TENNIS: Federers eiserner Glaube an sich selbst

Der 18. Grand-Slam-Sieg macht Roger Federer (35) endgültig zum Phänomen. Er war noch nie so wenig Tennis-Gott wie jetzt. Aber als Mensch, Kämpfer und Identifikationsfigur verehren ihn die Fans noch intensiver.

Jörg Allmeroth
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Nach einer kurzen Nacht stand Roger Federer gestern im Carlton-Garten bereit für Pokalfotos. (Bild: Filip Singer/EPA (Melbourne, 30. Januar 2017))

Nach einer kurzen Nacht stand Roger Federer gestern im Carlton-Garten bereit für Pokalfotos. (Bild: Filip Singer/EPA (Melbourne, 30. Januar 2017))

Jörg Allmeroth

Die Nacht war kurz, es gab sie eigentlich gar nicht. Die Beine waren schwer, der Rücken schmerzte. Aber all jene, die ­Roger Federer gestern in Melbourne begegneten, bei dem offiziellen Pokalfoto des Turnierchampions, sahen dem ­Maestro die Strapazen nicht wirklich an. «Eine Stunde habe ich geschlafen. Und als ich wieder munter war, habe ich noch mal gedacht: Ja, es stimmt. Es war kein Traum», sagte Federer mit einem zufriedenen Lächeln, der Mann, der in den Stunden nach dem Sensationscoup «am liebsten die ganze Welt umarmt hätte». Und der seinerseits schon von der ganzen Welt umarmt wurde, er, der universellste, beliebteste und prägendste Sportler dieser Zeit. Er habe sie selbst auch «schon ein wenig mitbekommen», die Euphorie über seinen Sieg, so Federer, «aber mich hat am meisten glücklich gemacht, wie meine Familie und meine engsten Freunde gefeiert haben».

Erst daheim in der Schweiz wird ­Federer in aller Ruhe nachlesen und ­studieren können, was er mit seinem 18. Grand-Slam-Sieg – dem Traum-Comeback nach Verletzungsärger – ausgelöst hat. Grösser als in diesen letzten Januartagen 2017 ist die Federer-Mania nie gewesen, und wahrscheinlich auch nie verdienter für einen Athleten, der sich mit der Erfolgsmission auch gegen alle verfrühten sportlichen Beerdigungsredner gestemmt hat. «Wenn du konsequent an dich selbst glaubst, wenn du nicht schwankst mit deinen Entscheidungen, dann kann dich so leicht nichts erschüttern», sagt Federer, und es klingt ganz automatisch, ohne pädagogischen Zeigefinger, wie ein Lehrsatz für junge Tennisspieler, eigentlich für jeden Sportler.

«Es kommt mir alles wie ein Märchen vor»

Und es stimmt ja: Keiner war mehr als Federer selbst davon überzeugt, dass noch einmal ein Titellauf wie der von Melbourne möglich sei – selbst dann noch, als in den letzten Jahren immer mal wieder körperliche Wehwehchen auftraten und zuletzt gar eine halbjährige Auszeit erforderlich war. «Roger hat immer die Vorstellung gehabt: Ich kann noch einen Grand Slam gewinnen», sagt der langjährige Weggefährte, Trainer Severin Lüthi, «sonst würde er diese Arbeit nicht mehr machen. Diese langen Trainingstage, dieses Comeback zuletzt.»

Federer wurde in den frühen Jahren seiner Laufbahn gern als Glückskind beschrieben, dem kraft seiner Talente vieles automatisch zufalle, es war eine Zeit, in der viele Leute Titel mit einer gleichmütigen Selbstverständlichkeit registrierten. Diese Wahrnehmung veränderte sich jenseits seines 30. Geburtstages, als Federer zwar noch einmal auf dem Grün von Wimbledon triumphierte, dann aber wie der Sisyphos der Tenniswelt den früheren Triumphen nachjagte. Und ein ums andere Mal scheiterte.

Die hymnische Verehrung, die die Begleitmusik seines Melbourne-Coups ist, hat ursächlich damit zu tun: Federer war noch nie so wenig Tennis-Gott wie jetzt. Und noch nie so sehr Mensch, Kämpfer, Arbeiter, Identifikationsfigur. So erlebte er, was auch schon andere ganz Grosse des Sports erlebten: Im Moment der Verletzlichkeit, abseits der scheinbar abonnierten Erfolgsmomente, wurde die Liebe und Zuneigung am intensivsten. «Es kommt mir alles wie ein Märchen vor», sagte Federer auch noch am Tag nach dem Sieg über Nadal. Dass er ihn, den alten Freund und Weggefährten, besiegte, war im Übrigen die perfekte Addition – denn Federer weiss nur zu gut, wie sehr sie beide sich gegenseitig anstachelten zu bedeutenden Siegen.

Wie geht es nun weiter mit Federer? Es hätte, auf den ersten Blick, kaum einen idealeren Moment zum Rücktritt gegeben als diesen 28. Januar in Melbourne. Der späte Doch-noch-Sieg gegen Nadal, diese dramatische Comeback-Geschichte. Aber Federer hätte auch vor viereinhalb Jahren schon gehen können, nach dem Wimbledonsieg gegen Murray, auch damals war es schon ein Erfolg wider die Erwartung der Fachwelt. Was er danach sagte, in den nicht mehr so glorreichen Jahren, war bemerkenswert und zugleich selbstverständlich für Federer: «Ich verliere jetzt öfter. Aber das stört mich nicht. Denn ich liebe diesen Sport immer noch, mit jeder ­Faser meines Körpers.»

Seine Kollegen mögen es ihm am meisten gönnen

Federer ist endgültig zum Phänomen geworden. Aber es handelt sich bei ihm um jemanden, der nie die irdische Schwerkraft verlassen hat. Auch deshalb gehö­ren seine eigenen Kollegen zu den grössten Laudatoren. Keinem haben sie den Sieg so gegönnt wie ihm, einem Mann, der nicht als eiskalter Egoist das Gesicht des Tennis war, kein unnahbarer Star. Sondern einer aus Fleisch und Blut, der ihnen Tipps für die Karriere gab, sie zu Trainingsstunden einlud, der junge ­Spieler förderte und forderte. Seine Sympathiewerte sind kein Zufall, sondern die Folge, wofür der Mensch und Sportler Federer stand – und steht.

Federer wird sich erst einmal aus­ruhen nach dem Grand-Slam-Titel Nummer 18 in seiner Laufbahn. Über 13 Jahre nach seinem ersten Major-Triumph hat er diese verblüffende Nummer hingelegt, diesen emotional hoch aufgeladenen, den bedeutendsten Sieg überhaupt. «Es wird eine Zeit dauern, bis ich das ­alles richtig begriffen habe», so Federer.