Triumph der Zwerge: Vor 10 Jahren überrascht die Schweizer U17-Nati die Fussballwelt und wird Weltmeister

 Vor zehn Jahren hat sich das Schweizer U17-Nationalteam völlig überraschend den Weltmeistertitel gesichert. Der damalige Volontär, Sébastian Lavoyer, begleitete die Mannschaft in Nigeria. Heute erinnert er sich zurück.

Sébastian Lavoyer
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Torschütze Haris Seferovic (links) küsst den WM-Pokal. Bild: Jamie McDonald/Getty (Abuja, 15. November 2019)

Torschütze Haris Seferovic (links) küsst den WM-Pokal. Bild: Jamie McDonald/Getty (Abuja, 15. November 2019)

Als die Schweizer U17-Nationalmannschaft im November 2009 Italien nach dramatischer Schlussphase und einem von Benjamin Siegrist gehaltenen Penalty mit 2:1 bezwingt, steht sie im Halbfinal der U17-WM in Nigeria – bei der ersten und bisher einzigen WM-Qualifikation auf dieser Stufe. Eine Sensation.

Zwei Tage später sitze ich, der Volontär-Journalist, im Flieger Richtung Lagos neben SFV-Nachwuchschef Hansruedi Hasler und seinem designierten Nachfolger Peter Knäbel, notdürftig geimpft.

Auf Empfehlung suche ich zur Information über Land und Leute nach Texten von David Signer, der sei ein Fachmann. Der erste Artikel zu Nigeria, den die Suche auf der Schweizerischen Mediendatenbank ausspuckt, trägt den Titel: «Lagos, die gefährlichste Stadt der Welt».

Herzlich willkommen in Nigeria! Das Gute an diesem Fifa-Ding: Wenn du mit zwei Offiziellen des Schweizerischen Fussballverbandes unterwegs bist, läufst du an den Schlangen vor den Passkontrollen vorbei, legst deinen Ausweis hin, und alles ist gut. Draussen wartet der Fifa-Bus, der dich durch die Gegend chauffiert. Hütten mit Wellblechdächern, Fässer davor, Kabelwirrwarr über der Kreuzung, Schmutz, Lärm, Autogehupe. Du denkst: Slums. Der NZZ-Kollege, der mehrere Jahre in Nigeria gelebt hat, belehrt dich später, es sei ein mittelständisches Quartier.

Von Fifa-Fixstern zu Fifa-Fixstern

Der Bus ist unser Raumschiff, das uns von Fifa-Fixstern zu Fifa-Fixstern fliegt. Durch eine faszinierend fremde Welt. Eskortiert von der Polizei, bahnen wir uns einen Weg durch dieses Gewusel auf der Strasse. Aus zwei Spuren werden fünf, irgendwo dazwischen Motorräder. Für die 10 Kilometer vom Hotel Eko, wo auch das U17-Nationalteam und sein Trainer Dany Ryser nächtigen, ins Teslim-Balogun-Stadion brauchen wir eine Stunde. Ben Khalifa und Co. fertigen Kolumbien im Halbfinal mit 4:0 ab, also zurück ins Hotel und weiter nach Abuja zum Final – dachte ich. Unser Fahrer sieht es anders. Verängstigt meint er: «Da draussen stehen doppelt so viele Menschen wie hier im Stadion sitzen. Wir haben keine Chance, da kommen wir nicht durch.»

Baumeister des grossen Erfolges: U17-Nationaltrainer Dani Ryser. (Bild: Keystone)

Baumeister des grossen Erfolges: U17-Nationaltrainer Dani Ryser. (Bild: Keystone)

Verschwitzte Gesichter, schmerzverzerrt, mit geschlossenen Augen, halb bewusstlos – ein mörderisches Gedränge da draussen, bis plötzlich eines der Gittertore einbricht. Zu Hunderten, nein zu Tausenden strömen fanatische Nigeria-Anhänger aufs Stadion zu. Vor den Aufgängen stehen Security-Guards mit Kalaschnikows zwischen den Beinen. Da sind wir, eine Handvoll Schweizer Journalisten, die vor Ort sind, längst auf dem Weg zurück in den mutmasslich sicheren Pressebereich – Sie wissen schon, diese Parallelwelt. Wir gehen hoch auf die Pressetribüne. 24000 Menschen fasst das Balogun, das Ausweichstadion. 50000 sollen vor den Toren gestanden haben. Die Golden Eagles spielten ihren Halbfinal gegen Spanien, alle wollten hin.

Menschen, die über Balkone fielen

Wie viele tatsächlich drin waren, während ihre Golden Eagles den Finaleinzug eintüteten, wurde nie endgültig geklärt. 30000 schätzten wir damals, ganz sicher waren es viel zu viele. Sie standen Kopf an Kopf, dicht gedrängt. Wir sahen Menschen über Balkone hinunterfallen.

Als ein nigerianischer Journalist bei der Pressekonferenz vor dem Final in Abuja Fifa-Präsident Sepp Blatter darauf anspricht, dass er von mehreren Leuten wisse, die nicht aus dem Spital zurückgekehrt seien, meint Blatter lapidar: «Finger kreuzen, es ist nichts passiert.»

Abuja, der grosse Final in der Hauptstadt. Die Reise dorthin ein Abenteuer. Eigentlich dauert der Flug bloss etwas mehr als eine Stunde. Aber irgendwann hören wir den Piloten sagen: «Ein Tropensturm über der Hauptstadt verhindert eine Landung, und wir haben nicht genug Kerosin, um so lange herumzukreisen, bis er vorbei ist. Wir suchen eine Lösung.»

Pascal Weber, heute für das Schweizer Fernsehen in Kriegsgebieten wie Syrien unterwegs, sitzt damals auch im Flugzeug. Er ist sich sicher: Das überstehen wir nicht. Aber irgendwann landen wir in Kano, rund 40 Flugminuten nördlich von Abuja, dem eigentlichen Zielort. Wie rund ein Dutzend andere Flugzeuge, die ebenfalls Kerosin nachtanken und abwarten – darunter auch jenes der U17-Nati. Als wir in Abuja ankommen, ist es längst dunkel. Wir sind hundemüde, als wir endlich ein Hotel finden, das unsere Kreditkarten akzeptiert. Das Sheraton, ein Luxushaus, 500 Dollar die Nacht.

Zur Schweizer Hymne verstummen die Tröten

Am Sonntag, 15. November, sitzen wir dann im Moshood-Abiola-National-Stadium. Mehr als 60000 Nigerianer und ein paar Dutzend Schweizer. Als die Nationalhymne der Gäste aus der Schweiz erklingt, verstummen die Tröten. Einzig das Summen der Heuschrecken ist zu hören. Wenig später erheben diese 60000 geschlossen die Stimme, brüllen ihre Hymne in den Nachthimmel. Ein Gänsehaut-Moment. Den Schweizer Spielern auf dem Platz muss das Blut in den Adern gefrieren. ­Diese Geschlossenheit, diese Wucht.

Und dann gewinnt die Schweiz dank eines Tores des Surseers Haris Seferovic gegen den grossen Favoriten Nigeria. Auch 2009 mit mehr als einem Spieler im Kader, der dem U17-Alter längst entwachsen ist. In einem Land, in dem alles anders funktioniert, wenn es überhaupt funktioniert. Wo man nach dem Achtelfinal froh war, von den bezwungenen Deutschen um Mario Götze Zwieback und Pasta zu bekommen, weil das vom Hotel versprochene Essen entweder nicht kam oder ungeniessbar war.

Verteidiger Janick Kamber, heute Profi bei Xamax, präsentiert an einer Medienkonferenz das Schweizer Trikot, das von einem «Weltmeisterstern» geziert wird. (Bild: Keystone)

Verteidiger Janick Kamber, heute Profi bei Xamax, präsentiert an einer Medienkonferenz das Schweizer Trikot, das von einem «Weltmeisterstern» geziert wird. (Bild: Keystone)

Dass die Schweiz unter diesen Umständen Weltmeister wurde, unterstreicht nicht nur die fussballerische Qualität dieses Jahrgangs, sondern auch seine mentale Stärke. Sie sind über sich hinausgewachsen. Aus Fussball-Zwergen wurden Riesen, Giganten, Helden. Es ist ein Erfolg für die Ewigkeit.