UNIHOCKEY: «Mensch ist einfach auch Mensch»

Der deutsche Nati-Captain Franziska Kuhlmann (28) gehört bei Zug United zu den ganz wichtigen Figuren. Wie hat sie sich in der Schweiz zurechtgefunden?

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Doppelte Umstellung für Franziska Kuhlmann: Als sie 2014 aus Ostdeutschland nach Zug zog, warteten ein neues sportliches Niveau und ein neues Umfeld auf sie. (Bild Werner Schelbert)

Doppelte Umstellung für Franziska Kuhlmann: Als sie 2014 aus Ostdeutschland nach Zug zog, warteten ein neues sportliches Niveau und ein neues Umfeld auf sie. (Bild Werner Schelbert)

Michael Wyss

Franziska Kuhlmann kennt sich gut: «Ich bin ein Morgenmuffel, sehr ungeduldig und manchmal auch dickköpfig. Man kennt mich auch als Person, die sehr direkt sein kann. Ich sage, was ich denke. Das kann vorteilhaft sein, aber auch ein Nachteil», sagt sie schmunzelnd. Die 28-Jährige, die als Mediengestalterin (Polygrafin/Grafikerin) ihren Lebensunterhalt verdient, ist mit drei Geschwistern in Dresden aufgewachsen und begann im SSV Heidenau mit Unihockey. Seit 18 Monaten lebt sie in Wettswil am Albis und ist in ihrer zweiten Saison bereits eine Stütze im NLA-Team von Zug United. Sie ist eine Teamplayerin und ein Vorbild für viele Akteurinnen. Sie sagt: «Ich respektiere jeden Menschen und mache keine Unterschiede. Für mich ist Mensch einfach auch Mensch. Das erwarte ich aber auch von meinem Gegenüber.»

«Herzig und nett»

Kuhlmann, Captain der Nationalmannschaft Deutschlands, fühlt sich sehr wohl in der Schweiz: «Es gefällt mir sehr gut hier. Das Umfeld ist super, und ich habe einen tollen Arbeitgeber. Es könnte nicht besser sein», sagt Kuhlmann, die gerne Länder bereist, wo es nicht viele Touristen hat. «Unberührte Flecken auf der Erde reizen mich. Es sind vor allem Orte, wo noch nicht viele oder gar keine Menschen waren.» Wie kommt sie als Deutsche mit der hiesigen Mentalität zurecht? «Ich fand die Schweizerinnen und Schweizer schon immer ganz herzig und nett. Ein so grosser Unterschied zwischen den beiden Ländern gibt es gar nicht. Die Deutschen sind direkter und wirken deshalb arroganter, was sie gar nicht sind. Die Schweizer reden vielleicht etwas um den Brei herum und schweifen etwas mehr ab oder umschreiben ein Thema etwas mehr. Doch sie meinen es letztendlich genau so wie wir.»

«Es ist eine Ehre»

Zurück zum sportlichen Geschehen. Da läuft es momentan in der Meisterschaft nicht so rund. Zug United steht in der NLA auf dem zweitletzten Rang mit zwei Siegen und acht Niederlagen. Kuhlmann, die in ihrer Freizeit gerne shoppen geht, meint zur sportlichen Lage: «Es bleibt sicher viel Luft nach oben. Wir haben mehr Qualität, als es die Tabelle zum Ausdruck bringt. Ich bin guten Mutes und optimistisch, was die kommenden Spiele betrifft. Wir spielten nicht immer unsere Stärken aus. Die Resultate werden kommen.»

Im Team von Zug United figuriert mit Vroege Willemijn auch der Nationalmannschafs-Captain Hollands. Wie ist das Verhältnis? «Sehr gut. Wir tauschen uns regelmässig aus. Wir profitieren gegenseitig voneinander. Es ist interessant zu erfahren, was bei anderen Nationalteams alles läuft oder wie was gehandhabt wird», sagt Kuhlmann, die es «als Ehre» empfindet, ihr Land als Spielführerin zu vertreten. «Ich würde mich aber auch nicht daran stören, wenn es eine andere Spielerin wäre. Ich bin letztlich auch nur ein Teil dieses Puzzles. Wichtig ist, dass ich die jungen Spielerinnen motivieren kann und ihnen helfe bei ihrer Weiterentwicklung.» Für Kuhlmann und Willemijn steht ein grosses Highlight vor der Tür. vom 4. bis 12. Dezember findet in Tampere (Finnland) die Weltmeisterschaft statt. «Wir möchten unter die Top acht kommen, das wäre super», sagt Kuhlmann auf ihr Ziel angesprochen.

«Erster Kontakt über Facebook»

Wie kam es eigentlich zum Engagement bei Zug United? «Nach der Weltmeisterschaft in Tschechien hat mir der damalige United-Trainer Renato Wyss bei Facebook geschrieben, ob ich nicht Lust hätte, für sie zu spielen. Unser Sportchef und jetziger Präsident Dominik Rickenbacher hatte mich bei der WM spielen sehen und sich mit Wyss über mich unterhalten. Nach einigen Probetrainings war für mich klar, dass ich nach Zug wechsle.» Bemerkenswert: Sie spielte vorher auch noch auf dem Kleinfeld – doch nicht nur: «Ich habe auf dem Grossfeld mit einer Spielgemeinschaft Heidenau/Chemnitz gespielt. Zweimal pro Woche habe ich ausserdem mit den Herren des UHC Döbeln auf dem Grossfeld trainiert. Dementsprechend war es keine grosse Umstellung für mich – bis auf das höhere Niveau in der Schweiz natürlich.»

«Berge, Seen ...»

Was gefällt Kuhlmann an ihrer neuen Heimat? «Ich schätze natürlich die Landschaft, man hat alles auf einem Fleck. Die Berge, die Seen, die Stadt und das Land. Ich finde die Menschen hier sind etwas entspannter als in Deutschland. Ich bin zum Beispiel ruhiger beim Autofahren geworden, nur 120 Kilometer pro Stunde auf der Autobahn zu fahren oder schleichende Autos innerorts stressen mich nicht mehr so wie in Deutschland», lacht sie. Was fehlt Kuhlmann aus ihrer alten Heimat? «Ganz klar meine Familie und Freunde aus der Heimat. Wenn ich nicht arbeiten und so viel Unihockey spielen würde, dann würde ich sie noch mehr vermissen und dann wüsste ich nicht, wie lange ich hier bleiben würde.»

Die Telefonrechnung dürfte hoch ausfallen. «Ich schreibe eher WhatsApp-Nachrichten, aber nur weil es günstiger ist», sagt Kuhlmann lachend.