehchen. Bei der ATP-WM in London ­bestritt er schmerzverzerrt nur einen Match, gab danach auf. Nun will er angeblich zum Beginn der Sandplatzsaison zurückkehren.

Der Mann, den Nadal 2017 als Nummer 1 ablöste, wird noch länger auf seinen ersten Einsatz nach Verletzungspein warten müssen. Nach einer lange aufgeschobenen, dann aber kurzerhand in Melbourne im Januar anberaumten Hüftoperation dürfte sich Andy Murray glücklich schätzen, zur Rasensaison in den Wanderzirkus zurückkehren zu können. Sicher ist das aber keineswegs. Und sicher ist auch nicht, ob der Schotte dann auch nur einen halbwegs vergleichbaren Einstieg wie weiland Federer in Melbourne schaffte. «Es stellt sich immer die Frage, ob man das alte Selbstvertrauen, die nötige Zuversicht in den eigenen Körper findet», sagt Beobachter John McEnroe, «Andys Spiel lebt auch von optimaler Fitness, einer besonderen Geschmeidigkeit und Beweglichkeit. Es wird ein sehr harter Weg für ihn.» Ähnlich wie Murray hatte Stan Wawrinka zu Saisonbeginn einen ersten Come­back-Versuch unternommen. Doch die Mission Rückkehr war genau wie bei «Sir Andy» bitter gescheitert. Schnell korrigierte der 32-jährige Schweizer seinen Zeithorizont für einen erfolgreichen Wiedereinstieg, sagte zudem die Teilnahme an den Masters-Wettbewerben in Indian Wells und Miami ab. Er müsse «Geduld haben», so Wawrinka, «und es ist zwingend nötig, dem Körper die nötige Zeit zu geben, die er braucht». Auch Wawrinka will zur Sandplatzsaison den nächsten Anlauf nehmen, jedenfalls ist das seine Absicht.

Viele der Topleute könnten sich dann bei den Ascheplatzwettbewerben langsam, aber sicher wieder an den Wettkampf auf dem Centre Court herantasten – während der Meister aller Klassen, Roger Federer, eine entspannte, selbstgewählte Auszeit nimmt. So wie im letzten, meisterlich erfolgreichen, meisterlich durchgeplanten Tennisjahr.

Masters

Miami, Florida. ATP-Masters-1000-Turnier (16,62 Mio. Dollar/Hart). Männer, Zweiter Halbfinal: Alexander Zverev (GER/4) s. Carreño Busta (ESP/16) 7:6 (7:4), 6:2.

Final: Zverev (4) – Isner (USA/14).