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Kommentar

Tom Lüthi ist zu intelligent und zu talentiert für den WM-Titel

Eigentlich müsste Tom Lüthi (32) Weltmeister werden. Alle Faktoren sprechen für ihn: seine Routine (keiner der Titelanwärter hat auch nur annähernd so viel Erfahrung), sein stabiles persönliches und renntechnisches Umfeld. Und doch ist der Traum bereits zerstoben.
Klaus Zaugg/watson.ch
Klaus Zaugg.

Klaus Zaugg.

In drei Rennen ist aus einer Führung von 8 Punkten ein Rückstand von 43 Punkten auf WM-Leader Alex Marquez geworden. Tom Lüthi kann nach dem 6. Platz beim GP von Österreich (Resultate unten) aus eigener Kraft nicht mehr Weltmeister werden.

Was ist schiefgelaufen? Warum ist der Berner zum dritten Mal nach 2016 und 2017 nicht dazu in der Lage, die zweitwichtigste Töff-WM zu gewinnen? Drei Faktoren bringen ihn auch 2019 um die Krone.

Erstens: er ist der Belastung nicht gewachsen. Er pflegt zu sagen, er wisse heute noch nicht, wie er 2005 Weltmeister (125 ccm) werden konnte. Es sei einfach passiert. In dieser Aussage steckt tiefe Wahrheit: Er fuhr einfach drauflos, und bevor es ihm bewusst werden konnte, um was es eigentlich ging, war er Weltmeister. Vor der Saison hatte niemand auch nur von diesem Triumph geträumt. Nun ist es anders. Der Titel war 2016 und 2017 das Ziel und ist es richtigerweise auch 2019. Aber an diesem Erwartungsdruck ist Tom Lüthi zerbrochen. So erfahren er sein mag – der sensible Rennfahrer hat auch diese Saison trotz aller Erfahrung nicht die Gelassenheit, um dann, wenn es nicht läuft, kühlen Kopf zu bewahren. Er hätte nur eine Chance gehabt, wenn er keinen Nuller geschrieben hätte. Der zweite Nuller vor einer Woche in Brünn war der Anfang vom Ende der WM-Träume. Mit ziemlicher Sicherheit wird er in der Schlussphase der WM, wenn alles definitiv gelaufen ist, noch ein oder zwei Rennen gewinnen.

Hat in den letzten drei Rennen die WM-Führung verspielt: Tom Lüthi.Bild: Vincent Guignet/Freshfocus (Brünn, 4. August 2019)

Hat in den letzten drei Rennen die WM-Führung verspielt: Tom Lüthi.Bild: Vincent Guignet/Freshfocus (Brünn, 4. August 2019)

Zweitens: die neue Generation. Mit 32 Jahren ist Tom Lüthi zwar noch nicht zu alt, um vorne zu fahren. Aber er tritt inzwischen gegen eine Generation an, die rücksichtloser zur Sache geht und alles riskiert, um durch spektakuläre Resultate so schnell wie möglich in die Königsklasse MotoGP aufzusteigen. Dafür ist der WM-Titel nicht unbedingt erforderlich. Wer beweist, dass er einzelne Rennen gewinnen kann, hat gute Aufstiegschancen. Brad Binder ist in der WM chancenlos und noch weit hinter Tom Lüthi klassiert. Aber er ist neun Jahre jünger und hat sich als Siegfahrer profiliert und gestern gewonnen. Er fährt nächste Saison in der MotoGP-Klasse. Diese wilde Konkurrenz, die für den Sieg an einem Tag fährt, als gäbe es kein Morgen, bringt Lüthi, der den Gesamtsieg im Kopf hat, immer wieder aus dem Konzept.

Drittens: Tom Lüthi ist für diesen verrückten Sport ein bisschen zu vernünftig, zu intelligent und zu talentiert. Er kann auf eine grandiose Karriere zurückblicken, die oft nicht gewürdigt wird. Wenn er mehr riskiert, wenn er öfters eine nicht optimale Abstimmung ignoriert hätte, wenn er rücksichtsloser zur Sache gegangen wäre, dann hätte er wahrscheinlich einen zweiten WM-Titel geholt. Aber dann wäre er womöglich heute nicht mehr im Fahrerlager. Er hat zwar Titel verspielt, weil er im falschen Moment die Coolness verloren und zu viel riskiert hat (wie vor einer Woche in Brünn) – aber in der Regel spürt der hochtalentierte Stilist ein nicht optimal abgestimmtes Bike wie die Prinzessin, die auf den Erbsen liegt, und er ist klug genug, nicht über die Limiten hinauszugehen. Das hat diese ungewöhnlich lange, grosse Karriere möglich gemacht, das hat ihn aber um einen oder zwei WM-Titel gebracht. Und nächste Saison wird es nicht einfacher: Alex Marquez bleibt 2020 noch ein weiteres Jahr in der Moto2-WM, ehe er in die Königsklasse aufsteigt.

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