Turnverband
Ein letztes Köpferollen im Turnverband: Kunstturn-Nationaltrainer Martin muss für einen Neuanfang gehen

Steingruber-Trainer Fabien Martin und sein Team müssen gehen. Es sind die hoffentlich letzten Züge der Skandale.

Raphael Gutzwiller
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Fabien Martin muss gehen.

Fabien Martin muss gehen.

Salvatore Di Nolfi / KEYSTONE

Das Erdbeben ist abgeklungen. Doch es ist ein leichtes Nachbeben, das den Schweizerischen Turnverband an diesem Mittwoch nochmals durchschüttelt. Fabien Martin, der Nationaltrainer der Kunstturnerinnen, muss seinen Platz räumen. Mit ihm gehen auch die Assistenten, Martins Ehefrau Natalia und Bruder Jérôme. Die Kündigung wurde regulär auf Ende November ausgesprochen, auf eigenen Wunsch geht das Trainerteam aber per sofort.

Das Erdbeben erfolgte Ende Oktober 2020. In den «Magglingen Protokollen» berichteten Turnierinnen vom Leid, das ihnen im Leistungssportzentrum angetan wurde. Der Turnverband war zum Handeln gezwungen – und er tat dies auch. Die Verbandsspitze wurde ausgetauscht.

Die Direktorin heisst nun Béatrice Wertli, der Leistungssportchef David Huser und der Präsident des Zentralvorstands Fabio Corti. Diese drei Verantwortlichen sitzen am Mittwoch Vormittag in einem Saal des Kultur- und Kongresszentrum in Aarau, die Mienen sind ernst. «Wir können die Vergangenheit nicht ungeschehen machen», sagt Wertli. «Aber wir können daraus lernen für eine bessere Zukunft.»

Mobbing, Beleidigungen und Angstkultur

In dieser Zukunft hat Martin keinen Platz mehr, weil sich die harte Kritik in den Magglingen-Protokollen zum Grossteil bestätigt hat. Zu diesem Schluss kommt die Ethikkommission, die vom STV nach den Skandalen eingesetzt worden war. Es sei demnach zu verschiedenen Verstössen der Ethik-Charta von Swiss Olympic gekommen. Die beiden ehemaligen Kunstturnerinnen Lynn Genhart und Fabienne Studer hatten Martin hart kritisiert. Es ging um Beleidigungen, um Mobbing, um eine Angstkultur. «Er hatte verschiedene Strategien, uns fertig zu machen», sagt Genhart.

Die ehemalige Kunstturnerin Lynn Genhart sagt: «Martin hatte verschiedene Strategien, uns fertig zu machen.»

Die ehemalige Kunstturnerin Lynn Genhart sagt: «Martin hatte verschiedene Strategien, uns fertig zu machen.»

Peter Klaunzer / KEYSTONE

Diese Aussagen erachtet Daniel Mägerle, Präsident der Ethikkommission, als glaubwürdig. «Die Athletinnen wurden zu wenig unterstützt, ihre psychische und physische Integrität wurde verletzt, das Selbstwertgefühl geschwächt.» Als «besorgniserregend» bewertete die Kommission die «mangelnde» Kritikfähigkeit von Martin und seiner Ehefrau Natalia.

Daneben gab es auch sportliche Gründe, die für eine Trennung mit dem französischen Trainer sprachen. Der langjährige Assistent hatte 2017 den Chefposten angetreten. Seine Bilanz ist durchzogen, auch wenn er mit Giulia Steingruber einzelne Erfolge, darunter WM-Bronze am Sprung 2017 oder EM-Gold in Basel in diesem Jahr, erreichte. Mit Steingruber pflegt Martin ein gutes Verhältnis.

Sie setzte sich gemeinsam mit anderen Kaderathletinnen in einem offenen Brief für den Verbleib ihres Trainers ein. Einen Einfluss habe dieses gute Verhältnis zwischen der deutlich stärksten Athletin und ihrem Trainer auf die Beurteilung nicht gehabt, erzählt Huser. «Wir wollten die Situation ganzheitlich untersuchen. Deshalb spielte dies für uns keine Rolle.» Diese Herangehensweise könnte auch auf einen Rücktritt von Steingruber hindeuten.

Giulia Steingruber mit ihrem ehemaligen Trainer Fabien Martin.

Giulia Steingruber mit ihrem ehemaligen Trainer Fabien Martin.

Salvatore Di Nolfi/Keystone

Steingruber – und dahinter ein grosses Loch

In der sportlichen Gesamtanalyse zum Zustand des Nationalkaders stellt David Huser fest, dass die Leistungen des Schweizer Teams stagniert haben. «Auf Stufe Elite gab es keine nennenswerte Erfolge mit der Ausnahme von Giulia», kritisiert Huser. Das Loch hinter der St. Galler Spitzenturnerin wurde noch grösser. Martin schaffte es nicht, ein funktionierendes Team aufzubauen. «Wir möchten nicht länger zuschauen», sagt Huser. «Es muss einen Ruck durch das Frauen-Kunstturnen geben.»

David Huser ist der neue Chef Leistungsport.

David Huser ist der neue Chef Leistungsport.

Christian Iglesias / zvg

In der Rhythmischen Gymnastik wurden nach den Skandalen und der Feststellung, dass es an der nötigen Basis fehle, die sportlichen Ziele drastisch nach unten korrigiert. Dies passiert im Kunstturnen nicht. Der STV lanciert das «Projekt 2028/2032». Das neue Nationaltrainerteam soll das Nationalkader langfristig entwickeln, damit frühestens an den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles wieder Erfolge gefeiert werden können.

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