TENNIS: Die Spielverderber von Murray

Andy Murray (28) gibt im entscheidenden Gruppenspiel gegen Stan Wawrinka ein komisches Bild von sich ab: Da ist seine leere Betreuerbox – aber auch seine rätselhafte Leistung.

Jörg Allmeroth, London
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In seinem letzten Gruppenspiel war der Spass für Andy Murray an einem kleinen Ort – der Brite schied gegen Stan Wawrinka aus. (Bild: EPA/Facundo Arrizabalaga)

In seinem letzten Gruppenspiel war der Spass für Andy Murray an einem kleinen Ort – der Brite schied gegen Stan Wawrinka aus. (Bild: EPA/Facundo Arrizabalaga)

Ab und zu schwenkten die Kameras früh an diesem Freitagabend in der O2-Arena auf die Spielerbox von Andy Murray. Dorthin, wo eigentlich seine Trainertruppe, seine Fitnesscoaches, sein Management und auch seine Frau während einer WM-Partie ihren Beobachtungsposten haben. Doch in dieser entscheidenden WM-Nacht, im wegweisenden Zweikampf mit Stan Wawrinka, war Murrays Loge direkt am Centre Court verwaist, menschenleer, es war ein merkwürdiges Bild. Umso mehr, da Murray selbst noch in einer BBC-Kolumne erklärt hatte, wie wichtig es ihm sei, immer mal wieder einfach Blickkontakt zu seiner Mannschaft aufnehmen zu können.

Es dauerte eine Weile, bis die aufmerksamen Späher der TV-Weltregie die Murray-Entourage dann weit oben unterm Hallendach entdeckt hatten, so weit vom Spielfeld entfernt, dass sie gefühlt ein Fernglas für den sicheren Blick gebraucht hätten. Warum das alles, warum dieses scheinbare Versteckspiel? «Manchmal, wenn die eigenen Leute zu nah an dir dran sind, kann das auch störend sein», sagte Murray.

Die grösste Demütigung

Es war eine komplizierte Antwort, eine undurchsichtige Erklärung in einem Moment, da für ihn wieder einmal alles vorbei war. Murray, der Lokalmatador, hat zwar die ewige britische Titeldürre in Wimbledon beendet, mit seinem historischen Coup vor zweieinhalb Jahren. Doch das grosse, abschliessende Tennis-Spektakel im Osten der britischen Kapitale bleibt irgendwie ein grosses Rätsel – für Murray selbst, aber auch für seine Fans. Und für die, die Murrays Auftritte professionell verfolgen, sowie auch den ehemaligen britischen Spitzenmann Tim Henman. «Es scheint, als fehle stets das letzte Puzzleteil für ihn», sagte Henman nach Murrays 6:7 (4:7), 4:6-Niederlage gegen Wawrinka.

Am Ende war es mit Wawrinka wieder ein Schweizer, der Murray und den Gastgebern das Spiel und die Hoffnungen auf einen heimischen Coup verdarb – vor zwölf Monaten, in der Branche schwerlich vergessen, hatte Roger Federer dem Schotten eine herbe 6:0, 6:1-Abfuhr versetzt, es war die grösste Demütigung auf einer solch grossen Bühne, die man sich überhaupt nur vorstellen konnte. Murray könnte auch in diesem Jahr noch einmal symbolisch gegen Federer verlieren, nämlich Platz 2 in der Weltrangliste an den ewigen Maestro. Federer müsste dafür das Turnier gewinnen.

Das Abkanzeln als «Heulsuse»

Murray, unzweifelhaft in ein Interessen- und Termindilemma verstrickt, kann sich nun auf den Davis-Cup-Final konzentrieren. In der O2-Arena aber spielt weiter die Schweiz eine gewichtige, wenn nicht gar überragende Rolle. Schon wieder sind die beiden Frontmänner von Swiss Tennis unter den letzten vier der Weltmeisterschaft gelandet, genau wie schon 2013 und 2014. Vor zwei Jahren verloren Wawrinka (gegen Djokovic) und Federer (gegen Nadal) ihre Halbfinals in separaten Matches, 2014 traten sie – wie auch an diesem Samstagabend – gegeneinander an. «Ganz egal, wo und in welchem Stadium eines Turniers: Gegen Roger zu spielen, ist immer etwas ganz Besonderes», sagte Wawrinka, der sich nach unerklärlich schwachem Turnierauftakt gegen Nadal noch so weit steigerte, dass er nun weiter vom ersten Pokalcoup in der O2-Arena träumen durfte.

Gegen Federer wird er sich allerdings nicht die Nonchalance leisten können, die er im Match gegen Murray wieder und wieder zeigte. Im ersten Durchgang servierte der Romand beim 5:3-Vorsprung zum verlockend nahen 1:0-Satzvorsprung, nur um sich nach einem mittleren Blackout plötzlich in einem Tiebreak-Krimi zu sehen. In dieser Glückslotterie lag Murray sogar 4:2 vorn, verlor dann aber ebenso fahrig wie zuvor Wawrinka die nächsten fünf Punkte zum 4:7. «Wenn du diese Fehler machst, bei einem Turnier wie diesem hier, dann hast du auch den Sieg nicht verdient», sagte Murray hinterher. Wawrinka schien dann gänzlich auf dem Weg in den Halbfinal zu sein, doch bei einer 5:2-Führung im zweiten Satz verlor er abermals den Faden. Murray kam auf 4:5 heran, hatte sogar zwei Breakbälle zum 5:5, doch Wawrinka hangelte sich dann durchs Ziel. Und zum alten, neuen Schweizer Duell mit Federer.

Der Maestro liegt im Kopf-zu-Kopf-Vergleich 17:3 vorn, doch die letzten beiden Matches hatten unterschiedliche Sieger: Wawrinka bei den French Open, Federer bei den US Open. Bei der WM 2014 ging es so turbulent wie nie zwischen dem Duo zu, Federer siegte 8:6 im Tiebreak des dritten Satzes – nach Abwehr von vier Matchbällen. Es war auch der Abend, an dem Federers Frau Mirka den denkwürdigen Zwischenruf in Wawrinkas Richtung erschallen liess, das Abkanzeln als «Heulsuse».
 

Jörg Allmeroth, London

 

Djokovic kauft Nadal Schneid ab

Final-Gegner Si. Novak Djokovic lässt Rafael Nadal im ersten WM-Halbfinal nicht den Hauch einer Chance. In nur 79 Minuten bezwang die Weltnummer 1 den Spanier 6:3, 6:3, ohne dass dieser zu einem Breakball kam.

In der Vorrunde hatte er noch leicht geschwächelt, vor allem bei seiner Niederlage gegen Roger Federer, doch als es zählte, war Djokovic wieder voll da. Er liess nie den geringsten Zweifel aufkommen, dass er gegen Nadal der Chef ist auf dem Platz – wie schon zum vierten Mal in diesem Jahr. Der überlegene Weltranglistenerste schlug allein in den ersten zehn Minuten acht Winner ohne einen einzigen unerzwungenen Fehler. Damit führte er schnell 3:0 und kaufte dem Spanier sogleich den Schneid ab.

Nie aus Komfortzone gedrängt
Nadal zeigte sich vor allem beim Return schwach und schaffte es so nie, den Serben unter Druck zu setzen.  So wurde Djokovic nie aus seiner Komfortzone gedrängt. Im zweiten Satz verpasste der Überflieger der letzten Jahre zwar im ersten Game eine Vorentscheidung, doch ein Vorhand-Fehler Nadals ermöglichte ihm wenig später das Break zum 3:2. Am Ende musste er nicht einmal mehr ausservieren. Beim Stand von 5:3 gelangen Djokovic drei Gewinnschläge von der Grundlinie zum Sieg.