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TENNIS: Die zeitlose Klasse des Maestros

Roger Federer spielt am Sonntag (9.30 Uhr, SRF info) am Australian Open in Melbourne um seinen 20. Grand-Slam-Titel. Der Titelverteidiger profitiert im Halbfinal von der Aufgabe von Hyeon Chung.
Jörg Allmeroth
Steht ohne Satzverlust erneut im Final der Australian Open: Roger Federer. (Bild: Darrian Traynor/Getty (Melbourne, 26. Januar 2018))

Steht ohne Satzverlust erneut im Final der Australian Open: Roger Federer. (Bild: Darrian Traynor/Getty (Melbourne, 26. Januar 2018))

Jörg Allmeroth

sport@luzernerzeitung.ch

Es war mal wieder das grosse Thema vor diesen Australian Open, überhaupt vor dieser Tennissaison 2018. Die Frage, ob die nächste und übernächste Generation im Wanderzirkus endlich an der Vormachtstellung der munteren Alten kratzen würde. Doch wie sah die Zwischenabrechnung nun aus am Grand-Slam-Schauplatz Melbourne nach knapp zwei Wochen der Ausscheidungsspiele am anderen Ende der Welt?

Es grüsste von dort, aus der Rod-Laver-Arena, der älteste Grand-Slam-Finalist seit 1972. Ein gewisser Roger Federer (36) – der ewige Maestro, der beharrliche Meisterspieler, der seine Karriere jenseits der dreissig immer weiter und aufs immer Neue veredelt.

Die Erinnerungen an Marin Cilic

Fast ohne jegliche Anstrengung übersprang er die vorletzte Hürde auf dem Weg zu seinem sage und schreibe 20. Major-Titel, im Halbfinal warf sein 15 Jahre jüngerer Rivale Hyeon Chung nach 62 Minuten das Handtuch, beim Stand von 1:6 und 2:5 gab der Südkoreaner wegen schmerzhafter Blutblasen unter den Füssen ein Match auf, das nie ernsthaft eines war. «So will man nicht gewinnen», sagte Federer später, «aber natürlich freue ich mich jetzt riesig auf das Endspiel. Und auf die Chance, den Titel verteidigen zu können.»

Kurios genug: Am Sonntag steht Federer mit dem Kroaten Marin Cilic ein Mann im letzten, entscheidenden Grand-Slam-Rendezvous gegenüber, der vor rund einem halben Jahr ähnliche Probleme gegen ihn hatte wie aktuell der arme Chung. Tränenüberströmt sass Cilic damals auf seinem Centre-Court-Stuhl, lange vor dem eigentlichen Ende des Wimbledon-Finals wusste der 29-Jährige schon, dass sein Titeltraum geplatzt war. Wie Chung liess sich Cilic wegen Blasen an den Füssen behandeln, die Physiotherapeuten taten ihr Menschenmöglichstes, aber die Schmerzen waren grösser als der Wille des Kroaten. Er spielte allerdings noch – sichtlich unter grosser Pein – zu Ende, aber es war kein normales Pokalduell mehr. «Ich bin sicher, dass es am Sonntag anders wird. Marin ist in grossartiger Form, er wirkt gesund und fit. Ich stelle mich auf massive Gegenwehr ein», sagt Roger Federer.

Er selber aber bleibt das Phänomen. Federer, der im modernen Profitennis zeitlose Klasse repräsentiert wie kein Zweiter. Als er am Freitag von Centre-Court-Interviewer Jim Courier, dem ehemaligen Weltranglistenersten, gefragt wurde, wie sich die Chance anfühle, nun schon um den 20. Grand-Slam-Titel zu spielen, sagte Federer: «Es ist schlicht unglaublich. Das hätte ich vor einem Jahr noch für einen Witz gehalten.» Damals, zur Erinnerung, hatte Federer vor dem Titelcoup gegen Rafael Nadal eine sechsmonatige Verletzungspause und auch eine sehr lange Durststrecke hinter sich gebracht – zwischen Major-Titel Nummer 17 (2012, Wimbledon) und dem Sieg in Melbourne lagen immerhin viereinhalb Jahre. Federers Qualität sei eben auch, «über seine ganze Karriere eine grundsätzlich positive Attitüde auszustrahlen», sagt Pat Cash, der australische Ex-Superstar. «Er glaubt unverwüstlich an seine Chance. Und er tut eben auch alles dafür, immer wieder neue Chancen zu bekommen.»

Federers Qualitäten neben dem Platz

Federer hat in seiner Ausnahmekarriere alle nur möglichen Rekorde gebrochen, man könnte ganze Zeitungsseiten damit füllen – ohne dass es einem lang­weilig würde bei dem phänomenalen Zahlenwerk. Aber faszinierender ist der Mensch im Champion, der Mann, dem trotz seiner erdrückenden Dominanz in vielen Karrierejahren selbst die Kollegen nie böse sein konnten. Federer ist mit seinen 36 Jahren mehr denn je der universale Tennisbotschafter, neben dem knallharten Wettkämpfer, der er natürlich auch ist.

In Melbourne, bei diesen Offenen Australischen Meisterschaften des Jahres 2018, war das wieder einmal zu beobachten. Was passierte, als der ärgste Rivale Nadal wegen einer Hüftverletzung den Titelkampf einstellen musste? Federer schickte ihm noch vor der Abreise eine persönliche Botschaft, wünschte ihm das Beste für die Genesung. Was passierte, als Alexander Zverev geknickt nach seinem Knock-out gegen Chung in die Kabine schlich? Federer munterte ihn auf, sagte ihm, er solle über diese Niederlage nicht die Perspektive für eine glänzende Karriere verlieren. Es gab noch mehr Beispiele für seine lebenslange Lebenseinstellung: Es ist nett, wichtig (und erfolgreich) zu sein. Aber noch wichtiger, nett zu sein.

Was die Nettigkeiten auf dem Centre Court angeht, gilt für Federer immer dies: Der grösste Respekt, den man einem Gegner erweisen kann, ist der eigene bestmögliche Einsatz. Für die, die ihm bisher in Melbourne gegenüberstanden, gab es nicht viel zu holen, er liess den Kollegen so weit noch keinen Satzgewinn, ganz gleich, welcher Altersklasse sie angehörten. Zwei Stunden und vierzehn Minuten gegen den Tschechen Berdych – das war bisher noch der aufwendigste Einsatz des Schweizer Superstars. Nun der siebte Australian-Open-Final, der 30. seiner Karriere. Mit dem 20. Sieg? «Ich bin gerüstet für einen grossen, intensiven Fight», sagt Federer. Vielleicht hofft er selber darauf, endlich mal gefordert zu werden.

Australian Open

Melbourne. Grand-Slam-Turnier (38,3 Mio. Franken). Halbfinal: Federer (SUI/2) s. Chung (KOR) 6:1, 5:2 w.o. – Final (Sonntag, 9.30 Uhr, SRF info): Federer (2) – Cilic (6).

Frauen, Final (heute, 9.30 Uhr, SRF zwei ab 10.00 Uhr, SRF info): Halep (ROU/1) – Wozniacki (DEN/2). – Doppel. Final: Babos/Mladenovic (HUN/FRA/5) s. Makarowa/Wesnina (RUS/2) 6:4, 6:3.

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