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TERROR: Im Schatten des Stade de France

Frankreich bereitet sich auf die Fussball-EM vor. Auch Notfallübungen in ­Stadien gehören dazu. Die Anwohner sind wenig erfreut, dass ihre Nachbarschaft als «gefährliche Ban­lieue-Zone» gilt.
Bewaffnete Grenadiere in einem Armeehelikopter während einer Notfallübung vom Mai. Das Bild entstand über dem Stadion Parc des Princes in Paris. (Bild: Freshfocus/Franck Seguin)

Bewaffnete Grenadiere in einem Armeehelikopter während einer Notfallübung vom Mai. Das Bild entstand über dem Stadion Parc des Princes in Paris. (Bild: Freshfocus/Franck Seguin)

Stefan Brändle, Paris

Die «Bombe» geht um 10.43 Uhr hoch, nur wenige Schritte vom Stadion entfernt. Der Knall in der Fussgängerunterführung ist so stark, dass die Jugend­lichen aufkreischen und wie von selbst umfallen. Sie waren aus dem Stade de France geflüchtet, wo eine erste Explosion stattgefunden hatte. Jetzt sind sie vom Regen in die Traufe geraten: Zwei Dutzend Schüler bleiben auf dem regennassen Boden zurück.

Diese Notfallübung inszeniert ein «Multiattentat», wie es die Polizeikommissarin Johanna Primevert im neotechnischen Jargon der Pariser Ermittler nennt. Zuerst hatten sich fiktive Terroris­ten im Stadtpark der Standortgemeinde Saint-Denis in die Luft gesprengt, dann taten es ihnen andere in der Arena während eines EM-Spiels gleich. 500 Statisten rannten in Panik davon, um hier, beim dritten Attentatsort, in eine neue Terrorfalle zu geraten.

Krisensituation koordinieren

Gabriel Plus von der Pariser Feuerwehrbrigade klärt die anwesenden Journalisten auf: «Ziel ist es, eine Krisen­situation zu antizipieren und zu koordinieren. Zuerst klären wir ab, ob sich noch ein Kamikaze versteckt hält oder explosives Material vorhanden ist. Dann schätzen wir das Ausmass der benötigten Hilfe ab.» Als Erstes erscheinen Elitepolizisten von der Antiterroreinheit Raid. Sie verfügen über Laserpistolen, Schutzschilder mit grellen Scheinwerfern sowie einen Entminungsroboter.

Dann beginnt das Sirenenkonzert. Rund 40 Ambulanzen, Polizei- und Feuerwehrwagen preschen ab 10.58 Uhr heran. Die Helfer waren nicht gewarnt worden; sie proben wirklich den Ernstfall. Alles wirkt echt, beängstigend echt. Die «Opfer» scheinen richtig verstört. Es sind Teenager aus den umliegenden Banlieue-Schulen, viele mit einem Kopftuch, und das nicht nur als Regenschutz. Sie wissen, dass es bei den Anschlägen des 13. November nur der Aufmerksamkeit der Türsteher zu verdanken war, dass die drei Dschihadisten nicht in das Stade de France eindringen konnten. Diese zündeten ihre Sprengladung auf der hiesigen Esplanade, wobei wie durch ein Wunder «nur ein Passant» starb.

Ziel der Terroristen: EM-Abbruch

Noch etwas weiss man heute: Die späteren Attentäter von Brüssel wollten in Paris kurz vor der Fussball-EM zuschlagen, um deren Abbruch zu bewirken. «Das wäre eine Schande für sie, ein grosser Finanzverlust», meinte ein Attentäter auf der unlängst entdeckten Tonaufnahme. «Das wäre ihnen eine Lehre.»

Die Terrorbande ist ausser Gefecht. Trotzdem warnt der Vorsteher des französischen Inlandgeheimdienstes DGSI, Patrick Calvar, vor einer «neuen Art des Angriffs». Bloss, auf welche Art? Beim französischen Cupfinal von Ende Mai versagten die Sicherheitskontrollen im Stade de France jedenfalls kläglich, als es Anhängern aus Marseille und Paris gelang, ein ganzes Arsenal an Fan­material in die Tri­bünen zu schmuggeln: Leuchtkörper, Rauchbomben, Glasflaschen. Alle acht bis neun Millionen EM-Zuschauer in den Stadien und den Fan­meilen auf ein kleines Sprengstoffpaket abzutasten, scheint da schlicht unmöglich.

Umstrittener Schutzzaun

Innenminister Bernard Cazeneuve scheut keinen Aufwand: 90 000 Polizisten, Elitesoldaten, Feuerwehrleute und private Wächter bietet er für die EM auf. Um das Stade de France liess er auf Wunsch der Uefa einen rammgeschützten Metallzaun von 2,4 Metern Höhe errichten, der die Arena von der Standortgemeinde Saint-Denis hermetisch abschottet. Nicht gerade ein Symbol für sportliche Verbrüderung. Die Wirte der umliegenden Brasserien, die auf einen guten EM-Umsatz hofften, schimpfen über die «Mauer der Schande». Das Sportwarengeschäft Decathlon gleich neben dem Stadion ist jetzt schon leer. Ein unbeschäftigter Verkäufer meint: «Diese Hochsicherheit ist eine Katastrophe für das Geschäft.»

Und nicht nur fürs Geschäft. Der kommunistische Bürgermeister von Saint-Denis, Didier Paillard, beschwert sich, der Schutzzaun grenze die ganze Vorstadt aus. Dabei fühlt sich Saint-Denis als weltoffene, in jeder Hinsicht multikulturelle Banlieue-Stadt. In der weltberühmten Basilika liegen die meisten französischen Könige begraben; derzeit findet im gotischen Bau gerade ein anerkanntes Festival klassischer Musik mit Schwerpunkt Mahler statt. Im Rathaus von Saint-Denis regieren seit 1945 die Kommunisten, was an Strassennamen wie Avenue Lénine sichtbar ist. Und die 110 000 Einwohner, die aus über hundert Ländern stammen und eines der tiefsten Steueraufkommen Frankreichs aufweisen, geben der Stadt das Flair einer mediterranen Stadt.

«So muss es im Krieg sein»

Für eine «soirée orientale» wirbt auch ein Plakat in der Rue du Corbillon. In dieser Strasse hoben die Eliteeinheiten des Raid am 18. November das Terrornest von Abdelhamid Abaaoud aus, der fünf Tage zuvor die Attentate auf das Bataclan-Lokal und das Stade de France koordiniert hatte. In den Fassaden sind die Einschüsse noch sichtbar. Heute steht das Wohnhaus leer, die Fenster sind mit Holzbrettern vernagelt. Auch eine historische Stätte, für die sich hier aber niemand interessiert.

In der Fussgängerzone ums Eck hängen riesige Flaggen der Euro-Teilnehmerstaaten. Von den Passanten sind indes die wenigsten Europäer; der maghrebinische Bäcker erzählt in aller Offenheit, wie an jenem 18. November das ganze Viertel am früheren Morgen von den Schüssen und den Sprengsätzen widerhallt habe, um anzufügen: «So muss es im Krieg sein.» In Saint-Denis geniert das Thema Terror nicht: «Hier ist allen klar, dass diese Jungs», wie der algerische Boulanger sagt, «‹Verrückte› waren, die mit richtigen Muslimen nichts zu tun haben.»

Nur ein gewisser Karim, Kaderangestellter in der nahen Moschee Tawhid, klagte in der konservativen Zeitschrift «Le Figaro Magazine»: «Wir sind von Integristen umzingelt.» Diese «fous d’Allah» (Verrückte Allahs) störten sich daran, dass in der Basilika 300 Meter weiter auch Karl Martell liege, der im Jahr 732 den islamischen Vorstoss aus Spanien in der Schlacht von Tours und Poitiers gestoppt hatte.

In der Moschee ist kein Karim zu sprechen. Er hat sich mit seinen Aussagen in Saint-Denis wenig Freunde gemacht. Bürgermeister Paillard bestreitet, dass seine Stadt ein Salafistenpfuhl sei, wie Pariser Medien behaupten: «Die Hauptsorge unserer Einwohner ist nicht der Islamismus, sondern der Mangel an Lehrern und an Polizisten. Wir sind stolz, in dieser jungen, volkstümlichen und durchmischten Stadt zu leben.» Stolz, aber ausgesperrt vom Fussballfest: Die Einwohner von Saint-Denis werden die EM von der anderen Seite des Schutzzaunes als die angereisten Matchzuschauer verfolgen. Nur zur Sicherheit.

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