Tina Mazes Stern strahlt immer glanzvoller

SKI ALPIN Tina Maze ist die Frau der Stunde im Ski-Weltcup. Eine Athletin, die Ecken und Kanten hat – aber derzeit abseits der Skipiste auch einen Wandel durchlebt.

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Tina Maze am 9. Dezember in St. Moritz ganz zuoberst. (Bild: Keystone)

Tina Maze am 9. Dezember in St. Moritz ganz zuoberst. (Bild: Keystone)

Dieser eine Schnappschuss war Tina Maze ein Verkehrschaos wert: Als die 29-Jährige aus Slowenien dieser Tage durch St. Anton fuhr und an einer Hauswand ein mehrere Meter grosses Werbeplakat mit ihrem Bild darauf entdeckte, stoppte sie mitten auf der Hauptstrasse das Auto, sprang heraus und zückte fürs Erinnerungsfoto ihr Smartphone.

490 Punkte Vorsprung im Weltcup

Es war eine Szene, die so schön zeigt, welchen Status Tina Maze mittlerweile erreicht hat. Dass sie im Januar 2013 nicht mehr nur eine ziemlich erfolgreiche Skirennfahrerin ist – sondern derzeit das Gesicht ihres Sports ist, mit dem sich gut werben lässt. Und eine Szene, die verdeutlicht, wie ungewohnt der aufgekommene Rummel für sie noch ist. «Es ist schön, dass ich so fahre, wie ich es zurzeit tue und dadurch so erfolgreich bin», sagt sie, «das ist aber alles noch ein bisschen neu für mich.»

Denn Tina Maze, der Riesenslalom-Weltmeisterin von 2011, der Gesamtweltcup-Zweiten des letzten Winters, gelangen schon in den vergangenen Jahren immer wieder bedeutende Erfolge. Doch mit welcher Dominanz sie in diesem Winter auftritt, ist eine neue Dimension. Seit dem vierten Platz gestern in der Abfahrt von St. Anton, wo sie sogar in ihrer schwächsten Disziplin einige Punkte auf ihre grössten Rivalinnen Maria Höfl-Riesch und Lindsey Vonn gutmachte, beträgt ihr Vorsprung im Gesamtweltcup ganze 490 Zähler. Ein Vorsprung, der ihr eigentlich nur noch im Falle einer Verletzung zu nehmen ist. «Ich habe mir für diese Saison zwei hohe Ziele gesetzt, den Gesamtweltcup und einen WM-Titel zu gewinnen», sagt Maze und fügt zurückhaltend hinzu: «Ich hoffe, ich kann beide erreichen.»

Zielstrebigkeit kratzt am Image

Es wäre für sie die Krönung einer jahrelangen akribischen Aufbauarbeit, bei der sie mitunter ziemlich egoistisch und ohne Rücksicht auf Verluste vorging. Bei der ihre extreme Zielstrebigkeit, eines Tages die weltbeste Skirennfahrerin zu sein, stets ihr Handeln bestimmte. So war das 2008, als sie sich vom slowenischen Verband löste und ein eigenes Team gründete, weil sie unter anderem vermutete, sich dadurch besser zu entwickeln. Und so war das in den vergangenen Jahren, als sie Personen in ihrem Team austauschte, weil diese aus ihrer Sicht nicht alles für ihren Erfolg gegeben hätten. «Wir haben ein paar Fehler in der Auswahl der Servicemänner gemacht, aber jetzt ist alles super», sagt Maze, «die letzten fünf Jahre, in denen wir das Team aufgebaut haben, waren harte Arbeit. Wir haben nur zu zweit angefangen. Aber wir haben an unseren Weg geglaubt und so das Team jedes Jahr verbessert. Nun sind wir auf dem Level, wo ich immer hinwollte.»

Ungewöhnliches Sommertraining

Und so benutzt Maze einen Superlativ nach dem nächsten, wenn sie ihr aktuelles Team beschreibt. Ihren italienischen Techniktrainer Livio Magoni, zum Beispiel. Oder ihren italienischen Servicemann Andrea Vianello, zuvor für die Engelbergerin Dominique Gisin und einst auch für Ski-Legende Alberto Tomba im Einsatz. Oder ihren italienischen Fitnesstrainer Andrea Massi, zugleich ihr Lebensgefährte. Eine heikle Konstellation – aber nicht für Maze. «Ich habe ihn kennen gelernt, als er beim slowenischen Verband mein Konditionstrainer war», sagt sie, «da das Konditionstraining für mich das Schlimmste am Sport ist, haben es meine Athletiktrainer nie leicht mit mir. Und wenn es Andrea da geschafft hat, mit mir auszukommen, wird er das in allen Bereichen.»
Die drei Italiener seien dabei nicht nur die besten in ihrem Bereich – sie haben Tina Maze auch nachhaltig verändert. So schickte Massi seine Freundin im Sommer zum Klippenspringen, damit sie lernt, sich besser zu überwinden. Speziell bei schlechter Sicht hatte sie früher damit Probleme – nun nicht mehr.

Italienischer Einfluss färbt auf sie ab

Vor allem aber hat das Trio Maze ein bisschen von ihrer Verbissenheit genommen. So ist die 29-Jährige heute zwar noch genauso zielstrebig wie einst, dafür aber abseits der Piste ein wenig entspannter und charmanter. «Durch den ständigen Umgang mit ihnen bin ich offener und entspannter geworden, sie geben mir positive Energie», sagt sie, «es ist hart, Menschen zu finden, denen du wirklich voll und ganz vertrauen kannst. Aber wenn du diese gefunden hast, bist du immer glücklich.»

Laut ihrer Mutter wirke sich der italienische Einfluss aber auch in einer anderen Beziehung positiv aus. «Meine Mutter meint, dass das auch ein bisschen an der Sprache liege, die dich lebendiger macht», erzählt sie, «meine Mutter versteht zwar kein Wort Italienisch. Aber sie meint, dass ich sympathischer wirke, wenn ich mich mit jemandem auf Italienisch unterhalte.»

Bald Musikclip mit Maze am Klavier

Und so gibt Tina Maze inzwischen, nicht nur wenn sie Italienisch spricht, ein charmanteres Bild als früher von sich ab. Zumal sie, die einst in ärmlichen Verhältnissen nahe der österreichischen Grenze aufwuchs, bei allem Erfolg nun nicht die Bodenhaftung zu verlieren scheint. Sie weiss genau, wem sie viel zu verdanken hat – und zeigt das auch. Sei es, wenn sie ihre Teammitglieder über den Klee lobt, oder wenn sie ein-, zweimal pro Jahr im Werk ihres Ski-Herstellers Stöckli in Malters vorbeischaut und sich persönlich bei denen bedankt, die ihre Ski bauen.

Wie entspannt Tina Maze inzwischen abseits der Skipiste sein kann, zeigte sich, als sie im Sommer ein Musikvideo drehte und den Song «My Way Is My Decision» sang. Im nächsten Sommer will sie einen weiteren Song aufnehmen, den sie dann auf dem Klavier selbst begleitet. Doch dazu fehle ihr momentan die Zeit. Tina Maze: «Jetzt ist es Zeit, die Musik mit den Ski zu machen.»

Stefan Klinger, St. Anton