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TENNIS: Die Kampfansage von Grigor Dimitrow

In einer dramatischen Achtelfinalpartie eliminiert Grigor Dimitrow bei den Australian Open Lokalmatador Nick Kyrgios. Nach Spielschluss kommt es zu einer rührenden Szene.
Jörg Allmeroth
Hat seine Nerven im Griff: Der Bulgare Grigor Dimitrow steht im Viertelfinal. (Bild: Lukas Coch/EPA (Melbourne, 21. Januar 2018))

Hat seine Nerven im Griff: Der Bulgare Grigor Dimitrow steht im Viertelfinal. (Bild: Lukas Coch/EPA (Melbourne, 21. Januar 2018))

Jörg Allmeroth

sport@luzernerzeitung.ch

Viele Jahre lang war Grigor ­Dimitrow das ewige Talent des umherziehenden Tennisbetriebs. Der Mann, dem Mitte zwanzig dann auch nicht mehr wirklich schmeichelte, wegen stilistischer Ähnlichkeiten als «Baby-Federer» bezeichnet zu werden. Nun aber scheint es, als habe der elegante Bulgare seiner Karriere doch noch rechtzeitig den grossen Dreh verpasst – mit bemerkenswerten Schritten nach vorn. Und sehr guten Ergebnissen auch auf den Bühnen, die etwas zählen in seinem Sport.

Rund zwei Monate nach seinem Sieg bei der ATP-Weltmeisterschaft in London jedenfalls hat sich der 26-jährige Ästhet am Ball nun auch wieder als ernsthafter Mitfavorit bei den Australian Open in Melbourne etabliert. Sein 7:6 (7:3), 7:6 (7:4), 4:6, 7:6 (7:4)-Sieg über den australischen Lokalmatador Nick Kyrgios war in jeder Beziehung eine Kampfansage an die Konkurrenz, ein Ausrufezeichen in einem Wettbewerb, in dem bisher wieder einmal meist über die verdienten Meister der Branche gesprochen wurde – über Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic.

Der Stolz des Siegers

Doch so, wie sich Dimitrow, aktuell die Nummer 3 der Welt, in der hitzigen Atmosphäre dieser Nachtvorstellung gegen Kyrgios durchsetzte, wie er die Nerven behielt in diesem Tiebreak-Krimi und auch gelegentliche Feindseligkeiten der Kulisse ignorierte, kann ihn keiner mehr übersehen bei der Pokalvergabe in Down Under. «Ich bin schon ein wenig stolz, dass ich diese Aufgabe gegen einen richtig starken Gegner gemeistert habe», sagte Dimitrow später.

Am Netz war es direkt nach Dimitrows Sieg noch zu einer denkwürdigen, rührenden Szene gekommen: Sieger und Verlierer umarmten sich, und dann forderte Kyrgios seinen Bezwinger auf, mit ähnlicher Attitüde auch an weitere Aufgaben heranzugehen, mit dem Wort: «Believe» («Glaub an dich»). Es sei «ganz grosser Sport» gewesen, befand Australiens ehemaliger Championspieler Pat Cash, «ein Match, das auch eines Finals würdig gewesen wäre». Beide Akteure hätten auf der «absoluten Höhe ihrer Kunst» gespielt, notierte Ex-Superstar und TV-Experte Boris Becker.

Erneut Halbfinalduell gegen Nadal möglich

Dimitrow wird in der Runde der letzten acht nun auf den ungesetzten Briten Kyle Edmund treffen, der zuvor den Südtiroler Andreas Seppi ausgeschaltet hatte. Der Bulgare ist klarer Favorit, man darf wohl ohne allzu viel Risiko davon ausgehen, dass er wie im letzten Jahr im Melbourne-Halbfinal auftauchen wird. Damals hatte er in einer herausragenden Partie gegen Nadal verloren. Ob es zu einem Wiedersehen mit dem mallorquinischen Matador kommt, ist offen – aber durchaus möglich. Nadal muss nach seinem Sonntags-Erfolg gegen den wuseligen Argentinier Diego Schwartzman (6:3, 6:7, 6:3, 6:3) erst einmal den Kroaten Marin Cilic ausschalten – der Wimbledon-Finalist der Vorsaison ist eine ausserordentlich hohe Hürde. Gewinnt Nadal, dann wäre das neuerliche Rendezvous mit Dimitrow perfekt.

Mann der Stunde war freilich Dimitrow, der wie im Match auch bei den Gesamtpunkten einen hauchdünnen Vorsprung gegen Kyrgios ins Ziel rettete. Der verwandelte Matchball im Tiebreak des vierten Satzes bedeutete den 157:156-Vorsprung – ein Fakt, der illustriert, wie umkämpft diese Abendgala war, dieses Duell mit allen Finten und Finessen. Fast unglaublich, aber wahr: Kyrgios schlug 76 Winner und 36 Asse, doch als Sieger ging er nicht vom Platz. Ganz einfach, weil Dimitrow sich weigerte, in diesem Angriffssturm klein beizugeben. Seine Abdeckung des Platzes, seine körperliche Geschmeidigkeit waren beeindruckend – es erinnerte, ob man nun wollte oder nicht, eben doch an Federers Bewegungsmuster.

Auszuschliessen ist ja nicht, dass sie sich noch begegnen werden: der Maestro, dessen Achtelfinal gegen den Ungarn Marton Fucsovics auf heute 5.00 Uhr Schweizer Zeit (SRF zwei) angesetzt wurde, und der Mann, der so lange als sein kongenialer Erbe galt. Es wäre dann am Sonntag. Im Endspiel von Melbourne.

Australian Open

Melbourne. Grand-Slam-Turnier (38,3 Mio. Franken/Hart). Männer, Achtelfinals: Nadal (ESP/1) s. Schwartzman (ARG/24) 6:3, 6:7 (4:7), 6:3, 6:3. Dimitrow (BUL/3) s. Kyrgios (AUS/17) 7:6 (7:3), 7:6 (7:4), 4:6, 7:6 (7:4). Cilic (CRO/6) s. Carreño Busta (ESP/10) 6:7 (2:7), 6:3, 7:6 (7:0), 7:6 (7:3). Edmund (GBR) s. Seppi (ITA) 6:7 (4:7), 7:5, 6:2, 6:3. – Viertelfinal-Tableau: Nadal (1) – Cilic (6), Dimitrow (3) – Edmund; Thiem (5)/Sandgren – Djokovic (14)/Chung, Fognini (25)/Berdych (19) – Fucsovics/Federer (2). – Partie von Federer in der Nacht auf heute (zirka 5.00 Uhr, SRF zwei).

Junioren, 1. Runde: Sacharow (RUS/12) s. Wenger (SUI) 7:5, 4:6, 6:0.

Frauen, Achtelfinals: Wozniacki (DEN/2) s. Rybarikova (SVK/19) 6:3, 6:0. Switolina (UKR/4) s. Allertova (CZE) 6:3, 6:0. Suarez Navarro (ESP) s. Kontaveit (EST/32) 4:6, 6:4, 8:6. Mertens (BEL) s. Martic (CRO) 7:6 (7:5), 7:5. – Viertelfinal-Tableau: Halep (1)/Osaka – Strycova (20)/Pliskova (6), Hsieh/Kerber (21) – Keys (17)/Garcia (8); Mertens – Switolina (4), Suarez Navarro – Wozniacki (2).

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