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Seferovic: «Und dann platzt halt der Kragen»

Haris Seferovic hat ein sportlich schwieriges Halbjahr hinter sich. Im Nationalteam ist der Status unter Vladimir Petkovic ungleich höher. Der 26-Jährige über seine Kindheit und die bosnischen Eltern, Serbien und sein Ansehen bei den Anhängern.
Interview: Christian Brägger, Toljatti
Haris Seferovic: «Sicher bin ich kein Ronaldo, nicht Messi. Aber wer ist das schon.» (Bild: Laurent Gilliéron/Keystone (Toljatti, 18. Juni 2018))

Haris Seferovic: «Sicher bin ich kein Ronaldo, nicht Messi. Aber wer ist das schon.» (Bild: Laurent Gilliéron/Keystone (Toljatti, 18. Juni 2018))

Haris Seferovic hat sich gegen Brasilien als alleinige Sturmspitze abgemüht, aufgerieben. Gefahr vor dem gegnerischen Tor brachte er keine. Kurz vor Spielende wechselte Vladimir Petkovic den 26-Jährigen aus, als es galt, den Punkt zu sichern.

C.B.: Haris Seferovic, was macht eine Saison aus einem Spieler, die so schlecht läuft wie Ihre in Lissabon?

Haris Seferovic: Der Anfang war passabel, dann kam ein Umbruch mit einem Systemwechsel und es wurde schwierig für mich. Die Saison war nicht gut – aber ich kann gewisse Dinge mitnehmen. Ich weiss einmal mehr, was man alles erleben kann. Natürlich gab es schwierige Momente für mich. Ich gebe im Training alles. Wenn der Coach mich trotzdem nicht spielen lassen will, ist das sein Entscheid, seine Verantwortung.

Haris Seferovic ist keiner, der gerne Interviews gibt. Er denkt, er komme jeweils nicht authentisch rüber, auch die Antworten würden aus dem Zusammenhang gerissen. Doch an diesem Nachmittag – das Gespräch findet im Vorfeld der WM statt – gibt er sich zutraulich, offen, sympathisch.

Es hat auch schon geheissen, man müsse Sie vor sich schützen.

Ich kann ruhig sein. Aber ich habe das Temperament meines Vaters, irgendwann ist genug, und dann platzt halt der Kragen. Das passiert jedem, ausser Ricardo Rodriguez. Bei ihm braucht es so viel mehr. Aber ich lerne dazu. Zuletzt gab es ja auch immer diese Diskussion um mich, ob ich spielen soll oder nicht.

Sie klingen leicht genervt.

Es kommt darauf an, wie man mich behandelt. Wer mich respektiert, den respektiere ich auch. Aber was soll ich einem erwidern, der mir nichts Gutes wünscht? Manchmal denke ich: «Komm, tauschen wir doch die Rollen, wenn du so eine Ahnung vom Fussball hast!»

Zur Person

Haris Seferovic ist 1992 in Sursee geboren. Der Stürmer steht bei Benfica Lissabon unter Vertrag und spielt seit 2016 für die Schweizer Nationalmannschaft. Seine Fussballkarriere begann er in den Jugendmannschaften des FC Sursee, des FC Luzern und bei GC.

Fühlen Sie sich missverstanden von jenen Leuten, die Sie als arrogant bezeichnen?

Ich habe meinen Gesichtsausdruck, arrogant bin ich aber nicht. Vermutlich haben die Leute mich von früher im Kopf.

Was war denn früher?

Ich habe es vergessen. (lacht) Als man mich damals auspfiff in Basel, hätte ich den Leuten hundert Dinge an den Kopf werfen können. Wenn ich aber ein Tor schiesse, ist alles wieder gut für den Moment. Sicher bin ich kein Ronaldo, auch nicht Messi. Aber wer ist das schon.

Wer steht Ihnen eigentlich im Nationalteam am nächsten?

Breel Embolo, Granit Xhaka, Manuel Akanji, Josip Drmic. Auch mit Valon Behrami bin ich oft zusammen. Er ist sehr wichtig für uns, hat mich am Anfang wie andere Spieler geführt und bei der Integration geholfen. Wie früher Diego Benaglio – er half mir immer, wenn ich nicht auf Anhieb verstand, warum etwas so oder so läuft. Vladimir Petkovic hat mich menschlich geformt.

Können Sie sich im Team eine Leaderrolle ebenfalls vorstellen?

Natürlich. Mit der Zeit hat man ja mehr Erfahrung und macht weniger Fehler. Früher habe ich mehr Kontra gegeben, wenn ein Trainer mich kritisierte. Dann platzte halt mal etwas aus mir heraus, auch wenn ich das überhaupt nicht wollte. Wichtig war und ist, dass man alles auf den Tisch bringt, an- und ausspricht.

Haris Seferovic hat bosnische Wurzeln, seine Eltern waren in die Schweiz gekommen, noch bevor der Krieg mit Serbien ausgebrochen war. Der Stürmer weiss nicht viel über jenen Krieg. Der Vater habe ihm zwar Geschichten erzählt, es sei immer schwieriger geworden damals in der Heimat. Also hätten sich seine Eltern entschieden, diese zu verlassen. Haris Seferovic ist das mittlere Kind einer fünfköpfigen Familie, die noch immer in Sursee in einer gewöhnlichen Wohnung wohnt. In Bosnien gebe es nicht viel Arbeit, das Leben sei auch heute dort nicht einfach, erzählt er.

Das Spiel gegen Serbien, flammen für die Bosnier nun die Animositäten von einst wieder auf?

Nein. Was passiert ist, ist passiert. Ich bin nicht in Bosnien geboren und habe dort auch nie gelebt. Wir haben bei Benfica einige Serben im Team, ich verstehe mich bestens mit ihnen. Wir chillen zusammen, gehen essen, sind Kollegen. Nun ist halt WM, sie wollen Punkte, und wir wollen die Punkte noch mehr. Aber Serbien – Schweiz ist ein ganz normales Fussballspiel.

War Albanien damals schwieriger?

Albanien war ein harter Brocken, vor allem für Granit, der gegen seinen Bruder spielen musste. Mir selbst war das an der EM egal. Der Gegner kann für mich auch Montenegro sein, oder Kosovo. Ich spiele Fussball, ich will Tore erzielen, Spiele gewinnen. Die politischen Aspekte, die von aussen eingebracht werden, interessieren mich überhaupt nicht.

Der Vater von Haris Seferovic arbeitet heute noch im Schichtbetrieb in Emmenbrücke und stellt Eisenteile für deutsche Autos her. Der Sohn erzählt, er habe dem Vater angeboten, wenigstens mit der Nachtschicht aufzuhören – doch dieser lehnte dankend ab. Vielleicht würde es ihm zu langweilig, sagt Haris Seferovic. Vermutlich aber sei der Vater einfach zu stolz und wolle sein eigenes Geld haben. Haris sagt: «Wenn er sich gut dabei fühlt und Spass hat, warum sollte er nicht mehr arbeiten?» Haris Seferovic hat nach der Realschule keine Ausbildung abgeschlossen, er hörte mit der United School of Sports auf, als er mit 17 Jahren ins Ausland wechselte. Bis heute steht er mit einem Lehrer jener Schule in Kontakt, der mehr Geduld mit ihm hatte. «Ich war eher faul und begriff oft nicht alles aufs erste Mal.»

Welche Kindheitserfahrung hat Sie am meisten geprägt?

Ich habe stets mit meinem Vater Fussball gespielt. Immer und immer wieder. Und ich erinnere mich daran, wie ich mit ihm fischen ging. Da war einmal ein Fisch im Bergsee. Das Tier war verletzt, ich wollte es herausholen. Ich rutschte aus und fiel ins eiskalte Wasser. (lacht)

Wer ist strenger zu Hause?

Der Vater ist viel strenger. Wenn er nicht ausgeschlafen ist, sag ich ihm jeweils, er solle sich nochmals hinlegen. (lacht) Die Mutter ist mehr Wohlfühlprogramm für mich. Beide sind stolz auf mich und meine Geschwister. Bei meinem kleinen Bruder sind sie eher nachlässig in der Erziehung. Jedenfalls im Vergleich zu meiner Erziehung, wie ich finde. (lacht)

Sie haben in Ihrem Leben zwei Tore erzielt, die kaum wichtiger sein könnten. Den Siegtreffer im WM-Final der U17, dann an der WM gegen Ecuador das 2:1 in der Schlussminute. Was geben Ihnen diese Tore?

Emotionen! Man weiss, was man kann und was alles möglich ist. Das Finaltor 2009 war danach keine Bürde. Es gab zwar schon die Gefahr, abzuheben. Da kamen dann aber die Eltern ins Spiel, die wissen, was passieren kann mit dem eigenen Kind. Sie erden dich, zeigen dir, woher du kommst. Und wer du warst. Das war total wichtig damals, als mir alle den Himmel auf Erden versprachen.

Was würden Sie einem sagen, der erst 26 Jahre alt ist und schon neunmal den Club gewechselt hat?

Sie meinen damit wohl mich. Was soll ich sagen, ich bin halt einer, der spielen will. Aber es gibt ja extremere Beispiele. Jeder hat sein eigenes Leben, jeder muss machen, was er für richtig hält. Ich selbst habe noch vier Jahre Vertrag in Lissabon. Natürlich kann immer etwas passieren, aber ich habe mir nichts vorzuwerfen. Ich habe keinen Stress. Und jetzt ist eh WM. Da geht es nur darum, die Gruppenspiele möglichst gut zu absolvieren.

Haris Seferovic fühlt sich wohl im Schweizer Team. Die Verschiedenheit der Spieler sei eine grosse Stärke. Wenn alle denselben Charakter hätten, wäre es nicht gut. Beispielsweise nur Ricardos und Granits würde keiner aushalten, sagt er lachend.

Lesen Sie?

Nicht viel. Ich habe mit der Biografie von Mike Tyson angefangen, die mir der Bruder meiner Freundin gab. Tyson musste gegen viele Widerstände kämpfen, er kam von Null auf Hundert. Bei mir ist es irgendwie ähnlich, auch dank der Hilfe meiner Eltern, die alles für mich taten. Ich bin hungrig, will noch mehr.

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