TENNIS: Freudentanz nach einem engen Duell

Das Schweizer Fed-Cup-Team steht erstmals seit 1998 im Halbfinal. Das Doppel Hingis/Bencic sorgte gegen Deutschland für den entscheidenden Punkt.

Jörg Allmeroth, Leipzig
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Martina Hingis, Viktorija Golubic, Belinda Bencic und Timea Bacsinszky (v. l.) feiern den Halbfinal-Einzug in Leipzig. (Bild: AP/Jens Meyer)

Martina Hingis, Viktorija Golubic, Belinda Bencic und Timea Bacsinszky (v. l.) feiern den Halbfinal-Einzug in Leipzig. (Bild: AP/Jens Meyer)

Als Martina Hingis 1998 zum letzten Mal ein Doppel im Fed-Cup bestritt, war Belinda Bencic gerade ein Jahr alt. Am Sonntagabend standen sie zum ersten Mal gemeinsam auf dem Centre Court, die alte und die neue Miss Swiss, und in der Stunde der Entscheidung waren sie nichts weniger als die Partykiller für Tennis-Deutschland: Nach zehn dramatischen Wettkampfstunden an diesem Länderspiel-Wochenende in der Leipziger Messehalle sicherten sich die einstige Weltranglistenerste und ihre hochbegabte Erbin mit einem 6:3, 6:2-Doppelsieg über Andrea Petkovic und Anna-Lena Grönefeld das 3:2 im umkämpften Nachbarschaftsduell gegen Deutschland.

Bencic in der Hauptrolle

Nicht Australian-Open-Königin Angelique Kerber, sondern Bencic, das vielleicht grösste Talent im Welttennis seit Jahrzehnten, war die grosse Gewinnerin dieses Zweikampfs mit zwei Siegen im Einzel und mit dem Triumph an der Seite ihres langjährigen Idols Hingis.

Gleich in der Eröffnungspartie des zweiten Tages hatte Bencic die Schweizer Hoffnungen mit einem 7:6, 6:3-Sieg über die ausgelaugte Kerber befeuert. Selbst das brillante Debüt der 21-jährigen Bonnerin Annika Beck, die mit einem 7:5, 6:4-Erfolg gegen Timea Bacsinszky überzeugte und den zwischenzeitlichen 2:2-Ausgleich besorgte, konnte das Blatt nicht mehr wenden für Gastgeber Deutschland. «Das ist ein grossartiger Moment für uns. Ich bin überglücklich», sagte Kapitän Heinz Günthardt, der sich mit seinem couragierten Trupp nun am 16. und am 17. April der Halbfinalaufgabe gegen Tschechien oder Rumänien stellen darf. Von einer «überragenden Teamvorstellung» sprach Verbandsboss Rene Stammbach: «Ich bin stolz auf alle, die an diesem Sieg mitgewirkt haben.»

Unter vielen Gewinnerinnen war Bencic gleichwohl die Spielerin in der strahlenden Hauptrolle – eine Youngsterin, die ohne Nerven, dafür aber mit viel Mumm und Biss alle Partien bestritt. «Wenn man Spass hat, dann ist alles so einfach», sagte die 18-Jährige nach dem Happy End, «ich geniesse es, in dieser Mannschaft zu spielen.» Unbarmherzig nützte Bencic schliesslich auch die körperlichen Schwächen der Melbourne-Siegerin Kerber aus, die am absoluten Ende ihrer Kräfte war – mit schmerzenden Schultern, müden Beinen und einem Körper, der dem noch willigen Geist schliesslich seinen Dienst versagte. «Der Akku war komplett leer, es ging einfach nichts mehr», sagte die Kielerin später, die sich nach Fan-Rummel und Medienhype der letzten Tage jetzt nur noch auf die heimische Couch wünschte: «Einfach mal nichts tun und runterkommen nach diesem Stress.»

Hingis: «Nichts ist unmöglich»

Kerber musste nach der ersten Niederlage seit ihrem Auftaktmatch bei den Australian Open tatenlos mitansehen, wie sich trotz eines leidenschaftlichen Aufbegehrens ihrer Mitstreiterinnen die Dramaturgie dann doch gegen die deutsche Auswahl verkehrte. Becks Sieg in einem zermürbenden Grundlinienduell gegen Bacsinszky hatte zwar das Prädikat «besonders wertvoll», doch die formidabel geglückte Premiere für die gewiefte Strategin hatte eben keinen Nachhall. Sie verpuffte, weil sich im Doppel das Gespann Hingis und Bencic nach kurzer Einfindungsphase als Machtfaktor entpuppte, gegen den der alles entscheidende dritte Punkt nicht zu holen war.

Das Duo aus zwei verschiedenen Generationen, 35 und 18 Jahre alt, liess nach einem 1:3-Rückstand im ersten Satz kaum noch etwas zu, spielte trotz Premierenauftritt mit grosser Harmonie und Geschlossenheit zusammen. Damals, 1998, bei Hingis’ letztem ganz grossem Fed-Cup-Einsatz, verloren die Schweizerinnen den Final gegen Spanien. Nun kann Hingis, Mitte dreissig, mit ihrer ambitionierten Nachfolgerin Bencic tatsächlich den Pokal gewinnen. «Nichts ist unmöglich», sagte die ewige Martina Hingis.

Fed-Cup

In Leipzig (Halle):Deutschland - Schweiz 2:3. – Petkovic u. Bencic 3:6, 4:6. Kerber s. Bacsinszky 6:1, 6:3. Kerber u. Bencic 6:7 (4:7), 3:6. Beck s. Bacsinszky 7:5, 6:4. Grönefeld/Petkovic u. Hingis/Bencic 3:6, 2:6.

In Cluj (Halle): Rumänien - Tschechien 2:2. – Halep u. Pliskova 7:6 (7:4), 4:6, 2:6. Niculescu s. Kvitova 6:3, 6:4. Halep s. Kvitova 6:4, 3:6, 6:3. Niculescu u. Pliskova 4:6, 6:4, 3:6.

In Marseille (Halle): Frankreich - Italien 4:1. – Mladenovic u. Giorgi 6:1, 4:6, 1:6. Garcia s. Errani 6:3, 7:5. Mladenovic s. Errani 7:6 (7:4), 6:1. Garcia s. Giorgi 6:3, 6:4. Garcia/Mladenovic s. Caregaro/Errani 6:0, 6:1.

In Moskau (Halle): Russland - Niederlande 1:3. – Jekaterina Makarowa u. Kiki Bertens 3:6, 4:6. Kusnezowa u. Hogenkamp 6:7 (4:7), 7:5, 8:10. Kusnezowa u. Bertens 1:6, 4:6. Kassatkina/Makarowa s. Burger/Rus 6:0, 6:2. – Das vierte Einzel wurde nicht ausgetragen.

Halbfinals (16. und 17. April):Schweiz - Rumänien/Tschechien, Frankreich - Niederlande.