TENNIS: Unaufhaltsam in den Traum-Halbfinal

Der Schweizer Halbfinal am Australian Open ist perfekt: Stan Wawrinka besiegt Jo-Wilfried Tsonga 7:6 (7:2), 6:4, 6:3, Roger Federer gewinnt gegen Mischa Zverev 6:1, 7:5, 6:2.

Jörg Allmeroth
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Prescht in Melbourne weiter vor: Superstar Roger Federer. (Bild: Dita Alangkara/Keystone (Melbourne, 24. Januar 2017))

Prescht in Melbourne weiter vor: Superstar Roger Federer. (Bild: Dita Alangkara/Keystone (Melbourne, 24. Januar 2017))

Jörg Allmeroth

sport@luzernerzeitung.ch

Kaum hatte Roger Federer noch im alten Jahr australischen Boden betreten, da sagte er, der berühmteste aller Tennisprofis, der legendäre Maestro, einen bemerkenswerten Satz über seine kommende Mission «Down Under»: «Meine Gegner wissen nicht, was sie von mir erwarten können.»

Das war richtig und falsch zugleich. Es war richtig, weil Federer nach einem halben Jahr Verletzungspause selbst ein wenig der Orientierung und der klaren Sicht beraubt war – und weil keiner seiner potenziellen Grand-Slam-Gegner es besser wissen konnte als der Meister höchstselbst.

Es war aber auch falsch, weil Federer wusste, dass er sich ausreichend Zeit genommen hatte für seine Rückkehr. Und es war erst recht falsch für die Turnierphase der Australian Open, in der Federer sich jetzt befindet, tief drinnen in der zweiten Woche. In einem Moment, da die Umkleidekabinen leerer geworden sind und nur noch ein paar Cracks um den Jackpot spielen, den Gewinnerpokal.

Jetzt nämlich ist wieder auf Federer Verlass, den Championspieler, Verlass auf seine alten Instinkte, auf die Souveränität des Künstlers, der so oft wie kein Zweiter die Bewährungsproben unter grossem Druck gestemmt hat. Jetzt ist Federer einfach wieder Federer, sechs Monate Verletzungspause sind abgeschüttelt, vergessen und vorbei. Und mit alter Magie und neuer Centre-Court-Frische stürmte er am Dienstagabend australischer Zeitrechnung in der Runde der letzten Acht auch an Mischa Zverev vorbei, vorbei an dem deutschen Überraschungsmann der Offenen Australischen Meisterschaften des Jahres 2017. «Es ist ein cooler Moment für mich. Und jetzt wird es noch ein bisschen cooler», sagte der Schweizer Ästhet nach dem ungefährdeten 6:1, 7:5, 6:2-Sieg, mit dem er zugleich einen rein schweizerischen Halbfinal (Donnerstag, 9.30 Uhr/SRF 2)gegen Stan Wawrinka festschrieb.

Dieser Wawrinka, der viel beschworene «Stan the Man», der Melbourne-Gewinner des Jahres 2014, untermauerte Titelträume seinerseits eindrucksvoll beim 7:6, 6:4, 6:3-Triumph über Frankreichs letzte Hoffnung Jo-Wilfried Tsonga.

Pfeilschnelle Passierbälle um die Ohren geknallt

Zverev, der Hamburger Junge, hatte seinen grossen Tennismoment im Achtelfinal, als er den Frontmann Andy Murray mit einer strategischen Meisterleistung, einer perfekten Balance aus Kontrolle und Aggression, schachmatt setzte. Doch Federer erwies sich in der Spätphase dieses Majors als ganz anderes Kaliber, der wiedererstarkte Maestro knallte Zverev serienweise pfeilschnelle Passierbälle um die Ohren – und preschte selbst, wann immer möglich, in die Offensive vor. Bis zum Matchende nach bloss 92 Minuten hatte Federer 65 Gewinnaufschläge aufaddiert, nur ganz wenige Schwächephasen leistete sich der vierfache Familienvater auf dem Weg in seinen 41. Grand-Slam-Halbfinal und in den 13. Australian-Open-Halbfinal.

Alter schützt vor Klasse und Erfolgen nicht im geringsten: Als betagtester Profi seit dem Amerikaner Arthur Ashe 1978 geht der unverwüstliche Federer nun in der Nachtshow des Donnerstags ins Rennen gegen Wawrinka – also gegen jenen Mann, der in den letzten Jahren sportlich zwar aus Federers Schatten trat, mit jeweils einem Grand-Slam-Erfolg in den Spielzeiten 2014, 2015 und 2016. Der aber gleichwohl nicht heranragen kann (und will) an die Popularität und die charismatische Erscheinung des Älteren, der immer auch ein Idol für ihn geblieben ist. «Ich weiss, wie man Roger schlagen kann», sagte Wawrinka nach seinem selbstbewussten Viertelfinal-Auftritt, «aber ihn dann auch wirklich zu schlagen, ist immer noch eine ganz andere Sache.»

Federer war über viele Jahre eine Art Aufbauhelfer für den sensiblen, oft zu komplizierten Wawrinka, der nicht den unbedingten, felsenfesten Glauben an den grossen Durchbruch in die Weltspitze hatte. Auch seinen ersten bedeutenden Sieg feierte Wawrinka an Federers Seite, das war bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking, bei der vergoldeten Olympia-Mission.

«Mirka-Gate» ist noch in guter Erinnerung

Seine Beisshemmung gegen Federer konnte der bullige Athlet mit dem enormen Punch lange Zeit nicht überwinden, erst mit dem Viertelfinal-Sieg bei den French Open 2015 hatte er den Übervater des Schweizer Tennis einmal am Boden, den eigenen Karriereunterstützer. Es war ohnehin die Saison, in der einige bis dahin undenkbare Dinge geschahen: Bei der WM in London sorgte das sogenannte «Mirka-Gate» für Aufregung, damals hatte Federers Frau Wawrinka als «Heulsuse» gescholten, weil der sich über permanente Zwischenrufe aus der Box beschwert hatte. Trotz dieser undiplomatischen, aufsehenerregenden Verwicklungen zwischen den Häusern Federer und Wawrinka waren nur eine Woche später alle wieder ein Herz und eine Seele – beim historischen Davis-Cup-Sieg in Frankreich, dem vielleicht schönsten gemeinsamen Moment in den Karrieren der beiden Schweizer Stars.

Die Kräfteverhältnisse sind andere geworden in jüngster Vergangenheit, keine Frage. Wawrinka, der ewige Zweite, hat schwer aufgeholt gegen Federer, er war ja auch der, der den grössten Anteil am Sieg im Mannschaftswettbewerb im Dezember 2014 hatte.

Die etwas andere Machtbalance hat auch damit zu tun, dass Wawrinka inzwischen jene Stärke auszeichnet, die Federer schon immer besass: In der entscheidenden Phase eines grossen Turniers, auf der Bühne eines Grand-Slam-Centre-Courts im Viertelfinal, Halbfinal oder Final sein bestes Tennis zu spielen. Das Schicksal in die eigenen Hände nehmen, agieren statt zu reagieren und damit bei der Vergabe der Toptitel mit dabei zu sein. «Er hat eine ganz andere Statur gewonnen», sagt Federer über Wawrinka, «ich freue mich, dass er jetzt sein Potenzial so richtig ausschöpft.»

Wawrinka, der härteste Draufschläger des Tennis. Gegen Federer, den Meister der Flexibilität, Finten und Finessen. Es verspricht ein Klassiker zu werden, diese Night-Show am zehnten Turnierabend von Melbourne. Wer kann sein Spiel durchsetzen, wer behält die Nerven? Diese Antwort wird erst auf dem Platz der Rod-Laver-Arena geliefert, in einem Australian-Open-Traummatch, an das vorher niemand geglaubt hatte. Auch nicht Federer: «Ich habe mich hier längst übertroffen», sagt er.

Melbourne. Australian Open. Grand-Slam-Turnier (37,8 Mio. Franken/Hart). Männer. Einzel. Viertelfinals: Wawrinka (SUI/4) s. Tsonga (FRA/12) 7:6 (7:2), 6:4, 6:3. Federer (SUI/17) s. Zverev (GER) 6:1, 7:5, 6:2.

Halbfinal-Tableau: Federer (17) - Wawrinka (4), Nadal (9)/Raonic (3) - Goffin (11)/Dimitrov (15).

Frauen. Einzel. Viertelfinals: Vandeweghe (USA) s. Muguruza (ESP/7) 6:4, 6:0. Venus Williams (USA/13) s. Pawljutschenkowa (RUS/24) 6:4, 7:6 (7:3).

Viertelfinal-Tableau: Vandeweghe - Venus Williams (13), Pliskova (5)/Lucic-Baroni - Konta (9)/Serena Williams (2).

Juniorinnen. 2. Runde: Masarova (SUI/1) s. Wang (CHN) 6:4, 6:3.

Kommentar

Flexibilität und Kreativität

Es schien die einzige Gewissheit für die kommende Saison im Welttennis zu sein: die fortschreitende Rivalität der beiden Spitzenspieler in der Weltrangliste, Andy Murray und Novak Djokovic. Und alle, die eine Fortsetzung des beherrschenden Duells des Jahres 2016 erwarteten, durften sich erst recht nach dem mitreissenden Final des ATP-Turniers in Doha bestätigt fühlen – das war in der allerersten Woche der neuen Spielzeit. Djokovic siegte dort in der Wüste, Murray verlor.

Der Rest der Karawane, so dachte man, würde in Melbourne ganz einfach die besten Beobachterplätze bei einem weiteren Finaldurchmarsch des Duos Djokovic/Murray haben.
Und nun stehen plötzlich alle im Wanderzirkus vor der Erkenntnis, dass es auch im Männertennis noch so etwas wie Unberechenbarkeit und Überraschungsmomente gibt. Dass nicht immer die gewinnen, die immer schon alles gewonnen haben. Dass ein Turnier verrückte Drehungen und Wendungen nehmen kann, die kein Fachmann oder Buchmacher auf der Rechnung hatte. 

Es war zwar durchaus wichtig für den Tennissport, dass es über viele Jahre eine ausgeprägte Hackordnung gab, mit einprägsamen, vertrauten Gesichtern, mit herausragenden Stars und Siegertypen. Aber es wurde einem zuletzt eben auch schon mal langweilig mit den ewig gleichen Gewinnern, auch mit einer monotonen Spielpraxis, also ermüdenden, stundenlangen  Grundlinienduellen

Murray und Djokovic, die Protagonisten dieser Entwicklung, sind nun herauskatapultiert aus dem Eröffnungsturnier. Es kann sein, dass es eine akute Schwächephase war, ein Augenblicksversagen. Aber manches deutet auch darauf hin, dass dieses anspruchsvolle Tennis, oft genug in Marathonkämpfen zwischen samt und sonders superfitten Profis ausgefochten, nicht mehr über längere Zeiträume auf allerhöchstem Niveau durchgespielt werden kann. 

Djokovic machte schon vor Melbourne einen ausgepumpten, erschöpften Eindruck, Murray wirkte mental blockiert gegen einen Widersacher wie Mischa Zverev, der ihn plötzlich mit Serve-and-Volley-Tennis konfrontierte. Dieser Match, ganz nebenbei, war auch ein Fingerzeig für die Ausbildung von jungen Spielern, eine Aufforderung, Talente zu mehr Flexibilität und Kreativität zu erziehen.