TURNEN: Eine seltene Spezies

Am kommenden Wochenende finden die Schweizer Kunstturnmeisterschaften statt. Weil es im Kanton Zug seit einigen Jahren keine Riege mehr gibt, frönen einige Mädchen diesem entbehrungsreichen Sport auswärts. Ein Besuch im Trainingsexil.

Raphael Biermayr
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Samantha Botchway, Jada Hamilton, Mia Christensen, Linda Hegner und Sara Kissling (von links) posieren in ihrem zweiten Zuhause, der Turnhalle Merlischachen, auf dem Schwebebalken.

Samantha Botchway, Jada Hamilton, Mia Christensen, Linda Hegner und Sara Kissling (von links) posieren in ihrem zweiten Zuhause, der Turnhalle Merlischachen, auf dem Schwebebalken.

Raphael Biermayr

raphael.biermayr@zugerzeitung.ch

Da sind sie: vier Mädchen, die zur raren Spezies von Kunstturnerinnen aus dem Kanton Zug gehören. Mia Christensen (10) aus Walchwil, Jada Hamilton (8) und Linda Hegner (8) aus Zug sowie Sara Kissling (8) aus Cham. Sie trainieren – wie ihre Kollegin Samantha Botchway aus Ebertswil oberhalb von Sihlbrugg – in Merlischachen beim Damenturnverein Küssnacht. Einerseits, weil es in Zug seit längerem keine Riege mehr gibt, andererseits, weil der Ort vom Abendverkehr her besser gelegen ist als Luzern. Auf Nachfrage beherbergt der BTV Luzern gegenwärtig eine Turnerin aus dem Kanton Zug, deren drei sind im Schnuppertraining.

Überhaupt ist Zug in Merlischachen stark vertreten, denn auch die Cheftrainerin Anita Sidler (50), die heute in Immensee wohnt, stammt aus dem Kanton. Die einstige Kunstturnerin war 15 Jahre lang für die Geräteturnerinnen in Rotkreuz zuständig, ehe sie nach längerer Pause dank ihrer Tochter Céline (16) wieder in die Halle fand.

Ein fordernder Sport für alle

Kunstturnen ist entbehrungsreich, nicht nur auf Spitzenniveau. Der Sport verlangt Kindern wie Eltern vieles ab. Neben den vielen Trainingsstunden sind da die Wettkämpfe, die früh am Morgen möglicherweise weit weg von Zuhause beginnen und für einen Verein das ganze Wochenende in Anspruch nehmen können. Ferien gibt es so gut wie keine, in Merlischachen wird das Training nur während zweier Wochen im Sommer für alle eingestellt.

Céline Sidler liegt in dieser Saison im Programm 6 (ab 15 Jahren) auf Platz 7 der Schweizer Selektionsliste. Die besten acht Turnerinnen der Schweizer Meisterschaft dürfen sich mit den Angehörigen des Nationalkaders messen. Sidler, 2015 Schweizer Amateurmeisterin, trat im vergangenen Jahr im Balkenfinale gegen Giulia Steingruber und Co. an und wurde Sechste. Das ist ein Riesenerfolg für eine Turnerin, die nicht einem der sechs regionalen Leistungszentren (RLZ) angehört. Diese fördern die Besten, um die Allerbesten schliesslich ans nationale Verbandszentrum nach Magglingen zu bringen. Céline Sidler ist ein Vorbild für die jüngeren Vereinskameradinnen. Sie hätte die Möglichkeit, an ein RLZ zu wechseln, was die Voraussetzung für eine Aufnahme in Magglingen ist. Doch ausgerechnet ihre Mutter ist dagegen. Ein Grund dafür liege in der Entfernung: Die nächstgelegenen für Mädchen liegen in Rüti ZH und Niederlenz AG, «fünfmal in der Woche hin- und herfahren liegt einfach nicht drin», sagt die arbeitstätige Trainerin. Das gilt auch für viele andere Eltern.

Ein anderer Grund ist der Stolz der Küssnachterinnen, im Schatten der Leistungszentren und grossen Riegen zu agieren und trotzdem konkurrenzfähig zu sein. Die 7,5 Stunden Training pro Woche für ältere Turnerinnen sind weniger, als die meisten Konkurrentinnen aufwenden. «Aber sie sind intensiv», bemerkt Anita Sidler. Das zahlt sich auch bei den Jüngeren aus: Die Zugerin Jada Hamilton hat sich in der Kategorie P1 (bis 9 Jahre) für die Schweizer Meisterschaft am Samstag in Utzenstorf BE qualifiziert.

Kunstturnen kann ein gefährlicher Sport sein, wenn man nicht stets konzentriert bei der Sache ist. Carole Mayor, die in Merlischachen als Betreuerin hilft, hatte zu Beginn Bedenken, als sie ihre Tochter durch die Luft wirbeln sah und fremde Kinder nach Übungen auffangen sollte. «Mit der Zeit merkt man, dass das genau das Richtige ist für die Mädchen und ihren Bewegungsdrang», erklärt sie.

Die grösste Herausforderung betrifft – wie auch in anderen Sportarten – die Pubertät: Wenn andere Themen in den Vordergrund rücken, kann das Training zur unerträglichen Überwindung werden. Wer sich dennoch durchbeisst, «kommt leichter durch die Pubertät», hat Anita Sidler festgestellt, denn «Alkohol und Rauchen spielen keine Rolle, wenn man Leistungssport macht».

Hinweis

Mädchen der Jahrgänge 2011 und 2012 können im Juni freitags Schnuppertrainings in der Turnhalle Merlischachen besuchen. Weitere Informationen dazu unter: www.kutu-kuessnacht.ch

Die Turnerinnen der Kunstturnriege Küssnacht. Zu ihnen zählen auch Turnerinnen aus dem Kanton Zug. (Bild: Werner Schelbert / ZZ (Merlischachen, 24. Mai 2017))

Die Turnerinnen der Kunstturnriege Küssnacht. Zu ihnen zählen auch Turnerinnen aus dem Kanton Zug. (Bild: Werner Schelbert / ZZ (Merlischachen, 24. Mai 2017))