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Mentaltrainer von Kilian Peier: «Unglaublich, wie er explodiert ist»

Killian Peier zählt nach Bronze auf der Grossschanze auch im heutigen WM-Springen von der Normalschanze zum Favoritenkreis. Grossen Anteil an der Erfolgsstory hat Mentaltrainer Othmar Buholzer (63) aus Sempach.
Interview: Stephan Santschi
Plötzlich im Scheinwerferlicht: der 23-jährige Waadtländer Killian Peier. (Bild: Philipp Schmidli (Engelberg, 14. Dezember 2018))

Plötzlich im Scheinwerferlicht: der 23-jährige Waadtländer Killian Peier. (Bild: Philipp Schmidli (Engelberg, 14. Dezember 2018))

Wie erlebten Sie den dritten Platz von Killian Peier auf der WM-Grossschanze?

Othmar Buholzer: Ein kleiner Traum ging in Erfüllung. Das konnte nicht so erwartet werden.

Waren Sie in Innsbruck?

Nein, da gehöre ich nicht hin. Ich war zweimal in dieser Saison an Weltcupspringen dabei, um zu sehen, wie Killian tickt. Das WM-Springen habe ich aber in Sempach verfolgt. Ich war wohl nervöser als er.

Für Olympia 2018 hatte sich Peier nicht qualifiziert, nun der Exploit ein Jahr später. Wie ist das möglich?

Ich bin kein Psychologe. Wenn mich jemand fragt, was ich mit Killian mache, sage ich: Wir reden von Mensch zu Mensch. Die Verantwortung, was wir tun, liegt letztlich aber bei ihm.

Was für einen Menschen haben Sie kennen gelernt?

Einen hochgradig sensiblen Menschen mit unglaublich wenig Selbstvertrauen. Er glaubte selten an sich, es war wirklich eine Herausforderung. Er hat so viel Potenzial, aber er war schwach im Kopf.

Wie gingen Sie es an?

Zunächst zog er aus der Sportler-WG aus und in Einsiedeln in eine eigene Wohnung. Er musste sein Leben selber in die Hand nehmen, kochen, die Wochenplanung machen – das war der erste Schritt.

Und danach?

Begannen wir mit einem neuen Instrument, dem Performance Profiling, zu arbeiten. Wir definierten zehn Parameter und wählten vier aus, welche seine Leistung stark beeinflussen: Klarheit, Selbstvertrauen, Autonomie, Ruhe. In allen Bereichen hatte er klare Defizite. Beim Selbstvertrauen etwa erreichte er nur 40 Prozent der Leistungsfähigkeit. Um eine WM-Medaille zu holen, brauchte es aus meiner Sicht 90 bis 95 Prozent.

Wie drückte sich das aus?

Ursprünglich kam er ja mit einer Ernährungsfrage zu mir, er wollte sein Gewichtsmanagement überprüfen. Killian konnte sich nicht belohnen, gönnte sich keine Schokolade. Sein Perfektionismus liess ihn immer zweifeln, sei es beim Training oder Wettkampf. Er hatte keine Geduld mit sich selbst.

Wie haben Sie seine Denkweise umpolen können?

Körperlich ist er unglaublich gut, also stellten wir die physische Leistung ins Zentrum. Er kann mit vier Schritten Anlauf über eine Latte in 1,80 Meter Höhe springen. Das haben wir gefilmt, damit er es sich immer wieder auf seinem Handy anschauen konnte. Darüber hinaus war es wichtig, dass er aus seiner Komfortzone herauskam.

Was heisst das konkret?

Wir reden von Fussfesseln und Ruhekissen. Eine Fussfessel war die Angst vor Seitenwind und sein Ruhekissen die Einstellung: Das mache ich morgen. Sein Trainer und ich schlugen ihm vor, mit einer normalen Skiausrüstung von der Kleinschanze in Einsiedeln zu springen und in einem Langlaufanzug von der mittleren. Es gab kleine Stürze, nichts Dramatisches. Aber es brauchte Mut, und er hat es auf sich genommen. Wir führten auch das Reflexionsbuch ein.

Wozu dient es?

Zur reflexiven Begleitung der Arbeit, alles wird schriftlich festgehalten. Von jeder Schanze notiert er sich Erfahrungen mit der Technik, dem Material und dem Mentalen. Es geht darum, sich zu spiegeln, Stärken und Schwächen zu erkennen. Dazu gehört auch, dass er sich einmal pro Tag während 15 Minuten klarmacht, dass er absolute Weltklasse ist.

Wie funktioniert das?

Er notiert, was ihn ausmacht. Er schaut sich Videos von guten Sprüngen an oder wie er von einem rollenden Brett über eine Hürde von 1,20 Meter springt und wieder auf dem Brett landet. Er betrachtet Bilder von erfolgreichen Wettkämpfen. Im Sinn von: «Ich bin Killian Peier, und ich bin Weltklasse.»

Gab es auch Rückschläge?

Die gehören dazu. In Engelberg war er völlig am Boden, als er im zweiten Wettkampf nicht in den Final kam. Und beim Skifliegen in Oberstdorf setzte es ihm zu, dass er mit 198 Metern die symbolisch wichtige 200-Meter-Marke knapp verpasste. Der ganze Aufbau geriet wieder in Zweifel. Da half ihm das gute Umfeld mit seiner finnischen Freundin. Nach ein paar Tagen Ferien in Finnland gelang ihm im Weltcup in Lahti ein Riesensprung (Rang 8, Anm. d. Red.)

Wie regelmässig arbeiten Sie mit Killian Peier?

Während der WM ist es intensiver. Sonst telefonieren wir ein- bis zweimal pro Woche, und jede zweite Woche treffen wir uns für zirka zwei Stunden. Mit einem solchen Athleten arbeitete ich noch nie. Skispringer haben ein sehr feines Gespür für sich selber. Im Handball wäre diese Arbeit schwieriger, dieser Sport ist robuster. Für mich ist das eine Riesenmöglichkeit, etwas zu lernen.

Am Freitag findet an der WM in Seefeld das Springen von der Normalschanze statt. Was trauen Sie ihm zu?

Er muss nun die Favoritenrolle annehmen. Bis Innsbruck schaffte er nie zwei sehr gute Sprünge hintereinander. Er kann es wieder schaffen. Unglaublich, wie er explodiert ist, das hätte ich nicht gedacht. Auch in Interviews kommt er nun souverän und locker rüber. Vor einem Jahr hatte er keine Ausstrahlung.

Sie fiebern wieder vor dem TV mit?

Ja klar. Wenn er wieder eine Medaille gewinnt, überlege ich mir, nach Seefeld zu fahren und mit ihm in die Schweiz zurückzukommen. Als Zeichen meines Respekts.

Ein Handballer lässt Peier wieder fliegen

Zur Person «Was nützt mir das ganze Potenzial, wenn ich nichts damit anzufangen weiss?» – «Ich brauchte Othmar, um mich besser kennen zu lernen.» Diese Aussagen von Killian Peier untermalen die wichtige Rolle von Buholzer. Peier hat den 63-jährigen Sempacher im letzten Mai nach dem Verpassen von Olympia 2018 in Südkorea als persönlichen Coach und Mentaltrainer beigezogen. Mit grossem Erfolg: Im Weltcup belegt der 23-jährige Waadtländer Platz 16, letztes Jahr war es Rang 54. Am letzten Samstag gewann er an der WM sensationell Bronze auf der Grossschanze.

Buholzer ist geschäftsführender Gesellschafter der Wagus GmbH, die sich der Gesundheitsförderung verschreibt. Neben dem Coaching von Sportlern unterrichtet er angewandte Trainingswissenschaften an der ETH in Zürich, und er ist in der Trainerausbildung in Magglingen tätig. Selber spielte Buholzer Handball (Borba, Emmenstrand, Zofingen), für die Schweiz absolvierte er 16 Länderspiele. Als Trainer bildete er in der SG Pilatus jahrelang Talente aus, zuletzt coachte er Dagmersellen in der 1. Liga. Dort macht er aktuell Trainings im Animationsbereich: «Wer die Kleinsten versteht, begreift die Topathleten besser. Letztlich geht es auf den gleichen Kern zurück. Ist der Mensch nicht erfolgreich, schwindet das Selbstvertrauen. Dann gilt es, Hindernisse zu überwinden und nicht einfach etwas anderes zu machen.» (ss)

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