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TENNIS: Kampf der Generationen ist angesagt

Heute beginnt das US Open – und die Stars schwächeln. Möglich, dass die Zeit für einen Wechsel an der Spitze jetzt reif ist.
Jörg Allmeroth
Einer der aufstrebenden jungen Spieler: der Österreicher Dominic Thiem. (Bild: EPA/Tannen Maury)

Einer der aufstrebenden jungen Spieler: der Österreicher Dominic Thiem. (Bild: EPA/Tannen Maury)

Jörg Allmeroth

Draussen in Flushing Meadows, im Billie Jean King National Tennis Center, ist das Neue zuerst mal ganz offensichtlich. Über dem Arthur Ashe Stadium, der grössten Tennisarena der Welt, entfaltet sich nun eine architektonisch kühne Dachkonstruktion – ein Regenschirm, der zumindest auf dem Center Court des US Open vor den Tücken des spätsommerlichen Wetters schützen soll.

Doch es gibt auch eine sportliche Konstellation beim letzten Grand-Slam-Turnier der Saison 2016, die auf Veränderung, vielleicht gar Umwälzung deutet – denn erstmals seit vielen Jahren werden bei den beliebten Titelspekulationen nicht automatisch und selbstverständlich die angestammten Kandidaten und Kandidatinnen genannt. Sei es nun Novak Djokovic und der Rest der Grossen Vier bei den Männern. Oder sei es Serena Williams bei den Frauen. «Es ist durchaus möglich, dass sich ein Zeitenwechsel im Welttennis anbahnt», sagt John McEnroe, der ehemalige Superstar und scharfsinnige TV-Experte, «auch wenn sich das in der Weltrangliste noch nicht schwarz auf weiss niederschlägt.»

Die Probleme der Grossen Vier

Die Grossen Vier – mit diesem Begriff war für eine kleine Ewigkeit die machtvolle Spitzengruppe im Männertennis umschrieben. Roger Federer, Rafael Nadal, später dann Novak Djokovic und Andy Murray machten die Titel mit frustrierender Hartnäckigkeit für den Rest der Welt unter sich aus. Doch wie sieht das im Hier und Jetzt aus? Federer hat nach endlosen Verletzungsproblemen in diesem Seuchenjahr die offizielle Arbeit bereits eingestellt, Nadal kämpft sich nach langwieriger körperlicher Malaise mühsam wieder nach vorn, Djokovic laboriert aktuell an einer Handgelenkverletzung herum, die ihn in Wimbledon und bei den Olympischen Spielen behinderte. Und Murray, der daheim auf dem Rasen des All England Lawn Tennis Clubs und in Rio triumphierte, wirkt leicht überspielt und ausgelaugt in dieser schwer herausfordernden Spielzeit.

Genau wie bei Djokovic, der sich im Frühling seinen letzten grossen Traum mit dem French-Open-Sieg erfüllte, stellt sich auch bei Frontfrau Serena Williams eine dezente, zumindest aktuelle Motivationsfrage: Die Amerikanerin, zuletzt verletzt angeschlagen, stellte in Wimbledon den (lange angepeilten) Grand-Slam-Rekord von Steffi Graf ein, doch was kommt nun bei der Neujustierung von Zielen und Perspektiven?

Stimmungsmacher fehlt

Neue Köpfe und Typen müssen bei diesem schrillen Spektakel vor den Toren des Big Apple für Emotionen sorgen, denn der grösste Stimmungsmacher dieser New Yorker Ära, der Maestro Federer, fehlt ja erstmals seit den fernen Augusttagen der Spielzeit 1999. Den Schweizer hatten sie in der Welthauptstadt wie einen eigenen Sohn adaptiert, auch in Ermangelung eigener Heldengestalten – und einen wie Federer kann ihnen auch der zweite eigenössische Grand-Slam-Champion dieser Tage, der Kraftmeier Stan Wawrinka, nicht ersetzen. «Viele in der Szene, auch viele Fans, werden sich etwas ganz Neues wünschen. Einen neuen Star, einen frischen Champion», sagt Altmeister Jimmy Connors. Kurios genug, dass gerade er das sagt, schliesslich schuf der charismatische Strassenkämpfer vor einem Vierteljahrhundert im zarten Alter von 39 eine Saga der Beharrungskraft und Leidenschaft – gestoppt wurde er damals erst im Grand-Slam-Halbfinal.

Erweiterter Favoritenkreis

Der ehrgeizige Kroate Marin Cilic, der zuletzt das Masters-Turnier in Cincinnati gegen Murray gewann, gehört nun zum eher engeren Favoritenkreis – nicht zuletzt, weil er schon einmal den Titellauf in New York erfolgreich absolvierte, vor zwei Jahren war das, gegen Federer. Doch man wird neben Cilic und dem Technokraten am Racket, dem Kanadier Milos Raonic, auch auf die Revoluzzer der neu aufscheinenden Generation blicken – auf den Heimspieler Taylor Fritz, auf den Deutschen Alexander Zverev, auf den Österreicher Dominic Thiem, auf Cilics Landsmann Borna Coric. Und auch auf die australische Skandalnudel Nick Kyrgios, soeben prominent porträtiert von der «New York Times». Nicht auszuschliessen sei, sagt Amerikas Davis-Cup-Captain Jim Courier, «dass in dieser besonderen Saison, mit dem Sonderfaktor Olympia, einer das Turnier gewinnt, der jetzt noch nicht mal was von seinem Glück ahnt». Würde das auch auf eine grössere Kräfteverschiebung hindeuten? «Zu früh, um das zu behaupten», sagt Courier, «da hat man sich schon oft getäuscht. Aber unmöglich? Nein.»

Topspielerinnen angeschlagen

Überraschender als das 2015er-Endspiel mit den unterhaltsamen Italienerinnen Flavia Pennetta und Roberta Vinci kann es im Frauenwettbewerb eigentlich nicht mehr kommen. Die Überraschung ist eher, dass man vor diesem US-Open-Turnier nicht zwingend auf Serena Williams als erste Favoritin setzt – und auch nicht auf eine erfolgreiche Pokaljagd von Angelique Kerber. Beiden Topspielerinnen in der Rangliste merkte man in den vergangenen Wochen, wenn sie denn überhaupt auf dem Platz standen, die Strapazen der Serie 2016 an – Williams mehr noch als Kerber. Die Deutsche hätte fast die Ablösung der Amerikanerin in der Weltrangliste geschafft, doch auf den letzten Metern des Turniers in Cincinnati war ein körperlicher wie mentaler Einbruch zu beobachten. Doch statt der dringend nötigen, längeren Durchschnaufphase kommt nun auch für Kerber das Grand-Slam-Abenteuer in New York.

So fällt der Blick auch hier auf andere Aspirantinnen, auf die schlagmächtige US-Kraft Madison Keys, auf French-Open-Königin Garbine Muguruza, durchaus auch auf Aussenseiterinnen wie die Schweizerin Timea Bacsinszky oder die Tschechin Karolina Pliskova. «Das US Open 2016 – ein Kampf der Generationen», prophezeit aktuell das US-Tennismagazin. Und zwar ohne Fragezeichen.

Die Zukunft könnte also schon jetzt sein.

Startspiele der Schweizer

Männer

Wawrinka (Setznummer 3) - Verdasco (ESP/ATP 47)

Chiudinelli (144) - Clezar (BRA/203), heute 23.30

Frauen

Bacsinszky (15) - Diatschenko (RUS/678)

Bencic (25) - Crawford (USA/99), heute 17.00

Golubic (WTA 65) - Bellis (USA/158), heute 18.30

Vögele (WTA 98) - Nara (JPN/81)

Erstrunden-Matches der restlichen Top-10-Spieler

Männer

Djokovic (SRB/ATP 1) - Janowicz (POL/ATP 228)

Murray (GBR/2) - Rosol (CZE/82)

Nadal (ESP/5) - Istomin (UZB/107)

Raonic (CAN/6) - Brown (GER/87)

Nishikori (JPN/7) - Becker (GER/97)

Cilic (CRO/9) - Silva (BRA/109)

Thiem (AUT/10) - Millman (AUS/81)

Frauen

Serena Williams (USA/WTA 1) - Makarowa (RUS/36)

Kerber (GER/2) - Hercog (SLO/116)

Muguruza (ESP/3) - Mertens (BEL/137)

Radwanska (POL/4) - Pegula (USA/151)

Halep (ROU/5) - Flipkens (BEL/68)

Venus Williams (USA/6) - Koslowa (UKR/92)

Vinci (ITA/8) - Friedsam (GER/46)

Keys (USA/9) - Riske (USA/59)

Kusnezowa (RUS/10) - Schiavone (ITA/96)

TV: Eurosport ab heute täglich.

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