TENNIS: Judy Murray: «Nett sein kostet nichts»

Vor dem Halbfinal-Knüller gegen Roger Federer (heute 9.30, SRF 2) gewährt Andy Murrays Mutter Judy* unserer Zeitung ein exklusives Interview. Sie erklärt, warum sie in der Box die Faust ballt, spricht über Tränen in Wimbledon und sagt, warum sie Federer nicht so gut kennt.

Interview Adrian Lustenberger, Melbourne
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Grosse Emotionen in der Murray-Box: Mutter Judy und Andys Freundin Kim Sears. (Bild: Keystone/Felipe Trueba)

Grosse Emotionen in der Murray-Box: Mutter Judy und Andys Freundin Kim Sears. (Bild: Keystone/Felipe Trueba)

Judy Murray, wer sind Sie?

Judy Murray: Ich schätze mal, ich bin eine Mutter und ein Tennis-Coach.

Und welche dieser beiden Rollen nehmen Sie ein, wenn Sie Ihrem Sohn Andy beim Tennisspielen zuschauen?

Murray: Lassen Sie es mich so sagen: In der Rolle als Mutter hilft es mir sehr, dass ich Tennistrainerin bin. Ich kann mir das Spiel ansehen und verstehe aus rein sportlicher Perspektive, was auf dem Platz passiert. Das hält mich davon ab, emotional allzu sehr in Mitleidenschaft gezogen zu werden.

Trotzdem beschreiben Sie die Gefühlslage auf der Tribüne als «Mix aus Brechreiz und Herzattacke».

Murray: (lacht) Im Juniorenalter war das nicht so. Da war alles Spass, und es ging um die Fortschritte der Jungs. Auf dem höchsten Level sind die Erwartungen der Öffentlichkeit und der Medien jedoch immens.

Die britische Presse ist auch mit Ihnen nicht zimperlich umgegangen. Sie wurden als schlechtes Beispiel, als unkritisch und als «pushy mum» (aufdringliche Mami) dargestellt.

Murray: Vieles war tatsächlich schwer zu verdauen. Vor allem, weil auch Andy in dieser Phase Mühe mit dem Druck der Medien hatte und ich ihm beibringen wollte, dass er die über ihn verfassten Texte nicht zu ernst nehmen sollte. Viele Leute werden ja für das Publizieren solch provokativer Artikel bezahlt. Da darf man sich nicht unterkriegen lassen. Trotzdem habe ich das Meiste über mich und Andy gelesen. Damit ich wusste, wer was geschrieben hatte.

Hat Andys Triumph an den Olympischen Spielen alles verändert?

Murray: Nein, es hat bereits vorher gebessert, als ich Ende 2011 Fed-Cup-Captain Grossbritanniens wurde. Wir feierten einige Erfolge mit dem Team, und die Leute begannen zu begreifen, dass ich etwas von Tennis verstehe.

Mit Verlaub: Ich wage zu behaupten, dass Sie vielen Schweizern vor Ihren Tränen in Wimbledon auch nicht sehr sympathisch waren.

Murray: Oh, diese Siegerehrung war so schrecklich. Ich habe nicht geweint, weil Andy verloren hatte, sondern weil er in einer so schwierigen Situation war. Er konnte ja gar nicht mehr sprechen. Ich wollte einfach runter zu ihm und ihn umarmen. Aber: Warum haben mich die Schweizer vorher nicht gemocht?

Lassen Sie mich das so erklären: Auf Schweizer Fernsehbildschirmen erschienen Sie eben meistens die Faust ballend nach Punkten, die Andy Murray gegen den Schweizer Roger Federer gewonnen hatte.

Murray: Ja, aus dieser Perspektive kann ich das verstehen. Die Sache ist, dass ich nicht weiss, wann die Kamera auf mich gerichtet ist.

Würden Sie Ihre Reaktionen anpassen?

Murray: Ich habe das eine Zeit lang gemacht, als sehr viel Böses über mich geschrieben wurde. Aber lassen Sie mich auch etwas erklären.

Gerne.

Murray: Ich bin während so vielen Jahren mit Andy gereist, dass ich weiss: Wenn er zu mir in die Box schaut, dann braucht er eine positive Reaktion von mir. Es ist ja nicht so, dass ich nach jedem Punkt die Faust balle. Manchmal klatsche ich oder nicke nur mit dem Kopf. Aber ich schaue ihn immer an. Ich spreche mit niemandem während dem Spiel, ich schaue nur ihn an. Das habe ich immer gemacht und wissen Sie, während langer Zeit waren da nur er und ich. Er konnte sonst niemanden anschauen. Wenn er damals ein Zeichen gebraucht hatte, dann war ich da.

Jetzt sind Sie aber nicht mehr an allen Turnieren dabei.

Murray: Weil ich als Fed-Cup-Captain oft mit den britischen Girls unterwegs bin. Aber mittlerweile hat Andy auch seine Freundin Kim Sears und sein Team. Zudem ist er erwachsen geworden und hat gelernt, seine Emotionen auf dem Platz zu kontrollieren, sich besser zu konzentrieren. Diesbezüglich hat ihm sein Coach Ivan Lendl sehr geholfen. Aber ich versuche, zumindest bei den Grand-Slam-Turnieren dabei zu sein, weil er bei den grössten Events den emotionalen Support am ehesten braucht.

Bei so vielen Reisen, gibt es einen Ort, den Sie als «zu Hause» bezeichnen?

Murray: Ja, ich lebe in Schottland. Noch immer. Aber da bin ich – wenn es gut kommt – vielleicht zehn Wochen pro Jahr.

Und die restlichen 42 Wochen verbringen Sie auf Tennisplätzen?

Murray: Verrückt, oder? Eigentlich war ich einfach eine sportliche Mutter, die mit ihren Kindern spielen wollte (lacht). Tennis hat mein Leben während den vergangenen 20 Jahren aber doch dominiert. Angefangen mit Freiwilligenarbeit im lokalen Tennisklub, 300 Meter von unserem Haus entfernt, bis hoch zu den Major-Turnieren in der ganzen Welt. Das war eine interessante Reise. Und vor allem eine völlig unerwartete für jemanden aus Schottland.

Warum?

Murray: Weil wir keine Tennisnation sind. 1994 wurde ich Nationaltrainerin. Ich hatte keine Erfahrung, aber Leidenschaft. Aber die Ressourcen waren sehr begrenzt. Im Land gab es eine einzige Tennishalle.

Und für Sonnenschein ist Schottland ja nicht bekannt.

Murray: Wir haben schreckliches Wetter. Aber die grosse Herausforderung war das Auffinden von gleichaltrigen Gegnern. Darum reisten wir – manchmal ich alleine mit 15 Kindern – in einem Minibus in den Süden. An der Grenze haben wir jeweils die schottische Flagge auf unser Auto gebunden, als ob wir England einnehmen wollten. Das waren Abenteuer für die Kinder, die sie zusammen geschweisst haben. Im Juniorentennis gibt es oft Eifersucht und Rivalität. In dieser Gruppe gab es das nicht, es war mehr «wir gegen den Rest der Welt».

Am Freitag trifft Ihr Sohn hier in Melbourne auf Roger Federer. Wie gut kennen Sie den Schweizer?

Murray: Ich sage immer «Hallo, wie gehts?» zu Roger, wenn ich ihn sehe. Aber Novak Djokovic oder Rafael Nadal kenne ich viel besser, weil sie gleich alt sind wie Andy. Sowieso gehe ich nach jedem Spiel rüber in die andere Box und sage «gut gemacht» oder «viel Glück beim nächsten Turnier», ganz egal, wer der Gegner war. Es kostet ja nichts, nett zu sein.

* Judy Murray wird 1959 in Bridge of Allan, Schottland, geboren. 1980 ist sie während sechs Monaten Tennis-Profi, aber «nicht gut genug». 1986 kommt Sohn Jamie, ein Jahr später Sohn Andy zur Welt. Beide spielen heute professionell Tennis. Andy ist die Nummer 3 der Welt im Einzel, Jamie die Nummer 78 im Doppel. 2005 lässt sie sich von ihrem Mann scheiden. Seit einem Jahr ist sie Captain des britischen Fed-Cup-Teams.