Abschiede 2017
Martina Hingis und die Lust auf Normalität und ihren neuen Job in der Küche

Martina Hingis sitzt mitten im Studion 5 des Schweizer Fernsehens. Auf den Leinwänden hinter ihr werden Bilder aus den zwei Jahrzehnten ihres bewegten Sportlerlebens gezeigt. Einmal mehr steht sie im Rampenlicht, das Lächeln – ihr Markenzeichen – sitzt.

Simon Häring
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Martina Hingis Ende Oktober während ihrer Rücktritts-Zeremonie in Singapur

Martina Hingis Ende Oktober während ihrer Rücktritts-Zeremonie in Singapur

KEYSTONE/EPA/WALLACE WOON

Im Oktober hat Hingis 37-jährig ihre Karriere beendet. «Erstmals offiziell. Und diesmal ist es aus, Ende, definitiv, wie sie sagt. Sie wiederholt es drei Mal, um jenen den Wind aus den Segeln zu nehmen, die nicht glauben, dass sie es lange ohne den Wanderzirkus aushält.

Doch diesmal ist es anders, sagt sie. Diesmal geht sie durch die Vordertüre. Nicht wie vor zehn Jahren nach einer positiven Dopingprobe, oder 2003, als sie wegen chronischer Beschwerden an den Füssen 21-jährig zu einer langen Pause gezwungen worden war.

Die Nummer 1 mit 16 Jahren

Martina Hingis gewann 25 Grand-Slam-Titel (5 im Einzel, 13 im Frauen-Doppel, 7 im gemischten Doppel). Sie war während 209 Wochen die Nummer 1 der Welt, eine Zeit lang führte sie das Ranking zeitgleich im Einzel und im Doppel an. 24,7 Millionen Dollar hat sie an Preisgeld eingespielt, 114 Turniere gewonnen und sich 2016 bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro an der Seite von Timea Bacsinszky Silber gesichert.

Abschiede 2017

Das Sportjahr neigt sich dem Ende zu. Es ist auch ein Jahr der Abschiede. Für vier Persönlichkeiten des Schweizer Sports ist 2017 ein Wendepunkt im Leben. Zeit, den Blick noch einmal auf sie zu richten. Heute mit Martina Hingis. Mit 16 Jahren bereits die Nummer 1 der Welt und als langjähriger Star im Tenniszirkus nahm sie auch eine Vorreiterrolle für Roger Federer und Stan Wawrinka ein. Bei den WTA-Finals Ende Oktober gab sie ihren dritten – den ersten offiziellen – Rücktritt bekannt.

Bisher erschienen:

> Bernhard Russi (19.12.)
> Bernhard Heusler (20.12.)

Dabei war sie noch ein Kind, als sie 1997 mit 16 Jahren und 8 Monaten zur jüngsten Nummer 1 der Geschichte wurde. Seither führt sie ein Leben im Rampenlicht. «Es ist schwierig, jemanden in diesem Alter darauf vorzubereiten, was das bedeutet. Denn niemand wusste, wie das ist. Weil niemand vor mir so jung die Nummer eins der Welt war», sagt Hingis.

Dass sie als Kind als Profisportlerin um die Welt reiste, stiess auch auf Unverständnis. Sie selber glaubt nicht, etwas verpasst zu haben. «Ich hatte eine spezielle, aber trotzdem eine schöne Jugend. Ich habe andere Erfahrungen machen dürfen. Tennis ist eine Lebensschule. Heute bin ich viersprachig, zuletzt habe ich auch einige Brocken Indisch und Chinesisch gelernt.»

Martina Hingis - ihre Karriere in Bildern
16 Bilder
26. Januar 1997: Die 17-jährige Martina Hinigis holt ihren ersten Grand-Slam-Titel. Im Final der Australian Open schlug sie die Französin Mary Pierce mit 6:2, 6:2. Rechts ihre Mutter Melanie Molitor. Hingis gewinnt in ihrer Einzel-Karriere dreimal die Australian Open, je einmal Wimbledon und die US Open, holt sich also fünf Grand-Slam-Titel.
6. Juli 1997: Wimbledon-Sieg Martina Hingis hält die Siegerschüssel von Wimbledon. Sie schlug Jana Novotná in drei Sätzen 2:6, 6:3, 6:3.
1997 war ihr Jahr. Nach dem Sieg in Australien und Wimbledon gewinnt die junge Schweizerin auch die US Open im Final gegen Venus Williams klar mit 6:0 und 6:4. Hier bejubelt Hingis ihren Triumph mit ihrer Mutter Melanie Molitor.
Deshalb posierte Hingis nach dem Sieg noch so gern in New York mit ihrem Pokal.
Auch 1998 ritt Hingis zu Beginn auf der Erfolgswelle. Hingis gewinnt im Januar 1998 den Final der Australian Open gegen Cinchita Martinez mit 6:2 und 6:3.
1999: Pfiffe, Tränen und Karriereknick Vor dem Paris-Final 1999 sagt Martina Hingis über Steffi Graf: «Die Zeiten haben sich geändert. Nur die Deutschen können das offenbar nicht akzeptieren.» Hingis ist 18 Jahre alt, aber die French Open das einzige Grand-Slam-Turnier, das sie noch nicht gewonnen hat. Bei der Niederlage zieht sie mit Aufschlägen aus der Hüfte den Unmut des Publikums auf sich. Unter Pfiffen und weinend verlässt sie das Stadion vor der Siegerehrung.
2000: An der Seite von Roger Federer Auch mit Roger Federer stand Martina Hingis in ihrer Karriere auf dem Platz, hier am Hopman Cup in Australien.
2003: Rücktritt und 40-Millionen-Dollar-Klage Mit 22 Jahren beendet Martina Hingis wegen chronischer Fussbeschwerden ihre Karriere ein erstes Mal. Schuld gibt sie ihrem vormaligen italienischen Ausrüster Tacchini. Dieser hatte 1996 einen Vertrag über fünf Jahre mit Hingis abgeschlossen, aber im April 1999 wieder aufgelöst. Hingis klagt vor dem Supreme Court in New York auf 40 Millionen Dollar Schadenersatz. Tacchini: «Hingis hat mehrfach vertragliche Verpflichtungen gebrochen.»
2007: Positive Dopingprobe und Rücktritt Am 1. November 2007 gibt Hingis in Glattbrugg ihren Rücktritt bekannt. Zuvor war sie in Wimbledon positiv auf Kokain getestet worden. Sie bestreitet das und sagt, jemand habe ihr die Substanz in den Orangensaft gemischt. Weil sie keine Lust auf ein juristisches Nachspiel hat, tritt sie zurück. Zudem leide sie unter Hüft- und Rückenbeschwerden. 2008 wird Hingis vom internationalen Tennisverband für zwei Jahre gesperrt.
2015 und 2016: 14 Turniersiege mit Sania Mirza Martina Hingis und Sania Mirza (Indien) gewinnen im Doppel in diesen zwei Jahren 14 Turniere, darunter 3 Grand Slams, konkret Wimbledon und US Open 2016 sowie das Australian Open 2016.
2016: Olympia-Silber in Rio de Janeiro Eigentlich hätte das gemischte Doppel mit Roger Federer ihr Höhepunkt werden sollen. Doch erst musste der Baselbieter wegen einer Verletzung passen, dann auch die designierte Doppel-Partnerin Belinda Bencic. Das Notdoppel mit Timea Bacsinszky, mit der sie zuvor noch nie gespielt hatte, gewinnt Silber. Es waren nach Atlanta 1996 erst Hingis zweite Olympische Spiele und eine Art Versöhnung mit der Schweiz.
2017: 9 Turniersiege im Doppel Mit ihrer Partnerin Chan Yung-Jan (Taiwan) gewinnt Martina Hingis allein in diesem Jahr 9 Turniere.
2017: 23. Grand-Slam-Erfolg Mit Mixed-Partner Jamie Murray holt Martina Hingis den Wimbledon-Titel - es ist ihr 23. Grand-Slam-Titel.
2017: 24. Grand-Slam-Erfolg Wieder mit Mixed-Partner Jamie Murray, Schotte und Bruder von Andy Murray, gewinnt Martina Hingis die US Open 2017.
8. September 2017: 25. Grand-Slam-Sieg Martina Hingis gewinn mit Chan Yung-Jan das Doppel der US Open.

Martina Hingis - ihre Karriere in Bildern

KEYSTONE/AP/JULIE JACOBSON

Hingis ist 18 Jahre alt, als sie erstmals die Schattenseiten des Ruhms kennen lernt. Mit selbstbewussten Äusserungen heizt sie den French-Open-Final 1999 gegen Steffi Graf an. Sie schlägt zum Turniersieg auf, als die Schiedsrichterin einen Ball ins Aus gibt, den Hingis im Feld sieht. Noch heute sagt sie: «Der Ball war drin.» Was folgt, sind Aufschläge von unten und die Pfiffe des Pariser Publikums. «Darauf war ich nicht vorbereitet», sagt Hingis.

Wie in der Endlosschleife

Weil sie danach im Einzel keinen grossen Titel mehr gewinnt, gilt jener Tag als Wendepunkt in ihrer Karriere. Doch zerbrochen ist sie daran nicht. Wer so früh in den Profi-Sport komme, lerne auch, mit Druck umzugehen. «Und Druck gibt es überall, auch in der Schule», sagt Hingis. Doch mit dem Leben, das sie führte, ist das nicht zu vergleichen.

Hinter der glänzenden Fassade der grossen Spiele verbirgt sich zermürbende Routine – immer dieselben Flughäfen, dieselben Hotels, dieselben Termine mit Sponsoren und Medien. Auch Hingis sagt: «Es war eine sehr intensive und extreme Zeit, in der man kaum durchatmen kann. Immer öfter fragt sie sich: «Warum tust du dir das noch an?» Heute sagt sie: «Ich habe den Punkt erreicht, an dem ich sage: Genug. Ich bin erleichtert, dass es vorbei ist.»

Hingis schliesst das Kapitel als Nummer 1 der Welt und als US-Open-Siegerin ab. Sie verspüre eine grosse Dankbarkeit. «Dankbarkeit, dass ich all das an der Weltspitze noch einmal erleben durfte.» Dass sie nun aufhört, hat auch viel mit ihrem Privatleben zu tun. «Harry hätte keine Freude, wenn ich jetzt wieder monatelang weg wäre», sagt sie über ihren Partner, den Arzt Harald Lehmann.

«Es ist schön, konnte ich ihm noch meine Welt zeigen», sagt die 37-Jährige. Heute geht sie fünf bis sechs Mal in der Woche in den Stall zu ihren Pferden. «Jetzt habe ich mehr Zeit für mich, diesen Luxus habe ich mir hart erarbeitet. Er ist mir nicht in den Schoss gefallen.»

Ein Leben ohne Tennis ist dennoch undenkbar. Regelmässig hilft Hingis in der Tennisschule ihrer Mutter Melanie mit. «Das ist eine sehr schöne Aufgabe, die mir Befriedigung gibt.»

Tennis war immer ihr Leben – und wird es immer bleiben. Aber ihr Leben ist mehr als das. «Ich bin polysportiv aufgewachsen. Ich hatte immer meine Pferde, ging oft Ski fahren. Und ich war ja schon einmal ohne den Profi-Sport», sagt sie. Langweilig werde ihr nicht.

«Ich muss jetzt schauen, dass am nächsten Tag Brot und Butter auf dem Teller sind», sagt sie lachend. «Ich freue mich auf das nächste Kapitel. Viele Leute sagen mir: Das Beste kommt erst jetzt.» Vielleicht denkt sie dabei an Kinder, doch das alles habe noch seine Zeit.

Lehrling im Haushalt

Mit ihrer Karriere beendet Hingis nicht nur ein Kapitel in ihrem Leben, sondern auch eines der grössten in der Schweizer Sportgeschichte. Eines mit Höhen und Tiefen – und immer im Schaufenster der Weltöffentlichkeit. Was nun folgt, ist ein Stück Normalität. Hingis freut sich darauf. «Ich bin besser geworden im Zwiebelnschneiden», sagt sie lachend.

«Das ist mein Job in der Küche.» Auch im Haushalt lerne sie dauernd dazu. «Bisher war ich sehr verwöhnt. Zuhause hatte ich das Hotel Mama, unterwegs durfte ich in tollen Restaurants essen.»

Auf Ausgefallenes wie Fallschirmspringen habe sie keine Lust. Ihr Leben gehört dem Tennis – das wird sich auch nach dem Rücktritt nicht ändern, aber es wird sich nicht mehr so sehr im Rampenlicht abspielen. «Davon hatte ich genug. Das brauche ich nicht. Es waren nicht nur angenehme Geschichten.»

Vor der Aufzeichnung des Jahresrückblicks im Schweizer Fernsehen spricht Martina Hingis mit Moderatorin Cornelia Boesch über ihr Idealgewicht, den Feierabendverkehr. Und darüber, wie sie Weihnachten feiert: «Mit einem Bäumchen, im engsten Familienkreis. So war es immer. So wird es immer sein.» Bescheiden und normal.

Bei allem, was sie in den letzten beiden Jahrzehnten erlebt hat. Bei allem, was über sie geredet, geschrieben und gedacht wurde – ob berechtigt oder nicht – liegt wohl ihre grösste Leistung darin, dass sie nie vergessen hat, was Normalität bedeutet. Diese und ihre Freuden neu zu entdecken, ist ihre Zukunft.

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