Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

TENNIS: Ein Silberstreifen am Horizont

Von der Schweizer Tennis-Delegation verbleibt noch das Frauen-Doppel im Turnier. Vor dem Achtelfinal stellt sich die Frage: Kann Martina Hingis trotz Timea Bacsinszky gewinnen?
Klaus Zaugg, Rio De Janeiro
Hingis und Bacsinszky nach ihrem Erstrunden-Sieg gegen die Australierinnen Gavrilova/Stosur. (Bild: Keystone/Laurent Gilliéron)

Hingis und Bacsinszky nach ihrem Erstrunden-Sieg gegen die Australierinnen Gavrilova/Stosur. (Bild: Keystone/Laurent Gilliéron)

Klaus Zaugg, Rio de Janeiro

Könnte Roman Josi zusammen mit Robin Grossmann die Abwehr von Nashville zusammenhalten? Wenn wir zum Schluss kommen, dass dies möglich wäre, dann dürfen wir von Martina Hingis und Timea Bacsinszky in Rio eine Medaille im Doppel erwarten. Doch zu diesem Vergleich mit dem Eishockey später.

Zuerst wird der Schlusspunkt hinter eine Geschichte gesetzt, die als Medaillenmärchen begonnen hat und als Farce zu Ende geht. Die hochkarätigste Tennis-Delegation aller Zeiten mit Roger Federer, Stan Wawrinka, Belinda Bencic, Martina Hingis und Timea Bacsinszky sollte in Rio goldene Träume Wirklichkeit werden lassen. Im Einzel, im Doppel, im gemischten Doppel. Eine, zwei oder gar drei Medaillen? Das war die Frage. Tennis-Edelmetall war in der Rechnung der Olympia-Planer eine feste Grösse.

Günstiges Tableau

Roger Federer, Stan Wawrinka und Belinda Bencic haben längst verzichtet und sind gar nie nach Rio gekommen. Nur noch Timea Bacsinszky trat am vergangenen Samstagnachmittag zum Einzel an. Sozusagen als letzte Mohikanerin. Und sie verliert bei gefühlten 40 Grad ein fast dreistündiges Hitzedrama gegen die Chinesin Shuai Zhang 7:6 (7:4), 4:6, 6:7 (7:9). Die enttäuschende Leistung provoziert eine bange Frage: Wie soll sie in dieser Form mit Martina Hingis im Doppel eine Runde weiterkommen und unsere Tennis-Ehre retten? Die Schweizer Tennis-Titanic hat den Eisberg gerammt. Aber die Titanic geht nicht unter. Sie schwimmt noch.

Etwas mehr als drei Stunden später – die Sonne ist inzwischen untergegangen – ist Timea Bacsinszky schon wieder mittendrin in einem Drama. Sie besiegt in zwei Stunden und fünf Minuten mit Martina Hingis das australische Duo Daria Gavrilova/Samantha Stosur mit 6:4, 4:6, 6:2. Dieser Sieg ist im besten Wortsinne ein Silberstreifen am Medaillen-Horizont. Vom Tableau her würde unser famoses Tennis-Doppel frühestens im Finale auf die dreifachen amerikanischen Doppel-Olympiasiegerinnen Venus und Serena Williams treffen. Doch zuerst folgt der Achtelfinal in der Nacht auf morgen Dienstag (1.30 Uhr) gegen die Amerikanerinnen Bethanie Mattek-Sands/Coco Vandeweghe, die bei ihrem Auftaktsieg bloss zwei Games abgaben.

Ist also wenigstens Silber möglich? Es sind kühne Träume. Aber es wäre ein wundersamer Erfolg. Erst die Klasse von Martina Hingis hat nämlich diesen Sieg in der ersten Runde möglich gemacht und folgende Frage provoziert: Kann Martina Hingis (35) trotz Timea Bacsinszky (27) eine Medaille gewinnen?

Wie ein blitzendes Schwert

Es ist ein hochinteressantes, ja, ein grosses Spiel. Und Martina Hingis gewinnt es. Sie reisst ihre tapfere, aber lange ängstliche, zweifelnde, zaudernde Partnerin mit. Ihre Klasse ist wie ein blitzendes Schwert, das immer wieder dreinfährt und die entscheidenden Punkte macht. Sie ist eine charismatische Spielerin. Die Beste auf dem Platz. Eine Königin. Die beste Doppelspielerin der Welt. Sie dominiert mit ihrer Spielintelligenz, ihrer Schlauheit, ihrer Technik und dank ihrer immensen Erfahrung. Die anderen drei Spielerinnen degradiert sie zu fleissigen Handwerkerinnen.

Hingis ist es zuzutrauen

Nun tritt sie halt mit Bacsinszky an. Nie zuvor haben die beiden zusammen ein Doppel gespielt. Aber laufend verbessern, justieren sie gegen die zwei Australierinnen unter der Regie von Hingis ihr Spiel. Am Ende triumphieren sie über ein ausgeglicheneres, besser eingespieltes, tennistechnisch eigentlich stärkeres Duo. Der eingangs erwähnte Vergleich mit dem Eishockey hilft, unser olympisches Tennis-Doppel zu verstehen. Denn es ist ungefähr so, wie wenn Roman Josi mit Robin Grossmann an der blauen Linie die Abwehr von Nashville zusammenhalten müsste. Josi ist einer der besten Verteidiger der Welt. Es ist ihm zuzutrauen, dass es funktionieren könnte. Und Martina Hingis ist es zuzutrauen, dass sie 20 Jahre nach ihrer ersten und bisher einzigen Olympiateilnahme doch noch eine Medaille gewinnt. Trotz Timea Bacsinszky. Mit Timea Bacsinszky.

In langen Unterhosen nach Rio?

Mücken?Waren da nicht diese Geschichten über die Mücken, die in Rio de Janeiro ein Virus (Zika) übertragen? Haben nicht kluge Köpfe, Wissenschaftler allergrösste Bedenken geäussert? War die olympische Mückengefahr nicht ein globales Medienthema?

Ja, so war es. Im Januar habe ich in einem seriösen Medium («Der Spiegel») die folgende Meldung gelesen: «Unverantwortlich. Unethisch. Ein unnützes Risiko.» Die Formulierungen, die der Jurist und Biologe Amir Attaran von der Universität Ottawa und seine Mitstreiter in einem offenen Brief an die Weltgesundheitsorganisation WHO verwenden, sind drastisch. Die Forscher fordern, die Olympischen Spiele angesichts der Zika-Epidemie zu verlegen oder zu verschieben. Die mehr als 200 Unterzeichner zweifeln an der Neutralität der WHO, die eng mit dem IOC zusammenarbeite. Ich hatte mir schon ernsthaft überlegt, ob ich diesen Wahnsinn in Rio überhaupt riskieren sollte. Ich erkundigte mich in der Brockenstube, ob man eventuell ein altes Moskitonetz habe. Was, wenn ich mal vergesse, die Fenster und die Türe im Hotelzimmer sorgfältig zu schliessen und abzudichten? Es wäre sicherlich klug, ein Moskitonetz mitzunehmen, um mich im Bett vor den eindringenden Mückenschwärmen zu schützen. Kurze Hosen? Auf gar keinen Fall!

Ich überlegte mir sogar, ob es zum Schutz vor den aggressiven Tiger-Mücken vielleicht klug wäre, in Rio unter den Jeans zusätzlich lange Unterhosen aus dicker Baumwolle zu tragen. Und Mückenspray schien mir unerlässlich. Warum nicht gleich die Kampfchemikalien aus der Landi in meinem Gepäck nach Rio schmuggeln, die ich zu Hause verwende, um Wespennester auszuräuchern? Nach den dramatischen Medienberichten musste ich mit ganz gefährlichen Mücken rechnen, gross und angriffslustig wie Wespen.

Vielleicht wäre es auch gut, wieder mit dem Rauchen von Zigarren anzufangen. Um am Abend in der Gartenwirtschaft mit dem Rauch die Mücken fernzuhalten. Ich erkundigte mich auch bei einem Imker. Ob er Tricks kenne, wie man sich vor angriffslustigen Kampfinsekten schützen kann?

Kollegen, die schon oft in Rio waren, lachten mich aus. Ich wurde gefragt, ob ich eigentlich spinne. Im August sei in Rio Winter. Um diese Jahreszeit gebe es dort gar keine
Mücken. Ich blieb skeptisch. Wissenschaftler haben Alarm geschlagen! Ich habe es gelesen! Ich glaube, was ich lese!

Nun hat gestern ein amerikanischer Kollege mit einer dramatischen Geste und viel Karacho eine Mücke erschlagen. Es war die allererste Mücke, die ich in acht Tagen und Nächten in Rio überhaupt zu Gesicht bekommen habe. Und es war ein armseliges, kleines Exemplar. Aber es war zweifelsfrei eine Mücke. Wir amüsierten uns.

Ja, ich bin mir bewusst, dass ich mich mit Spott auch versündigen kann. Aber diese medial geschürte Hysterie um die Mückengefahr in Rio hat mich schon nachdenklich gestimmt. Die kann man durchaus auch als unethisch und unverantwortlich bezeichnen. Ich habe mir nun vorgenommen, künftig nicht mehr alles zu glauben, was ich lese. Ausser das, was ich selber geschrieben und erfunden habe.

Klaus Zaugg, Rio de Janeiro

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.