TENNIS: Roger Federer mit viel Luft nach oben

Die beiden Schweizer Topstars, Stan Wawrinka und Roger Federer, sind am Australian Open in Melbourne weiterhin mit dabei.

Jörg Allmeroth
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Muss nun gegen Tomas Berdych den Ball übers Netz bringen: Superstar Roger Federer. (Bild: Tracy Nearmy/EPA (Melbourne, 18. Januar 2017))

Muss nun gegen Tomas Berdych den Ball übers Netz bringen: Superstar Roger Federer. (Bild: Tracy Nearmy/EPA (Melbourne, 18. Januar 2017))

Jörg Allmeroth

sport@luzernerzeitung.ch

Es ist das Spiel, das Roger Federer auf schmerzliche Weise klarmacht, wo er dieser Tage in der Hackordnung der Tenniswelt steht. Die Nummer 300 der Welt hat er in der ersten Runde der Offenen Australischen Tennismeisterschaften des Jahres besiegt, den Österreicher Jürgen Melzer. Am Mittwoch war die Nummer 200 dran bei Federers Stafettenlauf, der Amerikaner Noah Rubin, den er nicht ohne Mühe mit 7:5, 6:3 und 7:6 besiegte. Wäre alles wie immer bei Federer, in all den Jahren seit seinem Aufstieg in höchste Tennisregionen und auf den einsamen Gipfelplatz, dann spielte er nun gegen einen Rivalen aus dem Mittelstand seiner Berufswelt, gegen einen Rivalen, der zur weiteren Formüberprüfung dient und zur Feinjustierung des eigenen Schlagarsenals.

«Bin glücklich, überhaupt in der dritten Runde zu sein»

Aber wer ihm nun schon in Runde 3 gegenübersteht, ist kein geringerer Kollege als der langjährige Top-Ten-Spieler Tomas Berdych, die Nummer zehn der Welt. Und damit momentan sieben Plätze höher eingestuft als der verletzungsgeplagte, in der Tennis-Hierarchie abgerutschte Federer. «Es ist so, wie es ist. Es ist nichts Ungewöhnliches», sagt Federer lakonisch. Und setzt das Spiel für ihn in dieses Verhältnis: «Ich bin glücklich, überhaupt in der dritten Runde zu sein. Wenn mir das vor ein paar Tagen oder Wochen angeboten worden wäre, hätte ich sofort eingeschlagen.»

Federer, im Moment der nominell zweitbeste Schweizer im Welttennis, zog nach Stan Wawrinka in die Runde der letzten 32 ein: Der Romand, sonst gern einmal der Mann für die Langstrecke, der viel beschworene Marathon-Mann der Szene, legte dabei nur eine harmlose Kurzschicht ein und liess dem Amerikaner Steve Johnson beim 6:3, 6:4 und 6:4 nicht die geringste Chance.

Fast typisch für Wawrinka, dass einem schwierigen und langwierigen Auftritt wie gegen den Slowenen Martin Klizan in der Auftaktrunde ein souveränes Gastspiel folgt. «Ich bin schon mit einem guten Gefühl nach Melbourne gekommen, aber zum Start hat jeder ein bisschen Lampenfieber. Doch jetzt fühle ich mich einfach gut – und das zweite Spiel hat das auch gezeigt.» Wawrinka tritt am Freitag gegen den Serben Viktor Troicki an.

Der beste Spieler, der noch keinen Grand Slam gewann

Aber auch am Freitag dürfte Roger Federer, der euphorisch gefeierte Rückkehrer, im Blickpunkt der Grand-Slam-Geschehnisse stehen – in der ziemlich sicheren Abendshow in der Rod- Laver-Arena gegen Tomas Berdych. Gegen einen Mann, der trotz aller ausgewiesenen Talente und einer erstklassigen Physis nie in die Phalanx der «grossen vier» einzubrechen vermochte. Auf allerhöchstem Anspruchsniveau, also in den Karrierefragen, die den Gewinn von Grand-Slam-Titeln oder WM-Pokalen betreffen, ist die Karriere des Tschechen im Konjunktiv stecken geblieben. Im Hätte, Wenn und Aber. Irgendwie fehlte ihm irgendwo immer der letzte Biss, der entscheidende Punch, die Nervenkraft bei den Big Points. «Berdych ist vielleicht der beste Spieler der Welt, der noch keinen Grand Slam gewonnen hat», urteilt Ex-Superstar John ­Mc- Enroe.

Allerdings hatte Berdych schon immer das Zeug zum Spielverderber für den Maestro, auch in dessen absoluter Blütezeit. Berdych gewann gegen ihn bei den Olympischen Spielen 2004, es war eine der bittersten Niederlagen überhaupt in der Karriere Federers. Auch 2010 in Wimbledon und 2012 bei den US Open ging der inzwischen 31-jährige, in Monte Carlo residierende Tscheche als Sieger vom Centre Court – ein Mann mit schneller Hand, mit schnellen Aufschlägen, aber auch einer, der schnell die Kontrolle über einen Match verlieren kann. «Es ist wichtig, dass ich selbst gute, sichere Aufschlagspiele habe. Und mir so ohne riesigen Druck Chancen bei seinem Service erarbeite», sagt Federer, der in der persönlichen Bilanz gegen Berdych mit 16:6 führt.

Gegen Aussenseiter Rubin hatte ihn vor allem der eigene Aufschlag oft aus der Bredouille befreit, vielleicht sogar vor einer unliebsamen Sensation bewahrt. Federer liess sich noch reichlich Raum für Steigerung, er schwank­- te sehr stark in seinem Leistungslevel, das ist allerdings auch nur der Normalfall für einen, der seit sechs Monaten nun die ersten ernsthaften Matches bestreitet. Trotzdem ist Federers Ehrgeiz da, in voller Ausprägung: «Ich will noch ein bisschen länger hier bleiben. Meine Reise soll noch nicht zu Ende sein.»

Melbourne. Australian Open. Grand-Slam-Turnier (37,8 Mio. Franken/Hart). Männer. 2. Runde:Wawrinka (SUI/4) s. Johnson (USA) 6:3, 6:4, 6:4. Federer (SUI/17) s. Rubin (USA/Q) 7:5, 6:3, 7:6 (7:3). Murray (GBR/1) s. Rublew (RUS/Q) 6:3, 6:0, 6:2. Nishikori (JPN/5) s. Chardy (FRA) 6:3, 6:4, 6:3. Evans (GBR) s. Cilic (CRO/7) 3:6, 7:5, 6:3, 6:3. Berdych (CZE/10) s. Harrison (USA) 6:3, 7:6 (8:6), 6:2. Tsonga (FRA/12) s. Lajovic (SRB) 6:2, 6:2, 6:3. Seppi (ITA) s. Kyrgios (AUS/14) 1:6, 6:7 (1:7), 6:4, 6:2, 10:8. Zverev (GER) s. Isner (USA/19) 6:7 (4:7), 6:7 (4:7), 6:4, 7:6 (9:7), 9:7. Sock (USA/23) s. Chatschanow (RUS) 6:3, 6:4, 6:4. Tomic (AUS/27) s. Estrella Burgos (DOM) 7:5, 7:6 (7:4), 4:6, 7:6 (7:5). Troicki (SRB/29) s. Lorenzi (ITA) 6:3, 1:6, 7:6 (7:3), 3:6, 6:3. Querrey (USA/31) s. De Minaur (AUS) 7:6 (7:5), 6:0, 6:1. – Wawrinka in der 3. Runde gegen Troicki, Federer gegen Berdych.

Frauen. Einzel. 2. Runde:Venus Williams (USA/13) s. Vögele (SUI/Q) 6:3, 6:2. Kerber (GER/1) s. Witthöft (GER) 6:2, 6:7 (3:7), 6:2. Muguruza (ESP/7) s. Crawford (USA) 7:5, 6:4. Kusnezowa (RUS/8) s. Fourlis (AUS) 6:2, 6:1. Cirstea (ROU) s. Suarez Navarro (ESP/10) 7:6 (7:1), 6:3. Switolina (UKR/11) s. Boserup (USA/Q) 6:4, 6:1. Riske (USA) s. Zhang (CHN/20) 7:6 (9:7), 4:6, 6:1. Pawljutschenkowa (RUS/24) s. Wichljanzewa (RUS) 6:2, 6:2. Pliskova (CZE) s. Begu (ROU/27) 6:4, 7:6 (10:8). Barthel (GER) s. Puig (PUR/29) 6:4, 6:4. Sevastova (LAT/32) s. Kucova (SVK) 6:3, 6:4.

Doppel. 1. Runde: Garcia/Mladenovic (FRA/1) s. Bencic/Konjuh (SUI/CRO) 6:1, 6:2.