TISCHTENNIS: Er reist weit, um seinen Traum zu leben

Der Baarer Philip Merz (21) glaubt an seine Profikarriere. Seinen Alltag bestreitet er deshalb in Wien. In die Schweiz kommt er dennoch regelmässig.

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Philip Merz (hier in seiner Heimhalle in Baar) pendelt zwischen Wien und Luzern. (Bild Werner Schelbert)

Philip Merz (hier in seiner Heimhalle in Baar) pendelt zwischen Wien und Luzern. (Bild Werner Schelbert)

Michael wyss

Philip Merz trainiert seit 2012 mit den weltbesten Tischtennisspielern an der berühmten Werner Schlager Academy in Wien: «Hier kann ich mich voll und ganz dem Tischtennis widmen und werde rund um die Uhr professionell betreut. Mein sportliches Ziel ist es, bis 2020 in der Weltrangliste unter die Top-200 bis 300 zu kommen», erklärt der 21-Jährige. Der Baarer mit Heimatort Oberägeri lebt an rund 300 Tagen in Wien als Profisportler. Er kommt nur für die Meisterschaftsspiele in die Schweiz zurück: Beim Tischtennisclub Rapid Luzern spielte er in der NLA. Mit der Mannschaft kämpft er bis Anfang April noch in der Qualifikation (siehe Box).

Wovon lebt Merz eigentlich? Tischtennis ist ja eine Randsportart und steht deutlich im Schatten populärer Sportarten wie Fussball oder Eishockey. Geld lässt sich mit diesem Sport ja nicht verdienen. Der Angesprochene erklärt: «Ich habe einige Sponsoren, arbeite auch Teilzeit in Wien in einem Laden mit Schweizer Produkten. So kann ich gut leben. Auch greifen mir meine Eltern unter die Arme, wenn es mal knapp bei Kasse werden sollte.» Merz, der diplomierter Kaufmann ist, hat sich als nächsten Schritt im beruflichen Umfeld die Berufsmatura (BM) zum nächsten Ziel gesetzt. In diesen Tagen sollte er Bescheid erhalten, ob das Vorhaben klappt. «Die BM könnte ich in Wien in einem Vollzeitstudium während eines Jahres machen. Dann wäre ich auf dem Papier nur noch Halbprofi, trainiere aber weiterhin zwei Mal täglich», erklärt er.

Nicht mehr so getrieben

Noch wisse er nicht, was er beruflich eines Tages machen will. Doch Tischtennis geniesst, egal, welche Richtung er einschlagen wird, weiterhin einen hohen Stellenwert in seinem Leben: «Früher war ich verbissener, wenn es um Tischtennis ging. Es drehte sich praktisch alles um diese Sportart. Heute bin ich etwas ruhiger und gelassener geworden, sehe noch andere Dinge im Leben, die Wichtigkeit geniessen. Was aber nicht heisst, dass ich nicht ehrgeizig genug bin, meine Ziele zu verfolgen», stellt er klar.

Die neue Gelassenheit, die sich auch in der fast zweijährigen Beziehung zu der Wienerin Barbara (21) ausdrückt, hat auch mit einer Verletzung zu tun. «Im Oktober 2013 erlitt ich einen Meniskusriss mit Knorpelschaden. Der hat mich komplett aus der Bahn geworfen, sprich meine Ziele vorerst abrupt beendet», so Merz nachdenklich. Seine Träume waren geplatzt: Einerseits eine mögliche Teilnahme an der Sommerolympiade in Rio de Janeiro im kommenden August, andererseits der Vorstoss unter die Top 200 im Weltranking. Was folgte, waren Physiotherapie und Krafttraining. «Das war eine happige Zeit, doch ich konnte mich wieder zurückkämpfen und stand nach vier Monaten bereits wieder am Tisch, um an der Schweizer Meisterschaft teilzunehmen», sagt er stolz. Doch Merz wurde immer wieder von Verletzungen heimgesucht (Kniebeschwerden). Die verletzungsbedingte freie Zeit nützte er, um die Lehre zum Kaufmann in Wien zu absolvieren. Die Lehre schloss Merz im vergangenen Dezember mit den Abschlussprüfungen an der Wirtschaftskammer Österreich ab.

Vorbild für den Bruder

Merz sagt über sich selbst: «Ich bin ein ehrgeiziger Typ, ein Kämpfer. Mein Ziel ist es, wieder in die Nationalmannschaft zurückzukehren, wo ich bis zu meiner Meniskusverletzung war. Die Top 300 habe ich mir noch zum Ziel gesetzt, das ist ein langer Weg, aber ein Ziel, welches ich verfolgen will. Ich habe an früheren Turnieren Profis und Olympiateilnehmer besiegt, was mir Zuversicht gibt.» Rund 20 Stunden in der Woche trainiert Merz, der beim Tischtennisclub Baar (TTC Baar) die Freude zu seiner ganz grossen Leidenschaft entdeckte. Ein «Schulgspändli» aus dem Quartier, habe ihn einmal zu einem Schnuppertraining mitgenommen. «Tischtennis hat mich gleich gepackt und fasziniert. Bis heute hat es mich nicht mehr losgelassen», sagt der 21-Jährige. Was folgte, war der Besuch der Sportschule in Kriens, bevor er sein Abenteuer in Wien antrat. Nacheifern tut ihm mittlerweile auch sein Bruder Stefan (19), der im TTC Baar spielt und einmal in der Woche trainiert. Vater Markus ist Mitglied der Schützengesellschaft der Stadt Baar.

Ein berühmtes Idol

Seine grössten Erfolge feierte Merz mit dem Basler Lionel Weber als Schweizer Meister im Doppel (2011/2012) und mit dem Mixed-Vizemeistertitel mit Laura Schärer (2013/2014), beide Male in Muttenz. Ein unvergesslicher Moment seien auch die beiden Trainingslager im Sommer 2012 und 2014 in Asien gewesen. Mit einer Delegation des TTC Rapid Luzern reiste Merz nach China. «Ich war während jeweils drei Wochen in Peking und in Shanghai in einem Trainingscamp. Dort wird Tischtennis wirklich gelebt. Das ist eine andere Welt. Das war eine tolle Erfahrung für mich», schildert er. Auch die Teilnahmen an den Jugend-Europameisterschaften in der Türkei (2010) und Russland (2011) seien Momente, die ihn auch heute noch begleiten würden. Gleiches gelte auch für die Jeux de la Francophonie im 2013 in Nizza. Das ist die Olympiade für Sportler französischsprachiger Länder.»

Welchen Sportler hat er zum Vorbild? «Roger Federer ist ein grosses Vorbild für mich. Er blieb stets bescheiden und auf dem Boden der Realität, hat trotz seiner Erfolge nie Starallüren gezeigt. Und er zeigt immer noch Leistungen auf Topniveau, das verblüfft mich immer wieder», sagt er bewundernd.