TENNIS: Nadal-Coach traut Federer den Titel zu

Roger Federer trifft im Viertelfinal der Australian Open (heute, 9 Uhr, SRF zwei) auf den deutschen Aussenseiter Mischa Zverev. Die Form des Schweizers überrascht ehemalige Spitzenspieler nicht.

Marcel Hauck, sda/Melbourne
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Steht wieder im Mittelpunkt der Tenniswelt: Roger Federer. (Bild: Lukas Coch/EPA (Melbourne, 20. Januar 2017))

Steht wieder im Mittelpunkt der Tenniswelt: Roger Federer. (Bild: Lukas Coch/EPA (Melbourne, 20. Januar 2017))

Marcel Hauck, SDA/Melbourne

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«Warum nicht?», fragt Carlos Moya (40) zurück. Die Frage, ob Roger Federer viereinhalb Jahre nach dem Wimbledon-Sieg 2012 – und noch dazu nach einer sechsmonatigen Verletzungspause – in Melbourne seinen 18. Grand-Slam-Titel holen könnte, beschäftigt auch die ehemaligen Stars, die heute als Coaches tätig sind. Moya, der seit Anfang Jahr Rafael Nadal betreut, gibt sich nicht überrascht von Federers Niveau. «Wir wussten, dass er sich gegen die Besten steigern wird, wenn er motiviert und gesund ist.»

Das tat der 35-jährige Basler in der dritten Runde gegen Tomas Berdych und im Achtelfinal gegen Kei Nishikori auf eindrückliche Art. «Roger ist einer, der nicht viele Spiele braucht, um seine Form zu finden», weiss der French-Open-Sieger von 1998 und ehemalige Nummer 1 der Welt. Zumindest im Viertelfinal ist er nach seinen überzeugenden Siegen gegen zwei Top-Ten-Spieler wieder der Favorit, denn der Gegner heisst nicht wie erwartet Andy Murray, sondern Mischa Zverev, die ATP-Nummer 50. Mit seinen steten Netzattacken zermürbte er den Weltranglistenersten.

Ivanisevic: «Es gibt einen neuen Sieger»

Geht es nach Goran Ivanisevic (45), wird dies Federer nicht passieren. «Es ist ein ganz anderer Match», glaubt der Wimbledon-Sieger von 2001 und Coach von Tomas Berdych. «Roger wird nicht so weit hinten stehen wie Murray, sondern sofort attackieren.» Dazu kommt der mentale Aspekt. «Roger ist das Idol von Mischa Zverev. Das kann ihn bereits in der Garderobe zerbrechen lassen», sagt der Kroate mit einem maliziösen Lächeln. Ganz von der Hand zu weisen ist diese Einschätzung nicht. Beim letzten Aufeinandertreffen von Federer und Zverev gewann der Schweizer 2013 in Halle 6:0, 6:0, zum erst zweiten Mal in seiner Profikarriere. Freude hatte er an dieser «Zerstörung» nicht. «Es tut mir leid», sagte Federer damals. «Das ist sicherlich nicht so, wie ich gewinnen will. Ganz ehrlich, es ist unangenehm.»

Es war nicht das einzige Mal, dass er Mitleid hatte mit Zverev. Vor eineinhalb Jahren traf er den 29-jährigen Deutschen beim Turnier in Cincinnati und unterhielt sich mit ihm über dessen Handgelenkoperation, die ihn weit hatte zurückfallen lassen. «Ich freue mich sehr für ihn, dass er wieder da ist», sagte Federer in Melbourne. «Es tut mir immer extrem leid für Spieler, die mit so vielen Verletzungsproblemen kämpfen müssen.» Ausserdem erinnere ihn das Spiel Zverevs mit vielen Slice-Bällen und Netz­angriffen an seine Anfangszeit als Tennisprofi Ende der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre.

In der Gegenwart, fast 20 Jahren später, darf Zverev auf dem Platz keine Hilfe erwarten. «Nach dem Ausscheiden von Murray und Djokovic sieht Roger seine Chancen wachsen», glaubt Ivanisevic. «Er spielt wieder fantastisch, und auf diesem schnellen Belag ist für ihn alles möglich.» Dennoch tippt er nicht auf Federer. «Mein Bauchgefühl sagt mir, dass es einen neuen Sieger geben wird.» Das würde neben Federer (vier Titel am Australian Open) auch Rafael Nadal (Sieger 2009) und Stan Wawrinka (Sieger 2014) ausschliessen.

Gar nicht festlegen will sich Michael Chang (44). Er war beeindruckt, wie Federer die Achtelfinalpartie am Sonntagabend gegen seinen Schützling Kei Ni­shikori wendete. Der Amerikaner, der sein einziges Grand-Slam-Turnier 1989 in Paris gewonnen hat, sieht «viele Gründe, warum Roger der Champion ist, der er ist». Die Auslosung habe sich nun etwas geöffnet für ihn. «Aber es hat immer noch viele starke Spieler im Turnier.»

Nur zwei der Top 8 in den Viertelfinals

Mit Gaël Monfils (Nr. 6) und Dominic Thiem (8) scheiterten gestern zwei weitere Top-8-Spieler an den Australian Open vor den Viertelfinals. Erstmals seit 2003 schafften es damit nur zwei der Topgesetzten in die Runde der letzten acht. Ein Grund dafür sind die Rückfälle in der Weltrangliste von Rafael Nadal (9) und Roger Federer (17). Das Aus von Monfils und auch Thiem war deshalb keine Überraschung.

Nadal erwies sich als zu konstant für den spektakulären, aber oft auch zu kopflosen Monfils. Als der im Kanton Waadt wohnhafte Franzose nach dem Verlust der ersten beiden Sätze gegen Ende des dritten Durchgangs «heiss lief», dominierte er eine halbe Stunde lang, ehe er angesichts einer 4:2-Führung im vierten Satz wieder anfing, haarsträubende Fehler zu produzieren. Am Ende setzte sich Nadal nach nicht ganz drei Stunden 6:3, 6:3, 4:6, 6:4 durch.

Solche Siege sind für den Mallorquiner nicht mehr selbstverständlich. Letztmals hatte er im Final der French Open 2014 mit Novak Djokovic bei einem Grand-Slam-Turnier einen Top-Ten-Spieler bezwungen. Der 30. Grand-Slam-Viertelfinal des 30-Jährigen ist sein erster seit Roland Garros 2015 vor eineinhalb Jahren. Im Viertelfinal wartet am Mittwoch ein Spieler mit wesentlich weniger Flair und Talent als Monfils, der Nadal aber auch weniger Geschenke verteilen wird: Milos Raonic, die Weltnummer 3, der bestklassierte Spieler, der im Feld verblieben ist. (sda)