Tour de Suisse im Wohnzimmer – mit vielen Stars

Mit «The Digital Swiss 5» steht das erste virtuelle Strassenrennen an. Das Teilnehmerfeld ist hochkarätig.

Raphael Gutzwiller
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Für Michael Albasini könnte die virtuelle Tour de Suisse das letzte Rennen überhaupt sein.

Für Michael Albasini könnte die virtuelle Tour de Suisse das letzte Rennen überhaupt sein.

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Die Tour de Suisse steht für Tradition. Seit dem Zweiten Weltkrieg fand sie in jedem Jahr statt. Wegen der Coronakrise fällt sie 2020 aus. Nun gibt es aber einen modernen Ersatz: «The Digital Swiss 5».

Anders als bei anderen E-Sportarten steht die sportliche Leistung nach wie vor im Vordergrund. Die Veloprofis sind durch smarte Rollentrainer verbunden. Dank der tschechischen App «Rouvy AR» ist es möglich, virtuell echte Strecken nachzufahren. In Echtzeit kämpfen die Fahrer an der virtuellen Tour de Suisse auf fünf realen Strecken (siehe Box).

Schurter und Küng stehen am virtuellen Start

Das Feld ist hochkarätig besetzt. Viele Schweizer Topfahrer treten in zwei Rennen an: einmal mit ihrem üblichen Rennteam und einmal mit dem Schweizer Nationalteam. Jede Equipe stellt pro Tag und Rennen drei Athleten. An den virtuellen Start gehen etwa Stefan Küng, Stefan Bissegger, Michael Albasini, Mathias Frank oder der Mountainbiker Nino Schurter. Daneben sind viele internationale Stars im Feld wie Remco Evenepoel (20, Be), Mads Pedersen (24, Dä), Vincenzo Nibali (35, It), Victor Campenaerts (28, Be) oder Primoz Roglic (30, Sln).

Der Schweizer Nationaltrainer Marcello Albasini erklärt in einer virtuellen Medienkonferenz, dass sich die Rennen zu realen stark unterscheiden:

«Unsere Fahrer müssen zwar gute Leistungen erbringen, aber einiges wird fehlen.»
So sieht die virtuelle Fahrt aus.

So sieht die virtuelle Fahrt aus.

Laurent Gillieron / KEYSTONE

Weil die Fahrer nicht lenken oder bremsen müssen, fehle der technische Aspekt komplett.

Insofern erstaunt es, dass mit Schurter ein Mountainbiker antritt. Er sieht die Rennen in erster Linie als Training. «Für mich ist es eine intensive Einheit, die ich wie ein Training behandle. Aber natürlich freue ich mich, wieder einmal ein bisschen Renngefühl zu haben», sagt Schurter. Zu seinen Chancen, vorne mitzufahren, meint er:

«Es ist eine maximale Leistung über eine Stunde gefragt. Als Mountainbiker sind wir eine konstant grosse Leistung weniger gewohnt, bei uns gibt es viele intensive Phasen.»
Eigentlich ist dies das Gelände von Nino Schurter.

Eigentlich ist dies das Gelände von Nino Schurter.

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE (Lenzerheide, 11. August 2019)

Dennoch glaubt er, dass auch er als Mountainbiker durchaus mithalten kann bei dem physischen Rennen auf dem Hometrainer. «Mathieu van der Poel ist mein Hauptkonkurrent auf dem Mountainbike und kann auch auf der Strasse mithalten. Das wird bei mir nicht anders sein.»

Für Routinier Michael Albasini könnte die virtuelle Tour de Suisse der letzte grosse Auftritt sein, seine Zukunft ist noch offen. «Ich hoffe aber, dass ich auch noch real an den Start gehen kann.»

Der beste Schweizer Strassenradfahrer ist derzeit Stefan Küng, der 2019 an der Radweltmeisterschaft Bronze gewonnen hat. Er startet beim zweiten Rennen von Frauenfeld nach Frauenfeld. Auf die Frage, was ihm der Gewinn des Rennens bedeuten würde, meint er: «Es würde mir nicht enorm viel bedeuten. Das virtuelle Rennen wird nicht vergleichbar sein, die Emotionen sind andere als bei einem Etappensieg an der echten Tour de Suisse. Aber klar: Ich bin motiviert und werde Vollgas geben. Das Rennen wird hart.»

Robin Froidevaux misst sich virtuell mit der Konkurrenz.

Robin Froidevaux misst sich virtuell mit der Konkurrenz.

Laurent Gillieron / KEYSTONE

In diesem Punkt sind sich alle Radprofis einig: Das Rennen in der eigenen Stube wird mindestens so brutal wie ein echtes. «Es ist anstrengender, dieses Tempo zu Hause zu fahren», sagt Mathias Frank. «Immerhin habe ich meine drei Kinder, die mich anfeuern können.» Grosse Unterschiede dürfte es für die Athleten betreffend den klimatischen Voraussetzungen geben. Der Wind fällt weg. Einige haben klimatisierte Wohnungen, andere werden es wärmer haben. Besonders clever vorbereitet hat sich Stefan Küng, der sich im kühlen Veloraum eingerichtet hat und nicht nur einen Ventilator, sondern gleich zwei aufgestellt hat.

Wie taktisch das Rennen ohne Windschatten sein wird, sind sich die Fahrer mangels Erfahrungswerten nicht ganz einig. «Es wird wie ein Zeitfahren», glaubt Claudio Imhof. Stefan Küng sagt: «In einem Zeitfahren fährt man sein Tempo. Aber wenn hier jemand davon zieht, will man mithalten.»

Die fünf Rennstrecken

Ab Mittwoch findet bis am Sonntag ein Rennen statt, das rund eine Stunde dauern wird. Hier die Übersicht der Strecken:

Rennen 1: Agarn–Leukerbad (26,6 km, 1192 Höhenmeter)

Rennen 2: Frauenfeld–Frauenfeld (46 km, 180 Hm)

Rennen 3: Fiesch–Nufenenpass (33,1 km, 1512 Hm)

Rennen 4: Oberlangenegg–Langnau im Emmental (36,8 km, 444 Hm)

Rennen 5: Camperio–Disentis-Sedrun (36 km, 950 Hm).

Die Rennen werden vom Mittwoch bis Sonntag jeweils ab 17 Uhr live auf SRF 2 übertragen.