Caroline Wozniacki in New York: ein letztes Hurra zum Abschied

Caroline Wozniacki stand schon früh ganz oben. Dann folgte das Verletzungspech. Jetzt steht sie beim US Open wieder im Halfinal. Es könnte ihr letztes Turnier sein.

Petra Philippsen, New York
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Caroline Wozniacki hat den Erfolg wiedergefunden.Keystone

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Caroline Wozniacki reflektiert in diesen Tagen viel. Und das verwundert nicht, denn die Dänin hat mit ihren 26 Jahren schon so manches erlebt. Als sie sehr jung die Nummer eins der Welt wurde, stand sie im Dauerfeuer der Kritik, weil ihr der Grand-Slam-Titel fehlte. Dann wurde sie auch noch privat abserviert, Golfstar Rory McIlroy liess sie quasi vor dem Altar stehen.

So setzte sich Wozniacki also kürzlich hin und schrieb einen Brief an ihr elfjähriges Selbst. Es wurde ein Rückblick auf ihr Leben, auf Dinge, die sie bedauerte. Aber auch darauf, wie dankbar sie ihren Eltern für die Opfer sei, die sie erbracht hatten. Sie erinnerte sich daran, wie sie einmal auf der Rückfahrt von einem Juniorinnen-Turnier über eine Niederlage fürchterlich weinte. Ihr Vater Piotr Wozniacki bog von der Autobahn ab und kaufte ihr einen Teddybär. «Das ist der Preis für die beste Kämpferin», sagte er zu ihr. Und der Stoffbär begleitet sie noch heute zu jedem Turnier. Auch am US Open, bei dem Wozniacki nach langer Durststrecke jetzt wieder im Halbfinal steht. Es scheint ein sportlicher Neustart zu sein, doch wer sein Leben so resümiert wie Wozniacki gerade, bei dem stehen grosse Umbrüche an: Sie will ihre Karriere beenden.

Ihr Vater und Coach Piotr Wozniacki hatte im Gespräch mit dem «Ekstra Bladet» die Spekulationen befeuert: «Ich weiss nicht, ob Caroline nur noch diese Saison spielt oder noch eine weitere.» Die endgültige Entscheidung sei noch nicht gefallen, sagte er, «aber ihre Karriere wird nicht mehr lange dauern». Dabei knüpft Wozniacki gerade an ihre Bestform an. Vor zwei Jahren war sie erstmals seit ihrem furiosen Debüt 2009 wieder ins Endspiel am US Open gestürmt. Der Leidensdruck trieb Wozniacki in die Trainingswut, sie spielte besser denn je und lief sogar den New York Marathon in beeindruckenden 3:26 Stunden mit. Sie lief sich den Schmerz von der Seele. «Das half meiner Laune», sagte sie damals.

Das ständige Rechtfertigen

Diese Zeit hat Narben hinterlassen. Serena Williams fehlte verletzt, die eigentliche Regentin im Frauentennis. Und Wozniacki war zwar die konstanteste Spielerin der Tour, hatte aber keinen Major-Titel vorzuweisen. So musste sich die Dänin mit dem ersten Tag auf dem Thron rechtfertigen und vorwerfen lassen, sie habe diese Position gar nicht verdient. Das nagte an ihr. «Wenn du vorne bist, hast du eine Zielscheibe auf dem Rücken», schrieb sie nun an ihr jüngeres Ich, «viele wollen dich scheitern sehen. Aber ich rate dir: Geniesse, dass du die Nummer eins bist, sei stolz auf dich.» Ihr war das nicht gelungen. Lange Zeit schwankte ihre Form. Sie hielt sich zwar in den Top Ten, spielte aber nicht mehr oben mit.

Seit Saisonbeginn plagt Wozniacki eine Knöchelverletzung, sie verpasste die Sandplatzsaison und rutschte auf Platz 74 ab. Doch Ranglisten interessieren sie nicht mehr. Sie hat längst den Grundstein in der Mode- und Immobilienwelt für ihr Leben nach dem Tennis gelegt. «Wenn ich bereit bin, über mein Karriereende zu sprechen, werde ich es tun», betonte die Dänin, «aber im Moment möchte ich nur dieses Turnier geniessen.» Im Halbfinal wird sie auf ihre Freundin Angelique Kerber treffen, die um die Nummer eins spielt. Sie hatten beide in ihren Karrieren viel gekämpft, jede auf ihre Art. Bei der einen kam der Erfolg sehr früh, bei der anderen erst jetzt. Aber wenn es so kommen sollte für Kerber, dann wird Wozniacki ein paar Ratschläge für ihre Freundin parat haben. Oder einen Teddybär zum Trost.