Tessiner Triumph
Lugano sagt im Cupfinal, wo es durchgeht – problemloser 4:1-Sieg gegen St. Gallen

Die Tessiner gewinnen erstmals seit 1993 den Schweizer Cup, gleich mit 4:1 und gegen ein St. Gallen, für das alles ein wenig zu viel ist.

Dominic Wirth, Bern
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Mijat Maric jubelt mit dem Pokal und Amir Saipi (r.) startet die Welle der Lugano-Fans.

Mijat Maric jubelt mit dem Pokal und Amir Saipi (r.) startet die Welle der Lugano-Fans.

Der Cupfinal zwischen St. Gallen und Lugano dauert eigentlich noch eine ganze Weile, da nimmt er schon diesen Charakter an, der so gar nicht zu seiner Be­deutung passt. Es läuft vielleicht die 80. Minute, da trägt er bereits die Züge einer Kehraus-Partie. Damit ist schon viel über ihn gesagt. Irgendwann in dieser Schlussphase läuft der Tessiner Stürmer Mohammed Amoura alleine aufs Tor. Er hat den St. Galler Goalie schon überwunden, um den Ball dann doch noch irgendwie zu verstolpern. Auf der Tessiner Bank finden sie das zum Lachen, längst stehen dort alle, sie haben die Arme umeinandergeschlungen, sich schwarze Leibchen übergezogen.

Die Tessiner Gelassenheit hat ihren Grund, 4:1 steht es bereits für sie. Das Resultat passt zu diesem Spiel, das so anders herauskommt, als das zu er­warten gewesen war. Mit Lugano und St. Gallen treffen im Berner Wankdorf zwei Teams aufein­ander, die zum breiten Mittelfeld des Schweizer Fussballs gehören. Sie liefern sich sonst meist enge, zähe Duelle. Doch an diesem Tag ist das anders. Da weiss ein Team ziemlich genau, was es vorhat. Und das andere mit jeder Minute weniger.

Ein guter Tag für den Schweizer Cup

Der Schweizer Cup hat in den letzten Jahren gelitten. Das lag an der Pandemie, die dafür sorgte, dass zweimal keine Zuschauer im Stadion sein durften. Schon vorher hatte er ein bisschen von seiner Bedeutung verloren, war weniger beachtet, vielleicht auch weniger ernst genommen worden als einst.

Der Sonntag wird ein guter Tag für den Wettbewerb. Im Wankdorf sitzen 28500 Menschen aus dem Tessin und St. Gallen, ausverkauftes Haus, und die Stimmung: Ziemlich lange ziemlich elektrisierend. Das beginnt schon weit vor dem Spiel, als Tausende Anhänger durch Bern ziehen, die einen, die Grün-Weissen, vom Hauptbahnhof aus zum Stadion. Die anderen, in schwarz-weiss, ­haben das gleiche Ziel, sie sind in Ostermundigen losgelaufen. Sprechgesänge schallen durch die Berner Strassen.

Im Stadion sind es dann die St. Galler, die auf den Rängen den Ton angeben. Doch das ­ändert sich im Verlauf des Spiels zusehends, weil es unten auf dem Platz genau anders herum läuft: Dort bestimmt der FC Lugano, wo es durchgeht.

Nur der Ausgleich passt nicht in den Tessiner Matchplan

Die Tessiner starten vehement, und sie bekommen schon früh, was sie ganz bestimmt weit oben in ihren Matchplan geschrieben haben: das Führungstor. Der Stürmer Zan Celar erzielt es in der vierten Minute nach einem Eckball. Ein paar Minuten später gleichen die St. Galler aus, wieder ein Standard, wieder ein Kopfball. 1:1 durch Matej Maglica. Es bleibt so ziemlich der einzige Moment, der nicht im Tessiner Drehbuch steht. Der Trainer, Mattia Croci-Torti, sagt nach dem Spiel, das seine Mannschaft gelitten habe nach dem Ausgleich.

Lange muss sie das aber nicht tun, vielleicht fünfzehn Minuten, und auch in diesen gilt, was eigentlich das ganze Spiel über der Fall ist: Der FC St. Gallen wird genau so gefährlich, wie das der FC Lugano zulässt. Die Tessiner verdichten das Spiel vor dem eigenen Strafraum so geschickt, dass der ­Gegner sich dort immer wieder verheddert. Und wenn sie dann die Chance zum Gegenschlag sehen, dann packen sie zu, ­stossen in die Räume, angeführt von Sandi Lovric, dem herausragenden Mittelfeldspieler, der die Bälle hierhin verteilt und dorthin. Etwa vor dem 4:1, jenem Tor von Maren Haile-Selassie, das dem Spiel früh jede Spannung nimmt.

Und die St. Galler? Sie rennen an, wie sie das immer tun, es fehlt ihnen nicht am Willen. Aber sie können auch nicht verbergen, dass dieser Tag gross ist für sie, wahrscheinlich zu gross. So viel grün-weiss in der Hauptstadt. So viel Hoffnung, endlich mal wieder einen Cup zu gewinnen, zum ersten Mal seit 1969. Und dann kassiert St. Gallen die Tore zwei und drei viel zu einfach, weil Maglica einmal grob patzt und einmal die ganze Abwehr schläft. Unglaublich bitter sei das alles, sagt Lukas Görtler, der Captain, der selbst nie ins Spiel findet.

Croci-Tortis Sieg gegen Zeidler

Am Ende, als längst das halbe Tessin auf dem Kunstrasen im Wankdorf feiert, stürmt eine Handvoll St. Galler Fans auf den Rasen. Es gibt jetzt einigen Frust bei den Ostschweizern, aber mit Matthias Hüppi auch einen ­Präsidenten, der sich mutig vor die vermummten Chaoten stellt und dem Treiben rasch ein Ende bereitet.

Mattia Croci-Torti, der Tessiner Trainer, kann nach dem Schlusspfiff die Tränen nicht zurückhalten. Es ist ein grosser Tag für den Mann aus Chiasso, der bis im August noch Co-Trainer war und dann befördert wurde. Der 40-Jährige teilt mit seinem St. Galler Gegenüber Peter ­Zeidler die Emotionalität. Taktisch hat er ihm in diesem Final einiges voraus. Croci-Torti sagt nach dem Spiel, er habe schon seit Wochen im Kopf gehabt, wie er im Cupfinal spielen werde. Und dass er um das Gewicht ­gewusst habe, das die junge St. Galler Mannschaft nach dem verlorenen Cupfinal vom Vorjahr mit in die Partie bringe. «Mental waren wir besser als St. Gallen», sagt er. Der junge Trainer Croci-Torti hat damit seinen ersten Titel gewonnen – und Lugano den vierten Cupsieg geholt, den ersten seit 1993.