TENNIS: Für einmal steht Mischa im Fokus

Nicht Alexander Zverev, sondern sein älterer Bruder Mischa vertritt die Hamburger Familie beim US Open in der zweiten Woche. Damit passt der 30-Jährige zum Grand-Slam-Turnier, das in ungewohnten Bahnen verläuft.

Jörg Allmeroth, New York
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Mischa Zverev tritt in New York aus dem Schatten seines Bruders. (Bild: Jason Szenes/EPA (1. September 2017))

Mischa Zverev tritt in New York aus dem Schatten seines Bruders. (Bild: Jason Szenes/EPA (1. September 2017))

Jörg Allmeroth, New York

sport@luzernerzeitung.ch

Ein Zverev kommt neuerdings selten allein. Und so ist der Name Zverev bei den US Open auch weiter im Gespräch, obwohl sich Alexander, der jüngere der beiden Tennisbrüder aus dem Hamburger Familienunternehmen, längst mit Grimm und Groll vom letzten Grand-Slam-Turnier der Saison verabschiedet. Mischa, der Ältere, ist schon wieder der Mann der Stunde im Big Apple, so wie er es auch schon einmal zu Jahresbeginn war, bei den Australian Open. Auch da sorgte er nach einer frühen Niederlage des Bruders für die Erfolgsschlagzeilen im Hause Zverev, nicht zu knapp sogar, schliesslich bezwang er im Viertelfinal keinen Geringeren als den Weltranglisten-Ersten Andy Murray.

Und nun also New York, ein ähnliches Drehbuch: Alexander raus aus dem Turnier, ohne Applaus, gescheitert an hohen Erwartungen. Und Mischa weiter dick drin im grossen Grand-Slam-Spiel, jetzt schon im Achtelfinal nach einem souveränen 6:3, 6:4, 7:6-Sieg über den 2,08-Meter-Riesen John Isner (USA), mit einer eindrucksvollen Demonstration von zeitlos effizientem, klugem Angriffstennis. «Es ist natürlich etwas überraschend, dass ich jetzt hier stehe – und nicht mein Bruder», sagte der 30-Jährige. Heute kann er schon wieder der Spielverderber für das amerikanische Tennis sein, dann spielt er gegen den letzten verbliebenen US-Profi Sam Querrey (ATP 21) um einen Platz unter den letzten acht.

Der strenge Vater Zverev

Ein bisschen verkehrte Welt also in Flushing Meadows, aber auch nur ein bisschen, denn dieser Mischa Zverev löst eigentlich auf seine älteren Tennistage jene Erwartungen ein, die ihm schon einmal zu Teenagerzeiten gegolten hatten. Als er so alt war wie jetzt sein Bruder Alexander, galt er auch als ein Zukunftsversprechen, mindestens mal in Deutschland, aber durchaus auch über die nationalen Grenzen hinaus. Dann ging einiges schief, er litt unter dem zu strengen Regiment seines Vaters, Alexander senior. Aber er plagte sich jahrelang auch mit immer neuen Verletzungen herum, so sehr, dass er nicht weit davon entfernt war, sich einem Leben jenseits des Profitennis zuzuwenden. «Ich hatte fast schon keinen Sinn mehr in der ganzen Arbeit gesehen», sagt er.

Der Aufstieg seines jüngeren Bruders rettete ihm dann auch die eigene Karriere. Erst wirkte Mischa als Berater und als Gelegenheitscoach für Alexander, dann profitierte der Ältere aber auch vom Spitzenteam, das sich die finanziell besser versorgte Familie für beide Brüder leisten konnte und wollte. Etwa der Physiotherapeut Hugo Gavil. Oder der Fitness-Guru Jez Green, der einst schon Andy Murray flotte Beine gemacht hatte. Green ist auch in New York geblieben, um Mischa weiter zu betreuen. Die beiden Fünf-Satz-Matches zum Auftakt des Turniers steckte der 30-Jährige problemlos weg, «auch wegen der tollen Vorbereitung, die Sascha und ich mit Jez hatten». Das Modell, sich die Topangestellten zu teilen, wann immer es geht, funktioniert zunehmend erfolgreicher. Immerhin schafften es die beiden Brüder auch in Wimbledon zusammen in die dritte Runde, für Mischa war dort allerdings gegen Maestro Roger Federer bereits Endstation. Gegen den Baselbieter hatte er auch in Melbourne verloren, im Viertelfinal.

Doch New York ist ein Turnier, das völlig aus dem Rahmen der gewohnten Grand-Slam-Welt der vergangenen Jahre fällt. Viele ganz grosse Namen fehlten schon zu Beginn verletzt, sagten auf den letzten Drücker ab, wie Andy Murray. Fünf der ersten elf gingen nicht an den Start, andere scheiterten schon in der Startphase, zuletzt Geheimfavorit Marin Cilic. Für den älteren Zverev-Bruder ist noch vieles möglich, aber das gilt für jeden Spieler in der unteren Auslosungshälfte. Zverev, der elegante Serve-and-volley-Spieler, lässt sich nicht blenden von den vermeintlich grossen Aussichten: «Das Feld ist offen, ja. Aber für jeden. Chancen kannst du nur auf dem Platz nutzen.»