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Union Berlin in der Bundesliga: Bei Urs Fischer explodieren die Gefühle

Der Schweizer Trainer Urs Fischer führt den 1. FC Union Berlin in die Bundesliga und wird in Köpenick zum Helden.
Markus Brütsch

Es sind gute Zeiten für Feierbiester. Drei Tage lang wird in Köpenick gefeiert, was das Zeug hält. Schon am späten Montagabend lagen sich nach dem 0:0 gegen den VfB Stuttgart und dem erstmaligen Aufstieg des 1. FC Union in die Bundesliga wildfremde Menschen in den Armen.

Was gewöhnlich eine Floskel für überschwänglichen Jubel ist, war an der Alten Försterei die pure Realität. Denn es ist nicht anzunehmen, Trainer Urs Fischer und Präsident Dirk Zingler hätten all die vielen Mitmenschen persönlich gekannt, die sich ihnen freudetrunken an den Hals warfen. «Es ist einfach geil. Es tut mir etwas leid für diese Wortwahl, aber ich kann es kaum anders beschreiben. Diese Gefühle kann man nicht in Worte fassen», sagte der Trainer nach der obligaten Bierdusche. «Ich fasse es nicht. Ich habe 40 Jahre lang auf dieses eine Spiel gewartet. Ich bin unbeschreiblich glücklich», sagte der Präsident von der Toilette kommend, wo er die Schlussphase dieses so aufregenden Relegationsspiels verbracht hatte.

Nach einem 2:2 in Stuttgart hatte Union dank des Videobeweises im Rückspiel ein 0:0 gehalten, das dann wegen der Auswärtstorregel zum grössten Erfolg in der Vereinsgeschichte seit dem Pokalsieg 1968 (zu DDR-Zeiten) genügte. Noch nach dem letzten Spieltag in der 2. Liga waren die Köpenicker todtraurig gewesen, weil sie mit einem 2:2 in Bochum den direkten Aufstieg verpasst hatten. Doch an diesem Montagabend dürfte ihnen dann schon bewusst geworden sein, um wie viel schöner es doch ist, vor eigenem Publikum zu feiern.

Klar, die obligate Bierdusche: Trainer Urs Fischer nach dem Aufstieg mit Union. (Bild: Jörg Carstensen/Keystone (Berlin, 27. Mai 2019))

Klar, die obligate Bierdusche: Trainer Urs Fischer nach dem Aufstieg mit Union. (Bild: Jörg Carstensen/Keystone (Berlin, 27. Mai 2019))

Was Fischer mit einem namenlosen Team erreicht hat, ist eine Sensation. Der Schweizer verstand es, das Letzte aus den Spielern herauszukitzeln. «Mehr kämpfen geht nicht», sagte Verteidiger Michael Parensen noch immer nach Luft japsend.

Am Tag danach stand um die Mittagszeit Dirk Zingler vor dem Stadion an der Alten Försterei und gab dem ZDF ein Interview. «Ich habe kaum geschlafen und habe einen Brand», sagte der ­bemitleidenswert angeschlagen aussehende Präsident. «Wir haben eine Explosion der Gefühle erlebt. Diese Freude mit allen Unionern zu teilen, ist das Grösste», sagte Baustoffunternehmer Zingler und lobte Fischer. «Er hat uns gutgetan. Er ist bodenständig, kommunikativ und lässt sich auf die Leute ein. Ein Toptrainer, der perfekt hierher passt. Wir sind glücklich, Urs bei uns zu haben.»

Die fünf Berliner Zeitungen im Griff

Wie die Faust aufs Auge. Dieser Meinung ist auch Mario Eggimann, neben Frédéric Page einer von zwei Schweizer Spielern, die das rote Trikot von Union getragen haben. «Vor der Ära Fischer sind alle Trainer am Druck zerbrochen, aber Urs hat es mit seiner unaufgeregten Art geschafft, die fünf Berliner Zeitungen im Griff zu haben. Fischer war der Schlüssel zum Erfolg, und die Stabilität des Teams ist ein Spiegelbild des Trainers», sagt Eggimann, der von 2013 bis 2015 für die Köpenicker aufgelaufen war. Er hatte damals erkannt, weshalb Union den Ruf hat, ein Kultverein zu sein. «Im Gegensatz zu anderen Klubs geht es hier nie um Einzelne, sondern immer nur um das Ganze, um den Verein. Die Leute leben für diesen Club.»

Nichts könnte dies besser unterstreichen als Fischers Dankesrede an alle, von der Wäschefrau bis zum Zeugwart, die zum Wunder «Union» beigetragen haben. «Ein Verein hat ein Jahr lang alles für diesen Erfolg getan. Ich mag es jedem Einzelnen gönnen», sagte Fischer.

Auch die Familie hatte Hühnerhaut

Auch Frédéric Page, in der Saison 2003/04 an der Alten Försterei tätig und mit Union in die Drittklassigkeit abgestiegen, hat am Montag mitgefiebert. Schon damals hatte er bemerkt, dass vielen Union-Fans die Ligazugehörigkeit weniger wichtig war als der Zusammenhalt im Verein. «Wie gut sich Union entwickelt hat, ist einfach unglaublich», sagt Page. Um seiner Familie zu zeigen, wie speziell die «Eisernen» sind, hat er sie vor gut fünf Jahren mitgenommen zum traditionellen Weihnachtssingen im Stadion. «Gerade als ich dort Spieler war, fand es zum ersten Mal statt», erzählt Page. Heute kommen jeweils am 23. Dezember gegen 30000 Fans, und es ist längst ein Event. «Die ganze Familie hatte an diesem Abend Hühnerhaut», sagt Page.

Wie Urs Fischer am Montagabend. Vor einem Jahr hatte er bei   seiner Vorstellung gesagt: «Schweizer Trainer haben im deutschen Fussball bereits einige Spuren hinterlassen. Ich werde alles tun, um eine weitere Erfolgsspur hinzuzufügen.»

Fischer hat Wort gehalten. Vor ihm hatten bereits Martin Andermatt den SSV Ulm und Marcel Koller den VfL Bochum in die Bundesliga geführt. René Weiler hatte den Aufstieg mit Nürnberg gegen Frankfurt knapp verpasst. Fischer wird nach Rolf Fringer, Andermatt, Koller, Hanspeter Latour, Lucien Favre, Christian Gross und Martin Schmidt der achte Schweizer Trainer sein, der es in die Bundesliga schaffte.

«Wir sind nicht unvorbereitet»

Dort werden die Berliner hartes Brot essen müssen. Allerdings wäre es falsch, den Kultklub im Oberhaus einfach nur als Folklore zu betrachten. Union wird von Zingler knallhart nach finanziellen Gesichtspunkten geführt und das Stadion dereinst von 22000 auf 37000 Plätze ausgebaut. Doch Zingler schafft den Spagat, den Fans bei allem Kommerz das Gefühl zu geben, Tradition und Heimatgefühl würden unverhandelbar hochgehalten. «Wir sind nicht unvorbereitet auf die Bundesliga», sagt Zingler. «Doch jetzt wird erst mal gefeiert.»

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