TENNIS: Plädoyer für das Kulturgut

David Haggerty, der Chef des Weltverbandes, will den Davis-Cup abschaffen. Die Spielergewerkschaft wehrt sich mit einem erfolgversprechenden Plan.

Jörg Allmeroth
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Davis-Cup-Atmosphäre in Valencia: Spanien spielt in der Stierkampfarena den Viertelfinal gegen Deutschland. (Bild: Alberto Saiz/AP (6. April 2018))

Davis-Cup-Atmosphäre in Valencia: Spanien spielt in der Stierkampfarena den Viertelfinal gegen Deutschland. (Bild: Alberto Saiz/AP (6. April 2018))

Jörg Allmeroth

sport@luzernerzeitung.ch

Wenn es nach David Haggerty geht, dann gibt es das alles schon im nächsten Jahr nicht mehr. Eine Stierkampfarena, in einen Centre Court verwandelt. Ein Heimspiel in Valencia vor leidenschaftlichem Publikum für Spanien, ein Auswärtsspiel als mächtige, aber auch prickelnde Bewährungsprobe für Deutschland. Alles in allem ein Match, das auch den abgebrühtesten Profis in Erinnerung bleiben dürfte.

Aber Haggerty (58), der Chef des Weltverbandes ITF, will den Davis-Cup abschaffen. Ende Februar hat der Amerikaner seine Pläne bekanntgegeben, irgendwo auf der Welt künftig ein einwöchiges Turnier auszutragen, bei dem ein Team dann den «World Cup of Nations» gewinnen könne. Den Davis-Cup hat Haggerty dabei zwar auch immer wieder erwähnt, aber bei seiner angedachten Reform würde nichts davon übrig bleiben. Dann gäbe es nichts mehr, was den Davis-Cup bisher so faszinierend machte – vor allem keine Heim- oder Auswärtsspiele mehr. Es gäbe ab 2019 eigentlich für alle, ausser den Gastgebern des World Cup, nur noch Matches auf neutralem Boden. «Ein seelenloses Ding», wie Australiens früherer Tennisheld Lleyton Hewitt sagte. Er, der Hauptdarsteller vieler emotionaler Nationenduelle, gehört zu den schärfsten Kritikern dieser Pläne, obwohl sein eigener Tennisverband wieder einmal zu den Mitinitiatoren zählt.

Die Abwesenheit der grossen Stars

Auch Boris Becker, Chef der deutschen Spitzenspieler, hat sich in die Debatte eingeschaltet. Er will, was viele in der Szene für vernünftig halten: eine Reform des Davis-Cups, aber keinen Radikalschnitt, keine Abschaffung des Wettbewerbs. Er weist auf das einmalige Ambiente gerade der Viertelfinalpartie zwischen Spanien und Deutschland hin: «Das vergisst du als Spieler nie. Das ist einzigartig.» Oft ist in den letzten Wochen die Abwesenheit der grossen Stars im Davis-Cup beklagt worden. Dabei haben Federer, Nadal, Djokovic oder Murray weit öfter für ihr Land gespielt als in Erinnerung geblieben. Dass sie nun in den Spätphasen ihrer Karrieren andere Ziele und Strategien verfolgen, ist klar, auch deshalb, weil sie zunehmend mit körperlichen Verschleisserscheinungen zu kämpfen haben. Nadal spielt gegen Deutschland nur, weil es für ihn die Gelegenheit ist, das Comeback nach seiner Verletzung einzuleiten.

Was die nächsten Monate bringen werden, ist ungewiss. Es kann sein, dass Haggertys Projekt erst gar nicht ins Laufen kommt. Denn die Spielergewerkschaft ATP plant in scharfer Konkurrenz nun für den Saisonanfang eine Neuerweckung des ehedem in Düsseldorf friedlich entschlafenen World Team Cup – mutmasslich an mehreren australischen Standorten. Bringt die ATP-Spitze ihr Vorhaben unter Dach und Fach, wären die ITF-Pläne wohl erledigt – und mit ihnen Haggerty, der Boss. Denn zwei fast identische Wettbewerbe, zum Jahresende und dann gleich wieder zum Jahresanfang, will in Wahrheit niemand in der Tenniswelt, selbst nicht die kommerzgetriebensten Marktteilnehmer.

Der Weg könnte dann doch noch frei sein für eine moderate Produkterneuerung des Davis-Cups, mit dem klaren Ziel, Spiele wie das in der Stierkampfarena zu Valencia zu erhalten. Als Tennis-Kulturgut sozusagen.

Davis Cup

Viertelfinals. In Valencia (Sand). Spanien – Deutschland 1:2.– Feliciano Lopez/Marc Lopez u. Pütz/Struff 3:6, 4:6, 6:3, 7:6 (7:4), 5:7.

In Genua. Italien – Frankreich 1:2.– Bolelli/Fognini u. Herbert/Mahut 4:6, 3:6, 1:6.

In Varazdin. Kroatien – Kasachstan 2:1.– Dodig/Mektic s. Chabibulin/Nedowjessow 6:7 (2:7), 6:4, 6:4, 6:2.

In Nashville. USA – Belgien 2:0.– Isner s. De Loore 6:3, 6:7 (4:7), 7:6 (10:8), 6:4. Querrey s. Bemelmans 6:1, 7:6 (7:5), 7:5.