TENNIS: «Wir haben fast täglich Vorfälle»

Wettbetrügereien nehmen rasant zu, sagt Werner Becher, CEO von Interwetten. Wettanbieter gehen dagegen vor. Trotzdem wünscht er sich mehr Unterstützung.

Interview Jörg Allmeroth
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Auf interwetten.com können unzählige Tenniswetten abgeschlossen werden. Zum Beispiel ob ein Game über Einstand (40:40) geht (gestellte Szene). (Bild Dominik Wunderli)

Auf interwetten.com können unzählige Tenniswetten abgeschlossen werden. Zum Beispiel ob ein Game über Einstand (40:40) geht (gestellte Szene). (Bild Dominik Wunderli)

Der Österreicher Werner Becher (43) ist der CEO von Interwetten, einem der grössten internationalen Wettanbieter. Das Unternehmen hat Kunden aus 200 Ländern, es bot 1997 als erster Anbieter überhaupt Onlinewetten an. Interwetten ist auch Mitglied der European Sports Security Association, einer Kontroll- und Überwachungsorganisation der Wettbranche.

Werner Becher, wie schwerwiegend sind die Probleme, die das internationale Tennis mit Wettbetrügereien hat?

Werner Becher: Von allen Sportarten hat Tennis die grössten Probleme. Und die Probleme werden immer grösser. Es sind meistens Spieler betroffen, die teils bei kleineren Tourevents, öfters aber bei Challenger- oder Future-Turnieren antreten. Also Leute jenseits der Top 100. Im Moment haben wir fast täglich Vorfälle, die uns dazu zwingen, Spiele aus dem Programm zu nehmen. Der Anstieg im Tennis ist wirklich extrem. Wir melden diese Auffälligkeiten sofort auch an die Antikorruptionseinheit im Tennis weiter – die sogenannte TIU, Tennis Integrity Unit.

Können Sie diesen Anstieg beziffern?

Becher: In der Auswertung des 3. Quartals 2015 gab es allein 48 Zwischenfälle mit Tennisspielern, das waren 66 Prozent aller verdächtigen Vorkommnisse im Sport überhaupt. Tennis hat dem Fussball den zweifelhaften Platz 1 hier abgelaufen. Wir haben im Moment eine schwarze Liste mit mehr als 50 Tennisspielern, deren Matches wir gar nicht mehr anbieten. Einfach, weil uns das Risiko viel zu hoch erscheint.

Sind auf dieser Liste auch Spieler aus dem deutschsprachigen Raum?

Becher: Ja. Auch Deutsche und Österreicher. Oft wird so getan, als sei das ein Problem osteuropäischer oder meinetwegen südländischer Profis. Aber es sind viele aus Westeuropa auf dieser Liste drauf.

Woran erkennen Sie potenzielle Betrügereien?

Becher: Wir legen Quoten fest, die mit Weltranglistenplatz, Form und bei Live-Wetten dem Spielverlauf zu tun haben. Auffälligkeiten entstehen, wenn ungewöhnlich hohe Beträge gewettet werden. Oder ungewöhnliche Beträge auf einen, den man nicht als Favorit bezeichnen würde. Oft gleichen wir uns mit anderen Wettanbietern ab, da entsteht schnell ein übergreifendes Verdachtsmuster. Dann schlagen wir Alarm, annullieren die Wetten. Wenn wir das nicht tun, wissen wir schnell, dass wir es besser doch getan hätten.

Wie wird denn manipuliert?

Becher: Das häufigste Muster ist: Favorit A verliert den ersten Satz, dann drehen sich die Quoten. Es gibt mehr Geld auf einen Sieg für A. Und dann gewinnt er halt – und mit ihm seine Hintermänner. Aber zuletzt haben wir festgestellt, dass sogenannte Favoriten einfach verlieren. Denn das, was sie über eine Betrügerei verdienen, ist weit mehr als die Punkte, sagen wir, bei einem Challenger-Turnier. Das ist für mich schon eine Zuspitzung der Lage.

In den neuesten Enthüllungen werden aber dezidiert Top-50-Spieler genannt, auch Grand-Slam-Champions.

Becher: Für mich sind das Einzelfälle. Die Probleme liegen bei kleineren Turnieren, bei Spielern aus der zweiten Reihe.

Warum bieten Sie als Wettunternehmen all diese Spiele von kleineren Turnieren im Programm eigentlich an, wenn das so schwer zu kontrollieren ist? Oder auch Wetten auf die Anzahl von Sätzen in einem Match.

Becher: Diese Wetten sind bei unseren ganz normalen, seriösen und anständigen Kunden sehr beliebt. Das sind Wetten, die schon eher Entertainment-Charakter haben, die weniger klassische Sportwetten sind. Viele Kunden mögen Livewetten, den Thrill in veränderten Matchbewegungen. Sie wollen den Ausgang einer Wette nicht mehr bis zum Matchball abwarten. Wie überall in unserer modernen Zeit geht auch bei uns alles schneller, dynamischer. Wir müssen das anbieten, sonst gehen uns die Kunden verloren. Die würden dann in den schwarzen Markt wandern, in komplett unregulierte Zonen.

Es würde nichts nützen, wenn Sie das nicht anbieten?

Becher: Nein. Die Mauscheleien würden noch grösser. Denn alle regulären Wettanbieter melden ja Auffälligkeiten sofort etwa an die ATP weiter. Die informiert den Supervisor vor Ort, der wiederum den Schiedsrichter. Und der auch die Spieler. Also: Wir setzen wirklich eine Alarmkette in Bewegung. Wären wir nicht mehr da als überwachende Instanz, als jemand, der diese Spiele beobachtet, dann wären die Probleme noch gravierender.

Was muss passieren, um noch effektiver gegen die Betrüger vorzugehen?

Becher: Wir dürfen unsere Kundendaten nicht an Privatunternehmen wie die ATP oder WTA weitergeben. Das ginge nur an eine internationale staatliche Autorität. Und das würde ich mir wünschen, so eine Instanz. Denn so bleibt das Paradox: Wir melden die Auffälligkeiten, aber die Betrüger bleiben ungeschoren. Diesen Kriminellen müssen wir das Handwerk legen – und zwar schnell.

Können Sie die Verdächtigen nicht sperren?

Becher: Natürlich tun wir das. Wir sperren, wir blockieren. Aber dann legen die sich mit krimineller Energie neue Identitäten zu. Wenn es eine staatliche Stelle gäbe, die auch Nachforschungen zu solchen Tätern betreiben würde, wäre der Betrug ungleich schwerer. Auch der Schwindel mit Identitäten. Man muss sich eingestehen, dass man den Sumpf nicht hundertprozentig austrocknen kann. Aber im Moment geniessen die Betrüger teils Narrenfreiheit. Deshalb müssen Staaten und Regierungen mit ins Boot.

Der Antikorruptionseinheit TIU wurde in der aktuellen Affäre vorgeworfen, Verdachtsfälle unterdrückt zu haben.

Becher: Das kann ich überhaupt nicht bestätigen. Die entscheidenden Leute in den Tennisorganisationen wissen, dass sie da ein ernsthaftes Problem haben. Und dass sie es ernsthaft bekämpfen müssen. Nein, ich kann da keine Vertuschung oder Verharmlosung erkennen. Was zu Recht angemerkt worden ist, auch von der ATP: Es ist brutal schwer, handfeste Beweise auf den Tisch legen.

Novak Djokovic und Andy Murray haben kritisiert, dass Tennisturniere mit Wettanbietern kooperieren.

Becher: Also, es hätte ganz sicher ein schaler Beigeschmack, wenn Wettanbieter einen einzelnen Profi sponserten. Da würden ungute Verdächtigungen aufkommen. Ansonsten verstehe ich die Logik und Argumentation nicht: Wettunternehmen sind Opfer der Betrüger. Und sauberer, reeller Sport ist die Lebensgrundlage für uns. Diese Betrüger kosten uns sehr viel Geld, das kann ich Ihnen sagen. Deshalb stehen wir doch an der Seite von Spielern wie Djokovic oder Murray.